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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.12.2011

"Er war freier und offener"

Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich zum Tode Horst-Eberhard Richters

Der Psychoanalytiker und Friedensaktivist Horst-Eberhard Richter im Jahr 1994 (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)
Der Psychoanalytiker und Friedensaktivist Horst-Eberhard Richter im Jahr 1994 (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Mit Horst-Eberhard Richter starb nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Psychoanalytiker, sondern auch einer der wichtigsten Vertreter der Friedensbewegung. Sein Verdienst bestehe vor allem darin, Erkenntnisse der Psychoanalyse "in die Praxis überführt" zu haben, sagt Margarete Mitscherlich.

Wie die Psychoanalytikerin, Medizinerin und Buchautorin im Deutschlandradio Kultur sagte, habe sie, wenn sie an Richter denke, "einen sehr lebhaften, freundlichen und zugewandten Menschen" vor Augen, der sehr gerne gelacht habe, der aber auch Lust auf Spott gehabt habe.

Richter, den sie schon während seiner Berliner Zeit in den 50er Jahren kennengelernt habe, sei vor allem ein Pionier der Familientherapie gewesen. Während sie selbst eher eine orthodoxe Vertreterin der Analyse gewesen sei und sich, so wie Freud, mehr für das Individuelle interessiert habe, sei Richter "freier und offener" gewesen. Sein Verdienst bestehe darin, die kindliche Entwicklung in Abhängigkeit von der Familie betrachtet zu haben. Die Erkentnisse aus der 1962 vorgelegten Habilitationsschrift "Eltern, Kind und Neurose" hätten noch heute ihre Gültigkeit, sagte Mitscherlich:

"Dass die Familien achten darauf, was sie für Fantasien eigentlich über die Kinder haben. Sehr freimütig und sehr früh sagen sie: 'Mein Kind ist soundso, und das ähnelt dem Großvater oder dem Vater, ich spüre schon, mein Kind hat die und die Begabung.' Sie hören zu wenig auf die Kinder, sie fantasieren zu viel hinein in die Kinder an Gedanken und Fantasien, was sie sich vorstellen könnten, was die Kinder werden könnten und so weiter, anstatt darauf zu achten, was die Kinder wirklich wollen. Wie die Kinder auf die Fantasien der Eltern reagieren, und dadurch oft verbogen werden, das ist ohne Zweifel ein wichtiger Bestandteil dieses Buches, nach wie vor."

Zudem sieht Mitscherlich enge Verbindungen zwischen der psychoanalytischen Arbeit Richters und seinem Engagement für die Friedenbewegung. Richter habe bestimmte Gedanken der Psychoanalyse "in die Praxis überführt".

Beide, die Psychoanalyse und die Friedensbewegung, sähen ein Ziel darin, den Ursachen für Aggression auf die Spur zu kommen und sie zu überwinden, anstatt sie im Rahmen von zwischenmenschlichen und militärischen Konflikten auszuagieren. Die Kritik an einer zu starken Psychologisierung militärischer Gewalt könne sie daher nicht teilen:

"Ich glaube, man kann das gar nicht genug psychologisieren und sich bewusst machen, was man eigentlich macht mit solchen Kriegen."


Links auf dradio.de:

Trauer um Horst-Eberhard Richter - Ein unbequemer Menschenfreund - Psychoanalytiker wurde 88 Jahre alt

"Eine ganz besondere psychoanalytische Persönlichkeit" - Zum Tod von Horst-Eberhard Richter

Kulturpresseschau

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