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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.01.2016

Erinnerung an Regina JonasEine fast vergessene Rabbinerin

Von Rocco Thiede

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Gedenktafel für die Rabbinerin Regina Jonas in der Krausnickstraße 6 in Berlin. In dem Haus, das zuvor an dieser Stelle stand, wohnte Regina Jonas bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt. Sie war der erste weibliche Rabbiner weltweit (imago/epd)
Gedenktafel für die Rabbinerin Regina Jonas in der Krausnickstraße 6 in Berlin. In dem Haus, das zuvor an dieser Stelle stand, wohnte sie bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt. (imago/epd)

Regina Jonas war die erste Rabbinerin überhaupt, sie wurde in den 30er-Jahren in Berlin ordiniert. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet. Damit wurde fast die gesamte Erinnerung an sie ausgelöscht. Doch eine evangelische Theologin machte sich auf die Suche nach ihr.

Regina Jonas wurde 1902 als Tochter eines orthodoxen jüdischen Hausierers im Berliner Scheunenviertel geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in ärmlichen Verhältnissen.1924 gelang es der wissbegierigen jungen Frau, an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu studieren. Nach ihrer Ordination 1935 sprach sie während der Nazidiktatur und des Krieges in ihren engagierten Predigten den verfolgten deutschen Juden Mut zu. 1942 wurde Regina Jonas nach Theresienstadt deportiert und zwei Jahre später in Auschwitz ermordet.

Wiederentdeckt wurde Rabbinerin Regina Jonas erst Jahrzehnte nach ihrem Tod von einer evangelischen Theologin. Die gebürtige Stuttgarterin Katharina von Kellenbach ist heute Professorin für Religionsstudien am St. Mary's College of Maryland. Vor gut drei Jahrzehnten hörte sie das erste Mal von Regina Jonas - nicht in Deutschland, sondern in den USA:

"Es war mein erster Studientag am Temple University in Philadelphia. Ich hatte hier in West-Berlin an der kirchlichen Hochschule Theologie studiert und bin für ein Austauschjahr in die USA gegangen. Und am ersten Tag stellten wir uns vor und ich stellte mich vor als Theologiestudentin, die später Pfarrerin werden möchte und meine Nachbarin, Joana Kerz meinte, sie wäre ebenfalls Theologiestudentin und sie würde Rabbinerin werden. Und ich antwortete darauf, dass es keine Rabbinerinnen gibt. Dass es nicht möglich ist. Und daraufhin sagte sie, dass ich meine deutsche Geschichte nicht kennen würde, denn die erste Rabbinerin, die erste Frau wäre in Berlin in den 30er Jahren ordiniert worden."

Spuren in der Neuen Synagoge und in Theresienstadt

Mit dieser Information änderte sich für die Theologiestudentin Katharina von Kellenbach vieles. Sie begann, die Geschichte von Regina Jonas zu erforschen:

"Das hat mich in zwei verschiedene Richtungen gestoßen. Einerseits habe ich meine Dissertation über Antijudaismus in feministischer Theologie geschrieben, weil ich verstehen wollte, warum ich mir so sicher war, dass das Judentum keine Frauen ordinieren kann, aber das Christentum einfach progressiv ist, sich ändern kann, sich der Zeit anpasst. Aber das Judentum irgendwie patriarchalisch, und rückständig und altertümlich ist. Und zweitens war ich natürlich davon überzeugt, dass alle die Geschichte von Regina Jonas kennen. Nur ich nicht, weil ich in Deutschland aufgewachsen bin und jüdisch-deutsche Geschichte nicht gelernt hab."

Doch das war ein Irrtum, wie Kellenbach 1990 feststellen musste. Weder in der Encyclopaedia Judaica fand sich ein Eintrag noch in anderen einschlägigen Werken. Nur ein, zwei kleine Artikel gab es. Die Erinnerung an Regina Jonas, unverheiratet und kinderlos, schien wie bei unzähligen anderen durch den Holocaust ausgelöscht. Doch Katharina von Kellenbach gab nicht auf und suchte Personen, die Regina Jonas in Berlin begegnet waren:

"Ich hab angefangen erst einmal, indem ich Briefe geschrieben habe an die Professoren in Cincinnati, die damals an der Hochschule auch Studenten waren. Und hab ein Inserat in den "Aufbau" gesetzt und dann Briefe bekommen von Menschen, die im Unterricht waren von Regina Jonas. Mir wurde überall gesagt, schriftlich gäbe es da sicher nichts. Es gäbe keine Bestände, keinen Nachlass. Ich war im Leo Baeck Archiv, ich war im Graz-College Archiv – und es gab tatsächlich auch nichts."

"Sie ist für mich ein Vorbild"

Doch sie ließ sich nicht entmutigen, denn nach dem Fall der Berliner Mauer boten sich für ihre Forschungen ganz neue Möglichkeiten. 1991, bei einem Aufenthalt in Berlin fragte sie bei der Neuen Synagoge nach und wurde auf das Gesamtarchiv der Juden verwiesen. Dort und in den Archiven von Theresienstadt fanden sich schließlich Protokollnotizen und Hinweise auf die Predigten von Regina Jonas. Kellenbachs Veröffentlichung zog Kreise und die mittlerweile in Frankfurt/Main lehrende Rabbinerin Elisa Klapheck publizierte daraufhin das Buch "Fräulein Regina Jonas". Für Katharina von Kellenbach haben ihre vor drei Jahrzehnten begonnenen Forschungen bis heute Konsequenzen:

"Erstmal bin ich im jüdisch-christlichen Dialog sehr aktiv. Für mich ist es eine der Lektionen dieser Geschichte, dass wir heute es anders machen können und uns gegenseitig unterstützen können, um so eine Art jüdisch-christliche Zusammenarbeit oder Kooperation zu leben."

In der Gegenwart schlagen jüdische Frauen den Weg der Nachfolge von Regina Jonas ein. Gesa Ederberg zum Beispiel, die Rabbinerin an der Synagoge Oranienburger Straße der jüdischen Gemeinde zu Berlin:

"Ich bin sehr, sehr stolz, Rabbinerin in der Synagoge zu sein, an der auch Regina Jonas gewirkt hat. Schon bevor ich Rabbinerin wurde, war sie für mich dieses leuchtende Vorbild und dann hier in einem gewissen Sinn ihre direkte Nachfolgerin zu sein, sind sehr große Fußstapfen, aber ich bemühe mich, sie zu füllen."

Nizan Stein-Kockin wurde in der Nähe von Karlsruhe geboren. Nach dem Abitur reiste sie nach Israel und studierte dort an der Hebräischen Universität Judaistik. Heute ist sie Studentin an der Universität in Potsdam und am Frankl-College und will Rabbinerin werden.

"Es ist sehr spannend, weil doch Regina Jonas zu einem Vorbild wird, zu einer Vorreiterin. Manche der Argumente gegen Frauen im Rabbinat sind immer noch dieselben, auch nach 80 Jahren. Ja, sie ist ein Vorbild auch in der Hinsicht, dass sie das Lernen, das Studium der Texte sehr ernst genommen hat. Diese Beharrlichkeit, mit der sie ihr Ziel verfolgt hat, ist für mich ein Vorbild und es gibt mir Mut, auch in der deutsch-jüdischen Landschaft heute zu sagen, es wird sich ein Weg finden für mich, Rabbinerin zu sein."

 

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