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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 19.05.2014

ErfindungPacken mit Brille

Eine Bremer Firma entwickelt zusammen mit Wissenschaftlern Datenbrillen-Software für Kommissionierer

Von Franziska Rattei

Demnächst sicher auch etwas kleiner - die Datenbrille (picture alliance / dpa / Sergey Galyonkin)
Demnächst sicher auch etwas kleiner - die Datenbrille (picture alliance / dpa / Sergey Galyonkin)

Der Internethandel boomt und ist schnell. Eigentlich. Denn die Pakete, müssen gepackt, zusammengestellt, kommissioniert werden. Für diese Art von Arbeit hat ein Programmier-Unternehmen nun eine Software-Lösung gefunden.

In einem kleinen Büro in der Bremer Innenstadt gluckst eine Kaffeemaschine vor sich hin. Hannes Baumann sitzt vor einem Computer und beantwortet Emails. Neben der Tastatur eine halb volle Kaffeetasse. Koffein hat eine entscheidende Rolle gespielt während der vergangenen fünf Jahre Entwicklungsarbeit. Nun können Hannes Baumann und seine elf Kollegen von Ubimax die Früchte ihrer Arbeit ernten. Sie haben eine Software für Kommissionierer entwickelt. Sie zeigt dem Lagermitarbeiter, der sie benutzt, keine Texte, sondern grafische Elemente an.

"Das hat mehrere Vorteile. Zum einen kann das sehr schnell interpretiert werden. Ich muss nicht erst Text lesen, dann überlegen: Was bedeutet das, wo ist denn das Fach mit der entsprechenden ID? Sondern ich sehe sofort: dort, dieses Fach, zweite Reihe, erstes Fach. Da muss ich jetzt drei Teile raus nehmen. Das ist halt viel ermüdungsfreier und gleichzeitig viel schneller."

Im Nebenraum steht ein Vorführregal, um die Software zu demonstrieren. Es ist in 16 kleine Fächer unterteilt, in denen unterschiedliche Gegenstände liegen: Radiergummis, Notizblöcke, Schrauben, Batterien.

Vier Batterien aus Regal 2

Vor dem Regal steht ein tischhoher Kommissionierwagen mit drei Plastikboxen: eine für jeden Auftrag. Dahinter ist ein Tablet-Computer angebracht. Auf dem Bildschirm eine schematische Darstellung des Regals, vor dem Hannes Baumann steht. Ein Kästchen pro Regalfach, drei weitere farbige Kästchen für die drei Plastikboxen.

Sobald der Kommissionierer sich angemeldet hat, wird sein nächster Arbeitsauftrag gestartet.

"Angezeigt wird jetzt halt aus Regal 2: Nehme vier Batterien aus dem entsprechend vorgegebenen Fach. Eine Batterie geht in den Auftrag ganz links, in die blaue Box. Und drei Batterien gehen in den Auftrag mit der gelben Box, in der Mitte."

Die Auftragsboxen, in die der Kommissionierer die angeforderten Waren legt, stehen auf Wiegemodulen. Sie kennen das Gewicht jedes Gegenstandes, jeder Schraube, jedes Radiergummis und weisen den Lagermitarbeiter auf Fehler hin, falls er sich beim Sortieren vertut.

"Ja, und das war's auch schon."

Nicht ganz, das war die Demonstration der neuen Software über einen Tablet-PC, der auf dem Kommissionierwagen mitgerollt wird. Aber x-Pick läuft auch auf sogenannten head-mounted-displays, kurz HMD's. Das sind Gestelle, die man wie Brillen trägt - manche auch wie Kopfhörer oder Haarreifen.

"Head-mounted display, viele kennen es ja wahrscheinlich vom google glass, kann man sich vorstellen als einen virtuellen Bildschirm, der vor dem Auge in einer gewissen Entfernung schwebt. Wenn ich jetzt an mein Smartphone denke, das müsste ich festhalten, beim HMD schwebt das Bild einfach direkt vor meinem Auge. Ich muss das nicht festhalten, ich hab jederzeit diese Information im Blickfeld."

Früher wurden die Recheneinheiten von head-mounted Displays getrennt getragen, inzwischen stecken sie in streichholzgroßen Kunststoffgehäusen am Brillenbügel. Läuft die Kommissionierungssoftware auf so einer Datenbrille, braucht der Lagermitarbeiter keine anderen Rechner mehr, und er hat die nötigen Informationen bei Bedarf direkt vor Augen. Ein Blick auf das schwebende Display genügt.

Lifestyle mit hohem Gebrauchswert

"Praktisch", sagt Hendrik Witt, Geschäftsführer von Ubimax. Bald werden Datenbrillen nicht mehr wegzudenken sein aus der Arbeitswelt, prognostiziert er.

"Überall dort, wo ich meine Hände frei brauche und evtl. Maschinen habe, die ich warten muss, habe ich typischerweise komplexe Prozeduren, die ich nach einem vorgegebenen Maße abarbeiten muss und gleichzeitig sehr sehr viel Wissen brauche. Ich kann in der Produktion helfen, zum Beispiel bei dem Bau von gewissen Baugruppen. Ich kann es im medizinischen Bereich nutzen. Denkbar ist sowas bei Operationen beispielsweise, diese Brillen zu nutzen. Denn der Chirurg braucht im OP typischerweise auch seine Brille, typischerweise aber auch sehr viele Zusatzinformationen, die ihm helfen, seine Arbeit besser zu machen, ohne ihn abzulenken."

Der Preis für Datenbrillen liegt bei rund 1.000 Euro. Was die Software kostet, hängt ganz von den Kundenwünschen ab. Schließlich ist eine Kommissionierungslösung für ein Versandhaus nicht vergleichbar mit der Software, die ein Autohersteller oder ein Krankenhaus verwenden will. Für seine Kunden sei der Preis aber auch nicht der entscheidende Faktor, sagt Witt. Die meisten hätten schon erkannt, dass sich die Innovation schnell rechne.

"Stichwort Qualitätsverbesserung. Fehler führen zu immensen Folgekosten. Und wenn man auch nur eine Handvoll davon reduzieren kann, sind wir teilweise - bei großen Unternehmen - in Bereichen, die die Investitionskosten in so eine Lösung und auch die unterjährigen laufenden Kosten für so eine Lösung um ein Vielfaches übersteigen."

Datenbrillen sind die Zukunft, sagt auch Michael Lawo. Er ist Professor an der Uni Bremen und hat dort die Forschung für das Datenbrillen-Software-Projekt geleitet. Google Glass und Co werden bald zum Lifestyle-Produkt werden und so die Entwicklung vorantreiben, in ganz verschiedenen Bereichen.

"Das kann auch Rehabilitation sein. Das kann also auch sein, wenn ich jemandem eine Übung vermittle, die er machen soll, um also eine Fähigkeit wieder zu erlangen. Dann kann ich über so ein System eben auch eine andere Unterstützung geben und eben den Menschen führen, in dem, was er tut."

Datenbrillen - im Moment noch ein Nischenprodukt, in wenigen Jahren eventuell schon ein Ersatz für Smartphone und Tablet. Die Softwareentwickler in Bremen jedenfalls sind begeistert von den positiven Rückmeldungen für ihre Kommissionierungslösung. Und solange der Kaffee nicht ausgeht, tüfteln sie weiter.

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