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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.05.2012

"Erlebnis im Museum muss auf keinen Fall etwas Schlechtes sein"

Museumsberater über die "Eventisierung" von Kunstausstellungen

Joachim Baur im Gespräch mit Joachim Scholl

Besucher der MoMa-Ausstellung warten 2004 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin auf Einlass
Besucher der MoMa-Ausstellung warten 2004 vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin auf Einlass (AP Archiv)

Zehn Stunden Schlange stehen für Impressionisten, Picasso oder van Gogh: Die riesigen Erfolge von Blockbuster-Ausstellungen haben mit populären Themen, aber auch mit intelligenten Konzepten zu tun, meint der Museumsforscher Joachim Baur.

Joachim Scholl: Wer in Paris, Florenz, London oder auch in Dresden, München und Berlin in die großen Museen will, der muss Geduld mitbringen. Rund ums Jahr und verschärft in der Urlaubszeit drängen Massen von Städtetouristen in die berühmten Häuser und wenn dann noch besonders spektakuläre Ausstellungen zu sehen sind, dann sieht man sogar im Fernsehen, wie Menschen sich sieben, acht, zehn Stunden brav anstellen. Museen sind Orte des modernen Massentourismus geworden. Und darüber macht sich Joachim Baur Gedanken, er ist Museumsberater und Ausstellungsmacher. Willkommen im "Radiofeuilleton", Herr Baur!

Joachim Baur: Willkommen!

Scholl: Wann und wo haben Sie das letzte Mal in der Schlange gestanden?

Baur: Ja, ich war bei dieser wunderbaren Ausstellung "Das MoMA in Berlin" vor einigen Jahren, da hatte ich das Glück, nicht ganz so lange stehen zu müssen, weil ich einen VIP-Pass hatte. Aber trotzdem, die Schlange habe ich gesehen und ich war mit dabei und das war natürlich schon unglaublich, was da sich abspielte.

Scholl: Diese Entwicklung hin zum massentouristischen Phänomen: Inwieweit haben die Museen eigentlich hier selbst Anteil daran oder ist das eine Entwicklung, die sich einfach, ja, irgendwie touristisch ergeben hat?

Baur: Gut, ich denke, die Museen haben zunächst einmal großen Anteil daran. Und ich möchte zunächst auch mal die positiven Aspekte auf jeden Fall in den Vordergrund rücken. Diese Massen, das Phänomen Massenausstellung ist sicherlich eines, was zu tun hat mit der Öffnung der Museen für weitere Besucherschichten. Man kann sich vielleicht noch zurückerinnern, 50er-, 60er-Jahre, noch früher, da waren Museen wirklich diese Musentempel für ein wohlsituiertes Bürgertum, für eine Elite. Und das hat sich seit den 70er-Jahren sicherlich verändert und ich denke, das ist zunächst einmal ein sehr positiver Effekt, eine Demokratisierung, eine Popularisierung des Museums, der zum guten Stück sicherlich aus den Museen selbst herauskam.

Andererseits ist es sicherlich auch so, dass wir einen generellen gesellschaftlichen Trend zur Erlebnisgesellschaft, zur Freizeitgesellschaft haben. Es gibt schlicht mehr Zeit für Menschen, sich mit Dingen wie Museen auseinanderzusetzen. Und von daher kommt sowohl von der Gesellschaft als auch von den Museen der Trend und … ja, das ist die Situation, in der wir landen.

Scholl: Sie, Herr Baur, haben jüngst an einer Denkschrift zur Lage der Museen mitgearbeitet, die vom Berliner Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen in Berlin initiiert und veröffentlicht wurde. Sie sprechen in Ihrem Beitrag auch von einer zunehmenden Eventisierung und Erlebnisorientierung. Welche Konsequenzen hat denn dieser Trend für die Museumsarbeit?

Baur: Gut, auch das ist, denke ich, zu sehen erst mal im generellen Trend der Öffnung der Museen. Erlebnis im Museum ist ja zunächst nichts Schlechtes, weg von dieser elitären Vorstellung des rein spirituellen Kunstgenusses. Was wir allerdings sehen, ist tatsächlich, dass wir eine zunehmende Fokussierung auf große Themen haben, auf die Schätze der Kultur. Kleinere Aspekte, kleinere, vielleicht weniger in der Öffentlichkeit wahrgenommene Themen tendieren da vielleicht runterzufallen. Und was wir vor allem auch haben als eine gefährliche Tendenz, meine ich, ist eine starke Fokussierung auf das Ausstellen und weg von anderen traditionellen Aufgaben des Museums, nämlich dem Sammeln und dem Bewahren von Kunst und Kultur.

