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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 18.01.2007

Engagierte Leiter, motivierte Lehrer

Ehemaliger Internatsschulleiter Bernhard Bueb über die Vorteile von Privatschulen

Moderation: Dieter Kassel

Bueb: An Privatschulen sind Lehrer mehr bereit, sich persönlich den Schülern zuzuwenden.  (AP)
Bueb: An Privatschulen sind Lehrer mehr bereit, sich persönlich den Schülern zuzuwenden. (AP)

Lehrer an Privatschulen hätten mehr Freude an der Arbeit, verdienten weniger und seien trotzdem glücklicher, meint der ehemalige Leiter der privaten Internatsschule "Schloss Salem", Bernhard Bueb. Allerdings sieht er mit dem derzeitigen Zuspruch, den diese Schulen vor allem bei bildungsnahen Schichten genießen, die Gefahr, dass sich die Bildungsschere in Deutschland weiter vergrößere.

Kassel: Knapp 7 Prozent der deutschen Schüler gehen inzwischen auf Privatschulen. Je nach Angebot ist dieser Anteil aber vor allem in Großstädten schon deutlich höher, in Frankfurt am Main zum Beispiel geht schon jedes zehnte schulpflichtige Kind nicht mehr auf eine staatliche Schule. Die Lehrergewerkschaft und einige Vertreter des staatlichen Schulsystems finden das beunruhigend. Bernhard Bueb sieht das anders. Der ehemalige Leiter der privaten Internatsschule Schloss Salem hat im vergangenen Jahr mit seiner Streitschrift "Lob der Disziplin" für Aufsehen gesorgt. Die Reaktionen darauf reißen nicht ab. Heute zum Beispiel gibt es in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen großen Artikel eines ehemaligen Schülers von Bernhard Bueb über seine Streitschrift und seine Arbeit als Schulleiter. Wir wollen mit ihm aber jetzt nicht nur über seine eigene ehemalige Schule, sondern über Privatschulen im Allgemeinen reden. Schönen guten Morgen, Herr Bueb!

Bueb: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Wieso sind Ihrer Meinung nach Privatschulen generell besser als die staatlichen?

Bueb: Generell, würde ich nicht sagen, aber die Privatschulen haben mehr Möglichkeiten, und, was ein ganz wesentlicher Gesichtspunkt ist, Privatschulen stehen mehr im Wettbewerb. Und auch in der Pädagogik ist der Wettbewerb so nützlich wie in der übrigen Wirtschaft, das vergisst man immer. In einer staatlichen Schule stehe ich praktisch ganz wenig unter Wettbewerbsdruck, weil die Schüler sowieso kommen, die haben oft gar keine andere Chance, als an die eigene Schule zu kommen. Wenn aber eine Privatschule nebenan aufmacht, dann müssen sie sich anstrengen, und das ist sehr gesund.

Kassel: Sie unterstreichen oft die Rolle der Schulleiter gerade bei den Unterschieden zwischen privaten und öffentlichen Schulen. Was ist denn der grundsätzliche Unterschied zwischen der Aufgabe eines Schulleiters an einer Privatschule und der Aufgabe eines Schulleiters an einer staatlichen Schule?

Bueb: Ein Leiter an einer Privatschule hat noch mehr Aufgaben. Er ist ja auch für die wirtschaftliche Seite der Schule verantwortlich, die ja an der staatlichen Schule von Staats wegen geregelt wird, und das ist ein sehr bedeutender Gesichtspunkt, weil gerade die Verantwortung für die wirtschaftliche Seite heißt, ich muss im Wettbewerb bestehen, ich muss besser sein, damit die Schüler zu mir kommen und nicht woanders hingehen.

Kassel: Sie haben ja selber schon gesagt, das gilt nicht unbedingt generell. Kann man denn überhaupt, so wie wir das in letzter Zeit oft tun, generell von den Privatschulen reden, also beispielsweise zwischen der Internatsschule "Schloss Salem" und einer Waldorfschule in Schleswig-Holstein bestehen doch sehr große Unterschiede?

Bueb: Es bestehen inhaltlich unglaublich große Unterschiede. Gemeinsam haben sie nur, dass sie freie Unternehmen sind und für sich selbst verantwortlich. Es gibt auch unter den Privatschulen natürlich ein großes Gefälle zwischen guten und weniger guten – wie bei Staatsschulen auch. Es gibt ja exzellente Staatsschulen, ich kenne eine ganze Reihe von denen, die es mit jeder Privatschule aufnehmen können. Es hängt zu einem guten Teil nach meiner Erfahrung an den Leitern oder Leiterinnen, die in einer Privatschule vielleicht ein wenig mehr Möglichkeiten haben als an einer Staatsschule, aber ich weiß durch viele Erfahrungen an Staatsschulen, also durch viele Leiter, die ich von Staatsschulen kenne, dass die Möglichkeiten an Staatsschulen auch sehr viel größer sind, als man üblicherweise denkt.

