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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.11.2012

"Erschütternde Momente"

Dokumentarfilmer berichtet über Gespräche mit dem nordkoreanischen Ex-Häftling Shin Dong-Hyuk

Marc Wiese im Gespräch mit Frank Meyer

Gequält, gefoltert, erniedrigt: Shin Dong-Hyuk
Gequält, gefoltert, erniedrigt: Shin Dong-Hyuk (Real Fiction Filmverleih)

1983 in einem nordkoreanischen Straflager geboren, erlebt Shin Dong-Hyuk 23 Jahre lang Folter und Tod. Mutter und Bruder werden vor seinen Augen exekutiert. Marc Wiese hat das Schicksal des heute 29-Jährigen dokumentiert. Die Dreharbeiten führten beide oft an die Grenze des Ertragbaren.

Frank Meyer: Vom bizarren Führerkult in der nordkoreanischen Diktatur haben wir schon einiges erfahren, aber eine Geschichte wie die von Shin Dong-Hyuk ist bei uns noch nicht bekannt geworden.

23 Jahre lang hat Shin Dong-Hyuk in einem nordkoreanischen Arbeitslager gelebt, vom Tag seiner Geburt an bis zu seiner Flucht. Er hat dort eine unvorstellbare Grausamkeit erlebt, wurde selbst gefoltert und gequält. Davon erzählt er in dem Dokumentarfilm "Camp 14", der morgen in unsere Kinos kommt.

Shin Dong-Hyuk, in der deutschen Fassung des Films "Camp 14" leiht ihm der Schauspieler August Diehl seine Stimme. Der Dokumentarfilmer Marc Wiese hat diesen Film gedreht und der ist jetzt in Frankfurt am Main für uns im Studio. Seien Sie willkommen, Herr Wiese!

Marc Wiese: Schönen Tag auch!

Meyer: Was wir gerade da von Shin Dong-Hyuk gehört haben, dass er wieder in dem Camp leben möchte, in dem er geboren wurde, das hört man sehr fassungslos am Ende dieses Films, nach all seinen grausamen Erfahrungen. Wie haben Sie das verstanden, dass er diese Sehnsucht hat nach dem Camp?

Wiese: Ja, es war für mich auch eine extreme Überraschung. Wir haben die Interviews mit Shin über eine Zeitspanne von zwei Wochen gemacht, also jeden Tag zwei Wochen lang Interviews, und zwei Wochen lang hat er mir von dieser Hölle des Arbeitslagers oder Zwangslagers erzählt. Und auf einmal sagt er am Ende, er will dort hin zurück! Ich kann mich erinnern, ich habe diesen Take natürlich zu Ende ihn sprechen lassen, damit ich ihn für den Film verwenden kann, und habe dann ungefähr fünf Mal nachgefragt: Welches Lager meinst du, meinst du wirklich dein Lager, da willst du hin zurück? Ich habe dann nach und nach gelernt, er ist einfach in unserer Welt völlig überfordert und sehnt sich in diese geordnete Welt. Das liegt daran:

Er ist in diesem Lager geboren worden, er hat viele Dinge, die für uns selbstverständlich sind, nie gelernt. Er hat beispielsweise nie gelernt, Entscheidungen zu treffen, weil, die Entscheidungen werden immer vom Wärter getroffen, dadurch kann er das nicht. Er hat nie gelernt, mit Geld umzugehen, weil er gar kein Geld kannte. Als er geflohen ist, hat er das erste Mal in seinem Leben überhaupt Geld gesehen. Das führt alles dazu, dass er in Seoul – Seoul ist auch noch eine sehr wettbewerbsorientierte Gesellschaft, sehr stark auf Erfolg ausgerichtet – … dort ist er völlig überfordert.

Meyer: Wobei man ihn ja auch sieht in einer ganz anderen Rolle, wenn er um die Welt reist, um aufzuklären über die Grausamkeit in diesen Arbeitslagern. Da hält er Vorträge, tritt vor riesigen Versammlungen auf, reist wirklich um die halbe Welt, um davon zu berichten, was er erfahren hat. Und obwohl er diese Aufgabe hat, fühlt er sich so völlig fehl am Platz im Westen?