Scholl: Ja, das ist die klassische Formulierung der Aufgaben eines Museums, lautet ja: sammeln, bewahren, erforschen, ausstellen. Diese Reihe, ist die ein bisschen in der Gewichtung verschoben?

Baur: Ich denke, das ist eine Balance, die immer wieder neu zu halten ist. Und wenn wir sehen, dass eben Ausstellungen sehr, sehr stark im Fokus der Öffentlichkeit stehen, dass Ausstellungen und vor allem die hohen Besucherzahlen auch etwas sind, was zunehmend die Legitimation für Museen herstellt, und die anderen Aufgaben, die etwas vielleicht im Schatten der Öffentlichkeit stattfinden, aber mindestens so wichtig sind und eben auch die Basis des Museums, der musealen Arbeit darstellen, wenn die etwas in den Hintergrund rücken, dann würde etwas schief laufen. Von daher: Ich denke, Event im Museum, Erlebnis im Museum muss auf keinen Fall etwas Schlechtes sein. Wenn es allerdings die anderen Funktionen, die anderen Dimensionen des Museums in den Hintergrund rückt, auch bei Geldgebern beispielsweise, dann würde etwas schief laufen.

Scholl: Stehen Museen hier nicht in größerer Konkurrenz, sozusagen auch, ja, Masse und Kasse zu machen in dem Sinne, dass man auch sozusagen bei den Mitteln vielleicht die Nase vorne hat? Dass man sagt, wir machen hier große Ausstellungen, erfolgreiche Ausstellungen, also bei der Bezuschussung, spielt das eine Rolle?

Baur: Also, es ist generell so, denke ich, dass der Wettbewerb innerhalb der Museumslandschaft größer geworden ist. Wir haben in den letzten Jahren, Jahrzehnten einen starken Anstieg an Museumsgründungen gesehen. Man muss sehen, weltweit ist, 95 Prozent aller Museen weltweit sind in den letzten 50 Jahren gegründet und diese Tendenz gilt für Deutschland – ich habe die Zahlen jetzt nicht konkret vor Augen – ähnlich. Das heißt, der Wettbewerb ist sicherlich härter geworden, und gerade was die größeren Häuser angeht, da müssen tatsächlich auch solche Blockbuster-Ausstellungen gelegentlich kommen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Und dann ist eben die Frage, wie man das macht.

Macht man das klug mit intelligenten Konzepten, die auch die wissenschaftlichen Standards berücksichtigen, die eben auch mal ungewöhnliche Themen ins rechte Licht rücken, oder werden immer wieder nur die großen Themen bespielt, ich sage jetzt mal, die klassische Moderne mit Einzelausstellungen, Picasso, van Gogh, das läuft immer gut, kein Zweifel, oder auch, wie wir es jetzt im Deutschen Historischen Museum gesehen haben, zweifellos wichtiges Thema, "Hitler und die Deutschen" war ja auch also auf historischem Terrain ein unglaublicher Massenerfolg. Das ist sehr erfreulich, aber das sind eben die großen Themen, die ohnehin schon in der Öffentlichkeit stehen und vielleicht auch bei den Besuchern im Kopf sind. Und auch ungewöhnliche Dinge so zu präsentieren, dass sie für viele Besucherinnen und Besucher attraktiv sind, das ist, denke ich, die große Kunst. Und daran gilt es auch verstärkt zu arbeiten.

Scholl: Massen im Museum, Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Museumsberater und Ausstellungsmacher Joachim Baur. Sie haben jetzt schon eine der berühmten Blockbuster-Ausstellungen angesprochen, das MoMA, also, das war die große Ausstellung, Bilder aus New York vom Metropolitan Museum of Modern Art. Neulich gab es die Renaissance-Porträts – wir sprechen jetzt mal von Berlin –, Hunderttausende wollten die "Dame mit dem Hermelin" sehen, die Schlangen haben Schlagzeilen gemacht und zehn Stunden haben sich die Leute angestellt. Gehen die Museen eigentlich da verantwortlich mit, sagen wir mal, den armen Menschen um, die da so stundenlang stehen, im Sinne von, das ist ja toll, wenn wir im Fernsehen sind, guck mal, da stehen 20.000 in der Schlange, und wenn sie dann dran sind, müssen sie in 20 Minuten wieder raus sein?

Baur: Gut, ich vergaß übrigens, bei den "Gesichtern der Renaissance" war ich natürlich auch, ebenfalls eine großartige Ausstellung. Also, ich denke, da würde ich nicht dramatisieren. Niemand ist ja gezwungen, sich in eine Schlange zu stellen. Diese Events, die werden natürlich ein Stück weit von den Museen angestoßen, aber sie werden ja auch nachgefragt. Diese, warum stellt man sich für "Die Gesichter der Renaissance" eine Stunde lang in eine Schlange? Ich verstehe nicht …

Scholl: Na, eine, bis zu zehn!