Kassel: Ist es letzten Endes so, dass, wie Sie gerade behauptet haben, tatsächlich es an den Schulleitern liegt, oder liegt das nicht auch an jedem einzelnen Lehrer. Es gibt ja Beispiele von Schulen, wo einzelne Klassen, wo einzelne Unterrichtsfächer modern und vielleicht auch mit Reformansätzen unterrichtet werden, und am Rest der Schule passiert da gar nichts. Es gibt ein Beispiel aus Eichstätt, wo ein Lehrer Französisch unterrichtet nach einer relativ neuen Methode. Diese Methode dieses Lehrers wird an anderen Schulen sogar nachgemacht, nicht aber an seiner eigenen, also es scheint doch auch wirklich an einzelnen Menschen immer wieder zu liegen.

Bueb: Eine gute Schule hängt natürlich wesentlich am Kollegium, aber das Kollegium braucht Führung, und damit einzelne Lehrer an den Schulen nicht Einzelkämpfer bleiben, sondern ihre Bemühungen gebündelt werden und ein Bannerträger vorausgeht, muss es den Schulleiter geben, und der Schulleiter ist in der Regel der Bannerträger. Es ist nach meiner Erfahrung so, dass ein Kollegium aus sich heraus es in der Regel nicht schafft, selber eine Schule zu reformieren, weil sie weniger Möglichkeiten haben, das zu bündeln, und daher ist die Rolle des Leiters so zentral wichtig.

Kassel: Es wird im Moment, zugegebenermaßen auch bei uns hier in Deutschlandradio Kultur, ja viel über Privatschulen geredet und über diesen scheinbar erkennbaren Trend zu den Privatschulen bei vielen Eltern. Wir haben gerade gestern Nachmittag mit Ingo Richter darüber gesprochen, Jurist und bis vor vier Jahren der Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München, und der hat unter anderem Folgendes dazu gesagt:

Es ist einfach nicht richtig, dass Privatschulen größeren Zulauf haben. Natürlich glauben manche Eltern, dass sie den PISA-Ergebnissen mit Privatschulen entgehen, das ist nur ein Irrtum. Das wird sich auch bald herausstellen, die Privatschulen können in der Regel gar nicht bessere Bedingungen bieten als die Staatsschulen. Es wäre sehr schön, wenn sie inhaltlich reformersich bessere Bedingungen bieten würden, nur, wie gesagt, das tun sie leider überwiegend nicht.

Gestern im Deutschlandradio Kultur hat das Ingo Richter gesagt. Was sagen Sie dazu, Herr Bueb? Der tut da nun so, als sei das nur eine Mode.

Bueb: Der Gesichtspunkt, der Grund, eine Privatschule aufzusuchen, liegt nicht darin, weil die Schule bei PISA besser abschneidet, sondern der Grund liegt in der Regel darin, dass in den Privatschulen vielmehr Lehrer bereit sind, sich persönlich den Schülern zuzuwenden. Ich habe den Eindruck, dass an Privatschulen das Ethos unter den Lehrern und die Bereitschaft, sehr viel Zeit aufzuwenden, um sich persönlich Schülern zuzuwenden, dass das dort in der Regel besser ist. Da kann ich Herrn Richter nicht Recht geben. Was die PISA-Ergebnisse angehen, so finde ich das nicht das entscheidende Kriterium. Eine gute Schule ist für mich nicht die Schule, die am besten bei PISA abschneidet, sondern die beste Schule ist für mich diejenige, die Kinder, die Schwierigkeiten mit sich haben und mit dem Lernen, am besten fördert. Daran messe ich eine gute Schule. Also den Lernfortschritt und den Entwicklungsfortschritt, den ein Kind in einer Schule macht und wo ihn die Schule unterstützt, das müsste das Kriterium sein, und das ist auch der Grund, warum viele Eltern an Privatschulen gehen, weil sie das Gefühl haben, dass die persönliche Betreuung dort intensiver ist und das Angebot weiträumiger ist und großzügiger, also sehr viel mehr Arbeitsgemeinschaften, sehr viel mehr außerschulische Aktivitäten. Viele Privatschulen, auch Tagesschulen, sind zum Mittelpunkt geworden, zum kulturellen Mittelpunkt geworden ihrer Umgebung, wo auch am Nachmittag und Abend viel stattfindet. Das gibt es auch an Staatsschulen, aber quantitativ mehr doch an Privatschulen.