Wiese: Ja, es ist so: Man muss bei ihm, glaube ich, ich bin kein Psychologe, aber man muss bei ihm so verschiedene Ebenen unterteilen. Und auf dieser oberen Ebene erfüllt er seine Rolle sehr gut, das wurde von einer Menschenrechtsorganisation sehr viel vermittelt, und da tritt er auf und erzählt aus seinem Leben. Aber darunter ist er ein schwerst traumatisierter Mann, der nie eine entsprechende Behandlung bekommen hat.

Er hat das mal an einem Beispiel aufgehängt, was ich großartig fand, dass jemand aus einem nordkoreanischen Gefangenenlager unseren Lebensstil so kritisiert: Er sagt, er hat im Zwangslager nie gesehen, dass jemand Selbstmord begangen hat. Und in Seoul begehen viele Menschen Selbstmord. Und dann sagt er, aber die haben doch alles, die haben Essen, die haben Kleidung, die haben eine Wohnung und begehen trotzdem Selbstmord!

Meyer: Es gibt ganz viele erschütternde Momente in dem Film, wir haben in unserer Einführung ja auch schon von einigen gehört. Man sieht und hört es Shin in Ihrem Film besonders an, dass eine Erinnerung ihn sehr quält, dass er seine Mutter und seinen Bruder verraten hat, als die aus dem Lager fliehen wollten. Wie erklärt er das, diesen Verrat?

Wiese: Ja, das war eine Situation wie in einem Shakespeare-Drama: Ich habe ein Kind, der 14 Jahre lang täglich darauf hingetrimmt wird: "Du musst alles melden!" Mit täglich meine ich, es gab abends im Lager immer so Versammlungen, wo man die anderen kritisieren musste, öffentliche Kritikversammlung. Das hat Shin erlebt, das kannte er nicht anders. Er hatte nie so ein Familienbild, wie wir das haben, weil, der Vater beispielsweise durfte nur alle drei Monate mal eine Nacht da sein, die Mutter verließ morgens um fünf das Haus, kam abends um elf zurück wegen der Zwangsarbeit. Also, es war natürlich ein völlig anderes Familienverständnis. So, und dann erlebt er seinen Bruder, den er nebenbei auch nie gesehen hat, zu Hause und weiß, der ist nicht bei der Zwangsarbeit. Wenn ich mich von der Zwangsarbeit in diesem Lager entferne, werde ich dafür öffentlich hingerichtet. Deswegen sagte die Mutter zu dem Bruder, du musst fliehen! Jetzt steckte Shin in folgender Klemme: Soll ich das melden? Wenn ich es nicht melde und die Flucht misslingt – die Chance, dass diese Flucht misslingt, war extrem hoch –, wird die ganze Familie hingerichtet, das wusste er. Bei misslungener Flucht wird die ganze Familie getötet, öffentlich. So, und jetzt musste er mit 14 entscheiden: Wählen zwischen dem Verrat an der Mutter und dem Bruder oder das Risiko einzugehen, alle vier werden getötet.

Meyer: Und er musste dann damals zuschauen, wie seine Mutter und sein Bruder hingerichtet wurden, sein Vater und er haben damals überlebt. Jetzt ist Shin Dong-Hyuk geflohen. Weiß er, ob sein Vater jetzt wegen seiner Flucht hingerichtet wurde?

Wiese: Nein, das weiß er nicht. Er hat versucht, das herauszubekommen, er hat Anfragen gestartet über die UN und Politiker haben ihm geholfen, ein amerikanischer Senator, aber der Hintergrund ist schlicht: Die nordkoreanische Regierung bestreitet die Existenz dieser Lager. Er weiß es nicht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Vater nicht mehr lebt.

Meyer: In Ihrem Film sieht man nun nicht mehr Shin Dong-Hyuk, sondern auch zwei frühere nordkoreanische Offiziere, die erzählen, dass sie Menschen in solchen Lagern gefoltert und getötet haben. Wie haben Sie diese beiden früheren Offiziere dazu bekommen, sich zu diesen Verbrechen zu bekennen, so öffentlich vor der Kamera?

Wiese: Ja, das war sehr schwierig und auch … Ich mache seit 15 Jahren solche Filme und sage immer, ich möchte nicht nur Opfer zeigen, ich möchte auch die Menschen sehen, die verantwortlich sind. Und da ist es üblich, dass Täter das Ganze verkleiden in Sätze wie "Ja, es war üblich, es war in unserer Einheit gängig" und so. Ich habe noch nie erlebt in 15 Jahren, dass Täter so offen selber Verantwortung übernehmen.

