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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.09.2009

Erste Twitter-Oper

Kultur zum Mitmachen in der Londoner Royal Opera

Von Mathias Thibaut

Alternativer Spaß. (Deutschlandradio / Andreas Lemke)
Alternativer Spaß. (Deutschlandradio / Andreas Lemke)

Mehrere Hundert Twitterer haben an einem Libretto für die Londoner Royal Opera mitgeschrieben. Per Handy oder Internet erfanden sie die Geschichte eines Dreiecksverhältnisses. Die "Twitterdämmerung" hatte im Rahmen des Deloitte Igniote Festivals Premiere.

Tweatet oder twittert der ältere Herr, der auf sein Handy starrt, noch letzte Ergänzungen zum Libretto? Nein, betont er, von Oper halte er nichts, er sei aus Liebe zum Tanz zum Festival ins Opernhaus gekommen. Vielleicht wollte er an dem 15-Minuten-Tanzkurs teilnehmen, den Choreograf Ben Wright gab unter dem Motto "Freiheit, Ordnung, Sich Verkleiden, Diskokugeln - alles, was man für ein glückliches Leben braucht".

Einmal im Jahr öffnet sich die Royal Opera für alternativen Spaß und Avantgarde -Kultur und Mitmachen wird groß geschrieben, Audience participation, interaktive Kultur. Die Oper, meint der Tanzliebhaber, wehre sich verzweifelt gegen das Image, nur etwas für alte Leute mit Geld zu sein. Und da sollte die Twitter-Oper Abhilfe schaffen. Mit Schlagzeilen in aller Welt erfüllte das Werk schon vor der Premiere seinen Zweck. Wenn das Werk nun noch etwas tauge, meinte der Tanzfreund, sei das ein ganz unverhoffter Bonus. Und dann begann die Kammeroper mit einem Klaviertusch, gespielt wurde im Foyer, wo die Operngäste sonst den Champagner trinken.

Eines frühen Morgens, so hatte die Oper ihrer Twitter-Gemeinde den Anfang vorgegeben, standen ein Mann und eine Frau Arm in Arm in London’s Covent Garden. Der Mann wandte sich an die Frau und sang. Ein kleiner Vogel zwitschert da drüben, er singt ohne Sorge, ach wären auch wir so frei und sorglos. So harmlos beginnt die Oper, die aus den 900 Twitter-Nachrichten des Publikums geschrieben wurde. Material für viele Stunden kam zusammen, 7 Akte 140 Charaktere, alles wurde in einen flotten Duettgesang von zwei Sängern und einem Klavier kondensiert, ein Erzähler versucht, der Handlung auf die Sprünge zu helfen, aber mitkommen war ja noch nie das Wichtigste in der Oper. Am Schluss machten die 15 Minuten allen Spaß, sogar dem Tanzfreund. Auch den beiden Sängern, Bariton Andrew Slater und Mezzosopran Hannah Pedley?

Ja, es war stressig, aber ein Spaß. Etwas so schnell auswendig zu lernen sei ein Albtraum, meinte Slater dann und man hatte das Gefühl, dass ihn die Sache doch etwas genervt hat. Um aktuell mit den Tweats zu bleiben wurde das Ganze in nur drei Tagen einstudiert und auch das Komponieren hat nicht viel länger gedauert. Ist das also die neue Oper, reaktionsschnell, interaktiv wie alles in unserer Kultur? Mezzosopran Pedley hat da ihre Zweifel.

Man könnte denken, das sei die Idee. Aber die Geschichten, die von den Twitterern kamen, waren nicht gerade zeitgenössisch und modern, es geht um Vögel, um Leute, die in Türmen schmachten, ein verrücktes Dreiecksverhältnis … eben Oper, wie wir sie schon immer kannten.

Avantgarde, lernen wir einmal mehr, kommt eben nicht aus dem Volk. Fast etwas bitter fügt Hannah Pedley noch an, dass Opern, an denen drei Monate lang mit ungeheurem Aufwand geprobt und gearbeitet wird, oft nur zwei, drei Kritiken bekommen. Der kleine schnelle Twitter-Spaß löste in der ganzen Welt Aufmerksamkeit aus.

Der Publicity Gag stellte so ein höchst lebhaftes Festival in den Schatten - das Journalisten des Londoner "Time Out Magazines" kuratierten und dem Thema Spiegel gewidmet hatten: Vieles in der Oper spielt sich ja vor Spiegeln ab, Maskenbälle, Verwechslungskomödien, Rollen- und Geschlechtertausch, das ganze karnevalistische Element der Oper wurde ausgebreitet. Hervorragend etwa die Theaterinstallation der Gruppe dreamthinkspeak über die letzten Tage der mannstollen Duchess von Argyle in den mondänen Supper-Rooms, wo früher die vornehmsten Operngäste den Pausensnack einnahmen. Mag das Volk twittern - Oper bleibt eine vornehme und mondäne Kunst. So wissen wir jetzt noch besser, dass wir für fortschrittliche Kunst Künstler brauchen, die sich über Konventionen hinwegsetzen. Das Publikum im Parkett wird in der Oper weiterhin die Handys abstellen müssen.

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