Kassel: Das ist ja im Prinzip eine anerkannte Tatsache. Selbst die Kritiker geben zu, dass zumindest häufig an den Privatschulen die Lehrer sehr viel engagierter sind, sehr viel, wenn ich das so einfach mal ausdrücken darf, sehr viel mehr Freude auch an ihrer Arbeit haben. Das kann an einer Sache nicht liegen, denn zumindest im Durchschnitt verdienen Lehrer an Privatschulen weniger als an staatlichen Schulen. Das Geld ist es nicht. Man muss, wenn man es ganz hart sagt, für ein wenig weniger Geld deutlich mehr arbeiten. Warum sind die Lehrer da trotzdem motivierter?

Bueb: Weil sie, also wenn Sie gerade an Waldorfschulen denken, da verdienen die Lehrer wirklich weniger als an staatlichen Schulen, aber man geht an eine Privatschule, weil man das Gefühl hat oder den Glauben, dass man sein pädagogisches Handwerk dort erfolgreicher ausüben kann, dass mehr Zeit gelassen wird für die Kinder, dass man nicht so sehr dem Reglement der staatlichen Autoritäten unterliegt und so weiter und so fort. Das ist zwar auch im Prinzip an Staatsschulen möglich, bedarf aber eines starken Schulleiters, der sich sozusagen Freiräume schafft, und das tun eben sehr wenige Leiter an staatlichen Schulen. Und Privatschulen dagegen haben den Freiraum und nutzen ihn, mit Ausnahmen, es gibt natürlich auch schlechte Privatschulen, aber Lehrer an Privatschulen arbeiten in der Regel mehr und sind trotzdem glücklicher und verdienen nicht mehr.

Kassel: Nun ist es schon heute so, dass ganz viele Privatschulen nicht annähernd so viel Schüler aufnehmen können, wie gerne zu ihnen kommen wollen. Es gibt Beispiele von Montessori-Schulen und anderen in Deutschland, das sind auch noch nicht so ganz viele, da gibt es zum Teil doppelt so viele Anträge auf Aufnahme in diese Schule, wie wirklich neue Plätze vorhanden sind.

Bueb: So ist es, und da widerspreche ich Ingo Richter, weil ich nicht weiß, woher er seine Statistiken hat. Es ist gar kein Zweifel, dass es viele Waldorfschulen gibt, katholische, evangelische Schulen, auch Internatsschulen wie jetzt "Salem", "Louisenlund" oder "Birkenhof" (Anmerk. d. Red.: Name im Hörprotokoll schwer verständlich) ich kann eine ganze Reihe aufzählen, Schondorf in Bayern, die sehr viel Zulauf haben und mehr Zulauf, als sie aufnehmen können, und das sind einfach statistische Wahrheiten. Also da kann ich ihm gar nicht zustimmen.

Kassel: Ich habe in diesem Fall mich auf die Zahl verlassen, wo das Statistische Bundesamt im Großen und Ganzen übereinstimmt mit dem Verband der Privatschulen. Das wird halbwegs hinkommen, das sind diese 7 Prozent. Aber wenn der Andrang nun so groß ist, sehen Sie nicht die Gefahr, dass das auch der Qualität einiger Privatschulen schaden könnte, denn in Berlin ist die erste Privatschule geplant, die eine GmbH sein soll, also ein gewinnorientiertes Unternehmen. Kann es nicht sein, dass jetzt auch nach dem, was Sie sagen, einige auf dieser Erfolgswelle der Privatschulen mitschwimmen wollen, die dann plötzlich doch so gut nicht mehr sind?

Bueb: Also eine gute Schule machen zu wollen, ist so anstrengend und ist kein Ort, wo man Geld verdienen kann, dass ich da wenig Gefahren sehe. Ich sehe eher die Gefahr darin, dass manche Schulen sich verführen lassen, zu viele Schüler aufzunehmen, die Klassen zu groß zu machen, um die Nachfrage zu befriedigen. Aber ich kann ja nur befürworten, wenn mehr Privatschulen gegründet werden. Von Staats wegen wird es bedingt gefördert, also Baden-Württemberg ist außerordentlich privatschulfreundlich, ich kann hier also nur ein hohes Lied singen auf die Behörden, wie sie mit Privatschulen umgehen, aber ich weiß von anderen Bundesländern, dass da der Wind sehr anders weht.

