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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.07.2005

Entführung in sinnliche Gefilde

Tomas Tranströmer: "Das große Rätsel"

Vorgestellt von Carola Wiemers

Leuchtturm auf Utklippan Schweden (dradio.de)
Leuchtturm auf Utklippan Schweden (dradio.de)

Jedes Jahr, wenn es in Stockholm um die Vergabe des Literaturnobelpreises für Literatur geht, tauchen auf der Kandidatenliste auch schwedische Namen auf, seit mehreren Jahren der Tomas Tranströmers. 1931 in Stockholm geboren, gehört Tranströmer seit seinem lyrischen Auftakt im Jahr 1954 mit dem Band "17 dikter" ("17 Gedichte") nicht nur zur schwedischen Moderne, sondern zur modernen Poesie innerhalb der Weltliteratur.

Sein überschaubares Œuvre führt den Leser in sinnliche Gefilde, in denen eine ungeahnte Intensität von Gerüchen, Farben, Schwingungen und Zwischentönen regiert und die Musikalität der Wörter sich nicht der Wertigkeit einer Note verpflichtet.

Tranströmer bereitet dem Leser ein Fest, indem er mit großem Respekt vor dem Wort, dessen Möglichkeiten mit scheinbar geringem sprachlichen Aufwand auslotet. "Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen", wie es im Gedicht "Aus dem März ‚79" (1980) heißt, ist er an den Geheimnissen des Ungesagten interessiert. Die daraus entstandene Kunst sprachlicher Reduktion und bildhafter Verdichtung treibt Tranströmer in seinem neuen Gedichtband nun gewissermaßen auf die Spitze und zu neuer Perfektion. Sein Titel Das große Rätsel steht für eine Poetologie, die sich in fünf kleinen Gedichten und einer noch knapperen Gedichtform, dem japanischen Haiku, zu präsentieren versteht. Bestehend aus drei Verszeilen mit jeweils 5, 7 und 5 Silben, stellt das Haiku mit 17 Silben die kürzeste Gedichtform dar. Roland Barthes nannte es den literarischen Zweig des Zen. Neun der so genannten "Gefängnis-Haikus" entstanden bereits 1959, da Tranströmer seinen Freund Åke Nordin im Jugendgefängnis Hällby bei Eskilstuna besuchte, wo dieser als leitender Psychologe arbeitete. Doch erst 2001 erschienen diese Haikus in Schweden. Die übrigen Haikus sowie weitere fünf kleine Gedichte wurden 2004 im Stockholmer Bonniers Verlag unter dem Titel "Den stora gåtan" veröffentlicht. Das letzte, im Jugendgefängnis Hällby entstandene Haiku lautet: "Der Junge trinkt Milch/und schläft geborgen in seiner Zelle,/eine Mutter aus Stein."

Tomas Tranströmers sparsame, doch wirkungsvolle dichterische Strategie scheint sich in der atemberaubend schönen, weil stark aufgeladenen Haiku-Technik nochmals zu disziplinieren. Mit der Konzentration auf einzelne Silben eröffnen sich dem Leser Räume, die zum Verweilen einladen, um den Assoziationsreichtum zu erkunden, der von einem Wort ausgehen kann:

"Vom Dunkel getragen.
Ich begegnete einem großen Schatten
in einem Paar Augen."

Während die Haikus trotz der vorgegebenen Form nie ganz ihren spielerischen Zug verlieren und so auch einen unterhaltsamen Rest in sich tragen, wird in den fünf kleinen Gedichten des Bandes ein anderer Ton angeschlagen. Gevatter Tod wirft hier seine kalten Schatten voraus und es gilt, die "dunkle Schwelle" zu übersteigen. Auch wenn es an einigen Stellen flammt, leuchtet und glitzert, es ist ein kaltes Glitzern, das mehr einer stillen, endgültigen Erkenntnis gleicht.

Tomas Tranströmer: Das große Rätsel
Gedichte
Edition Akzente Hanser 2005
Zweisprachige Ausgabe
Aus dem Schwedischen von Hanns Grössel
79 Seiten. 12,90 Euro

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