Und die beiden, wie sie so rein kamen in ihrem Anzug mit Krawatte, sich hinsetzten und erzählten, wie sie nach Belieben Menschen getötet haben, wie sie Menschen gefoltert haben, wie sie Frauen vergewaltigt haben und die, wenn sie zufällig schwanger wurden, ebenfalls getötet haben, die erinnerten mich einfach sehr stark an eine berühmte Doku über den Adolf-Eichmann-Prozess in Jerusalem.

Warum tun die das? Das habe ich mich dann auch gefragt und, nebenbei, im Interview war ich völlig ambivalent, weil: Die eine Seite in mir, der Filmemacher, war glücklich, bin ich ganz ehrlich, dass ich diese Interviews bekam. Ich wusste auch, wie wichtig das war, um einfach Shin zu stützen und glaubwürdiger zu machen. Und die andere Seite war schlicht schockiert. Ich kann mich erinnern, meine Übersetzerin, eine sehr erfahrene Journalistin in Seoul, die hat geweint während des Interviews, weil es so erschreckend war. Es gab viele Passagen, die konnten wir gar nicht in den Film schneiden, weil sie schlicht nicht zeigbar waren.

Meyer: Der eine Offizier sagt ja, dass er viele, viele Menschen getötet hat, und man fragt sich sofort: Muss er sich dafür verantworten, wird er in Südkorea dafür belangt, für solche Taten?

Wiese: Nein, ganz im Gegenteil. Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe die sehr starke Vermutung, dass die beiden mit dem südkoreanischen Geheimdienst einen Deal gemacht haben. Das heißt, die haben Informationen geliefert und dafür Asyl bekommen. Das Footage, das heißt, die Bilder aus dem Lager, das der eine Kommandant verdeckt gedreht hat, lag beim südkoreanischen Geheimdienst. Der sagte mir, es gibt diese Bilder und du kannst die haben, aber ich muss die erst vom Geheimdienst holen. Die haben die dann kopiert und ich kriegte die Originale.

Das Problem ist: Es gibt ja zurzeit keinen Gerichtshof. Also, in Den Haag gibt es ja den Internationalen Gerichtshof wegen Bosnien, wegen Ruanda, es gibt keinen Gerichtshof wegen Nordkorea! Falls der mal eingerichtet wird und falls ein Staatsanwalt anfängt zu recherchieren, reicht das Rohmaterial des Films, um diese beiden Männer zu verurteilen!

Meyer: Es gibt Momente in Ihrem Film, da bittet Shin Dong-Hyuk darum, eine Pause zu machen, oder er sagt, dass er lieber später über ein Thema reden möchte, zum Beispiel, wie er beim Waterboarding gefoltert wurde. Man hat den Eindruck, dass es ihm sehr, sehr viel abgefordert hat, sich seinen Erinnerungen zu stellen für diesen Film. Was bedeutet es denn für ihn, dass es diesen Film nun gibt?

Wiese: Es war sehr, sehr schwierig für ihn. Er ist komplett in diese Welt wieder abgetaucht, er hatte extreme Alpträume nachts, er ist … Nach den Interviews über die Foltersequenzen ist er drei, vier Tage verschwunden, ich wusste überhaupt nicht, wo er war. Diese Situation, dass er sagt, es reicht, ich brauche eine Pause, ist zehn Mal ungefähr passiert. Das war schon sehr, sehr schwer, aber er wollte es. Er wollte es, er wollte, dass seine Geschichte in die Welt getragen wird. Aber es ist sehr, sehr belastend für ihn. So belastend, dass er, als ich ihm sagte, ich möchte dir einen Rohschnitt zeigen, ich möchte dir den Film zeigen, hat er es abgelehnt. Er hat gesagt, ich möchte das nicht anschauen, das ist zu anstrengend für mich!

Meyer: Marc Wiese, der Regisseur des Films "Camp 14" über die Erlebnisse von Shin Dong-Hyuk, am Donnerstag kommt dieser Film in unsere Kinos. Herr Wiese, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Wiese: Danke schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Mehr Infos zum Dokumentarfilm "Camp 14" auf dradio.de finden Sie hier:

Geboren in der Hölle - "Camp 14" - Dokumentarfilm über den Alltag in einem nordkoreanischen Straflager

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Geboren in der Hölle