Kassel: Könnte nicht, dass vielleicht jetzt doch noch, Herr Bueb, durch diesen Privatschultendenz, bleiben wir mal realistisch, selbst wenn neue eröffnen, es dauert drei Jahre, ehe die Geld vom Staat bekommen, sie brauchen überhaupt eine Genehmigung, die in der Regel ungefähr ein Viertel maximal kriegt, in einigen Bundesländern werden 10 Prozent aller solcher Anträge nur genehmigt. Das dauert alles. Also gehen wir davon aus, der Bedarf kann nicht völlig befriedigt werden. Sehen Sie nicht das Problem, dass diese Bildungsschere, die wir in Deutschland haben, dann größer wird, auf der einen Seite die Privatschüler, die ohnehin in der Regel aus einem Elternhaus kommen, das bildungsnäher und interessierter ist – und auf der anderen Seite dann die Schüler an den staatlichen Schulen, die Restschüler?

Bueb: Also ich weiß von einer ganzen Reihe Privatschulen, dass die sich ausdrücklich bemühen um Kinder aus bildungsfernen Schichten. Es gibt ja auch private Grund- und Hauptschulen, ich verweise immer hier auf die Bodenseeschule in Friedrichshafen, die sich sehr bemüht, Kinder aus bildungsfernen Schichten zu bekommen, sie auch bekommt, Migrantenkinder, also ein normales Klientel haben will, aber mit ihrer Art zu unterrichten und die Kinder zu führen und zu betreuen einen solchen Erfolg haben, dass auch diese Kinder erreicht werden. In der Regel haben Sie natürlich Recht, dass die Elternhäuser in Privatschulen also eher aus den bildungsnahen Schichten kommen und damit günstigere Voraussetzungen bieten.

Kassel: Also sehen Sie tatsächlich diese Gefahr, weil es ist ja so, es ist beim Geld, bei der Bildung so, es wird ja nicht schlechter in Deutschland, bloß die Unterschiede werden größer. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Bueb: Ja, aber ich muss noch mal sagen, dass viele Privatschulen ja kein Geld kosten. In Nordrhein-Westfalen dürfen Sie gar kein Geld nehmen, da haben Sie Tagesschulen, katholische, evangelische und auch freie Tagesschulen, die kostenlos sind.

Kassel: Aber es ist ja nicht nur das, Herr Bueb. Das ist schon klar, und es gibt auch Beispiele von Schulen, die nehmen Schulgeld in ungefähr der Höhe von 100 Euro im Jahr, also man darf nicht glauben, dass das immer unbezahlbar teuer ist. Aber damit fängt es schon an, Sie wissen das, ich weiß das, jeder, der uns zuhört, weiß das, jemand, der selber nur auf eine Hauptschule gegangen ist, weiß das vielleicht nicht und kommt gar nicht auf die Idee zu gucken, was gibt es für Schulangebote in einer Region. Also ob nun jemand Schuld ist oder nicht, sehen Sie nicht wirklich die Gefahr dieser Schere, weil realistisch gesehen, selbst in den nächsten Jahren mehr als 10, 12 Prozent der deutschen Schüler werden ja nicht auf private Schulen gehen können?

Bueb: Also ich kann da nicht ganz widersprechen, weil die Erfahrung in anderen Ländern, Holland, wo ja 70 Prozent Privatschulen sind, oder England, Amerika, zeigen das natürlich, dass Privatschulen eher den wohlhabenderen Schichten vorbehalten sind, weil die anderen nicht wissen, dass man sich zum Beispiel um Stipendien bewerben kann oder dass es zum Teil gar nichts kostet. Das ist aber das Problem ja immer der bildungsfernen Schichten, dass sie nicht wissen, wie man sich höhere Bildung erwirbt und welche Wege man gehen muss. Also da muss ich Ihnen leider zustimmen, aber die gleiche Tendenz haben Sie an den Staatsschulen ja auch, das heißt, es ist ja nur eine Minderheit der bildungsfernen Schichten, die aufs Gymnasium geht, nicht weil sie weniger begabt sind, sondern weil sie sich nicht anstrengen, weil sie nicht gesucht werden von den Lehrern und Behörden, weil sie nicht aufgefordert werden, und ich will mal ganz offen sagen, weil es keine Ganztagsschulen sind. Wenn es Ganztagsschulen wären, dann würden die Lehrer die Kinder nämlich besser entdecken.

Kassel: Ein weiteres Problem, das ja auch die staatlichen Schulen zumindest erkannt haben. Ob das Problem damit gebannt ist, ist eine andere Frage. Herr Bueb, ich danke Ihnen für heute.

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