Baur: Oder bis zu zehn. Mir persönlich ist nicht so ganz klar, weil, man kann zum Teil die gleichen Werke in der Gemäldegalerie am Kulturforum sehen, ohne dass man da überhaupt nur eine Minute warten müsste. Das heißt, dieser Event, dieses In-der-Schlange-Stehen, dieses Sagen, oh, ich war da so unglaublich lange und dann habe ich es aber auch geschafft, das ist offensichtlich für viele auch schon Teil dieses Erlebnisses. Und wie gesagt, da ist ja jeder frei, sich das anzutun oder auch nicht. Ich denke, die Museen haben gleichzeitig durchaus die Verantwortung, dann den Besuch so zu regulieren, dass es auch für alle ein Genuss bleibt. Und das führt aber natürlich dazu, dass unter Umständen die Schlangen eher länger werden, indem man eben nicht beliebig viele Menschen in die Ausstellung hineinlässt. Das ist im Übrigen auch in Verantwortung für die Kunstwerke, die ja auch nur ein bestimmtes Maß an Belastung über Klima und über Raumveränderung vertragen können. Also, insofern … Ich denke, jeder ist frei, sich da in den Event hineinzubegeben, und vielen macht das sicherlich auch Spaß.

Scholl: Nun hat man als Museumsbesucher gerade in den berühmten Häusern oder gerade wenn man auch selbst als Tourist ist. Ich kann mich erinnern, letztes Jahr in Florenz bin ich durch 40 Räume der Uffizien quasi galoppiert, weil man das Gefühl hat, man wird durchgeschleust, und man muss auch wirklich Tempo machen damit, weil so viele Leute rein wollen. Da gibt es, glaube ich, überhaupt kein Entkommen, oder?

Baur: Also, bei diesen großen Blockbuster-Ausstellungen … Wenn man da dabei sein möchte, dann gibt es wahrscheinlich in der Tat kein Entkommen. Der Besucherfluss ist so groß und die Bewegung ist auch so stark in diesen Räumen, dass man da einfach mitgezogen wird. Das hat was ganz Eigenes, denke ich. Ich meine übrigens, bei den "Gesichtern der Renaissance" ist es relativ gut gelungen, dieses hohe Besucheraufkommen zu regulieren. Vielleicht weniger vor der Türe, aber in der Ausstellung, durch eine sehr dezente, dunkle Beleuchtung hatte man doch, obwohl unglaublich viele Leute in den Räumen waren, das Gefühl von intimer Begegnung mit den Werken. Das fand ich erstaunlich gut gemacht. Aber klar, da ist im Grunde genommen kein Entkommen. Wenn so viele Leute unterwegs sind, dann wird man da einfach auf dieser Welle mitgezogen.

Scholl: Wie gehen Sie denn vor, Herr Baur, wenn Sie in Paris mal die "Mona Lisa" sehen wollen? Haben Sie einen professionellen Tipp?

Baur: Also, ich persönlich bin jetzt an der "Mona Lisa" nicht so interessiert, muss ich sagen.

Scholl: Aber man denkt doch, hoffentlich gucke ich es mir noch mal an! Ich meine, Sie kennen sie wahrscheinlich in- und auswendig.

Baur: Für die "Mona Lisa" in Paris habe ich tatsächlich keinen Tipp. Ich kann nur sagen, es gibt nicht nur den Haupteingang durch die berühmte Pyramide von I. M. Pei, sondern auch bestimmte Nebeneingänge. Man kann immer wieder eben auch, indem man … Im Bode-Museum, bei den "Gesichtern der Renaissance" war das anders, da gab es nur den zentralen Eingang. Aber große Museen haben häufig viele verschiedene Eingänge. Und wenn man sich sozusagen von hinten anschleicht, hat man gelegentlich Chancen. Aber ich würde eher den anderen Tipp wählen: Wenn man sich wirklich für Kunst, alte Meister, klassische Moderne, was auch immer interessiert, vielleicht einfach abseits der Blockbuster-Ausstellungen mal schauen. Häufig sieht man ähnliche oder sogar die gleichen Werke außerhalb dieser Ausstellungen und hat dann einen viel direkteren Kontakt. Da muss man sich allerdings natürlich ein Stück weit außerhalb des Events begeben.

Scholl: Museen als Orte des modernen Massentourismus. Das war der Museumsberater und Ausstellungsmacher Joachim Baur. Herzlichen Dank für den Besuch und das Gespräch!

Baur: Danke schön!


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