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Forschung und Gesellschaft / Archiv | Beitrag vom 19.06.2014

ErnährungSchön schwanger?

Immer mehr werdende Mütter leiden unter Essstörungen

Von Tabea Grzeszyk

Eine schwangere Frau hält ihren Bauch. (dpa/Fredrik von Erichsen)
"Pregorexie" ist die Fachbezeichnung für Essstörungen während der Schwangerschaft. (dpa/Fredrik von Erichsen)

Auch Schwangere müssen sich heute Schönheitsidealen unterwerfen, und so gilt auch für sie: je schlanker, umso schöner. Mit dem Ergebnis, dass immer mehr Mütter unter Essstörungen leiden.

Die Zeit der guten Hoffnung wird eine Schwangerschaft gerne genannt. Doch es gibt Schwangere für die entwickeln sich die neun Monate zu einem Albtraum: Denn jedes Kilo mehr auf der Waage, jede Veränderungen ihres Körpers, machen den Frauen Angst. Um das Gewicht in den Griff zu bekommen, entwickeln sie Essstörungen und betreiben krankhaft Sport. Wissenschaftler sprechen in solchen Fällen von "Pregorexie"– ein Kunstwort zusammengesetzt aus dem englischen Begriff "pregnancy", für Schwangerschaft, und Anorexia, für Magersucht. Doch wie verbreitet ist die Störung tatsächlich?

Panikattacken wegen Lebensmitteln

Dass Miriam Boser einmal mit zwei kleinen Söhnen im Supermarkt unbeschwert einkaufen gehen würde – diese vermeintlich alltägliche Szene war für die junge Frau jahrelang unvorstellbar. Es gab eine Zeit, in der sie auf die meisten Lebensmittel mit Panikattacken reagierte, erzählt die heute 40-jährige, an Schokokekse war nicht zu denken:

"Ich freue mich jedes Mal, wie leicht das jetzt für mich ist. Die Vorstellung, ich wäre noch so krampfig, das würde nicht funktionieren im Familienleben."

Miriam Boser heißt eigentlich anders. Sie lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Süddeutschland und kann heute offener über die Zeit sprechen, in der sie sich fast zu Tode gehungert hat. Miriam Boser war magersüchtig. Nicht als Teenager wie die meisten - nach Angaben des Robert-Koch-Instituts gibt es mittlerweile bei jedem dritten Mädchen in Deutschland Hinweise auf eine Essstörung. Da diese Essstörungen oft dann auftreten, wenn sich emotional oder biologisch etwas ändert, galten sie als typische Pubertätskrankheit. Dass Erwachsene oder gar Schwangere darunter leider können, wurde deshalb lange kaum wahrgenommen. Miriam Boser wurde erst nach dem Psychologie-Studium krank, als sie ihre Doktorarbeit schrieb:

"Erst mal war es großartig, weil ich so gemerkt habe, zum ersten Mal habe ich das Essen im Griff. Ich kann selber entscheiden, wie viel ich esse, bzw. wie wenig oder wie fast gar nichts. Und mein Gewicht purzelt runter und ich hab endlich das Gefühl, ich habe die Sachen im Griff und ich kann alles tun, was die schlanken, die guten, die disziplinierten Menschen tun können. Und dann kam aber bald der Punkt, wo ich gemerkt habe, ich habe gar nichts im Griff. Ich bin jetzt sehr schlank. Jetzt müsste ich wieder mehr essen – und das habe ich nicht über mich gebracht. Ich habe dagestanden und gemerkt, ich esse zu wenig, mir geht es auch nicht gut, aber ich kann nicht damit aufhören."

Neunmonatiges zwanghaftes Kalorienzählen

Für Frauen mit einer entsprechenden Vorgeschichte kann die Schwangerschaft zu einer neunmonatigen Krise werden. Wie in der Pubertät ist der Körper Veränderungen unterworfen: Gewichtszunahme, Übelkeit, Heißhungerattacken, Geruchsempfindlichkeit. Frauen wie Miriam Boser können diese Abläufe als massive Störungen erleben. Rückfälle drohen. Das Phänomen "Magersucht in der Schwangerschaft" rückte erstmals 2009 durch die Amerikanerin Maggie Baumann ins öffentliche Bewusstsein.

Die Familientherapeutin verausgabte sich während ihrer zweiten Schwangerschaft im zwanghaften Kalorienzählen und in sportlicher Hyperaktivität. Bereits in der elften Woche verordnete ihr der Arzt Bettruhe, Blutungen in ihrem Unterleib ließen eine Fehlgeburt befürchten. Maggie Baumann hielt sich exakt drei Tage an den ärztlichen Rat, ehe sie ihr straffes Fitnessprogramm wieder aufnahm.

Maggie Baumann war die Erste, die ihre Geschichte in einem Blog öffentlich machte:

"Für mich war die Schwangerschaft ein neunmonatiger Kampf, in dem ich mich komplett abgeschnitten fühlte von meinem Körper – entsetzt über mein expandierendes „Selbst", das gegen jedes Gramm protestierte, das ich zunahm. Ich habe nicht die Freiheit gespürt, für Zwei zu essen, sondern eher die Beschränkung, für Zwei zu hungern."

 

Komplettes Sendungsmanuskript als PDF-Dokument

Komplettes Sendungsmanuskript im barrierefreien Textformat

Mehr zum Thema:

Magersucht - Genuss neu lernen (Deutschlandradio Kultur, Reportage, 24.3.2014)

Selbstvermessung - "Das kann eben auch zur Sucht werden" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 4.1.2014)

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