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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29.07.2013

Energiehunger gegen unversehrtes Leben

Indien und die Atomkraft

Von Sandra Petersmann

Fischer protestieren gegen das indische Atomprogramm. (picture alliance / dpa / EPA)
Fischer protestieren gegen das indische Atomprogramm. (picture alliance / dpa / EPA)

An der Südspitze Indiens, im Bundesstaat Tamil Nadu, geht in Kürze ein neues Atomkraftwerk ans Netz. Wenn beide Reaktoren ihren Betrieb voll aufgenommen haben, produzieren sie 2000 Megawatt Strom. Die lokale Fischerei-Bevölkerung leistet erbitterten Widerstand gegen das neue Kernkraftwerk.

Die vier jungen Fischer aus Kanyakumari am südlichsten Zipfel Indiens waren die ganze Nacht draußen. Jetzt, in den frühen Morgenstunden, ziehen sie ihr Boot mit vereinten Kräften an Land. Die Männer sind mit ihrem Fang zufrieden. "Wenn es gut läuft wie heute, verdienen wir zusammen zwischen 2000 und 3500 Rupien am Tag", erzählen sie. Im Schnitt rund 30 Euro pro Tag. Doch am Horizont drohen Gewitterwolken.

Ihre Familien leben seit Generationen vom Fischfang, aber die Männer sind überzeugt davon, dass es mit der Fischerei in ihrer Umgebung bergab geht, sobald das Atomkraftwerk im benachbarten Koodankulam mit voller Leistung läuft.

"Koodankulam, das ist ein Riesenproblem für uns. Das Kraftwerk wird die Fische in Küstennähe vertreiben, wenn die Anlage ihren Abfall ins Meer ablässt. Dann müssen wir viel weiter raus fahren, um was zu fangen, aber dafür sind unsere Boote zu klein."

Das Kraftwerk steht direkt am Strand. Im morgendlichen Dunst zeichnet sich in der Ferne die Silhouette am Horizont ab. Die komplizierte Technik interessiert die Fischer nicht. Sie fühlen sich bedroht. Ihr Fang der vergangenen Nacht geht direkt vom Boot auf den Markt. Die Fischerfrauen preisen die frische Ware lautstark an und feilschen mit ihren Kunden um den besten Preis.

Auch die Marktfrauen sind überzeugt davon, dass das Atomkraftwerk russischer Bauart ihr Meer und ihre Fische verseuchen wird.

"Wir wollen Koodankulam nicht. Wir leben von der Fischerei. Wir kommen hier gut über die Runden, aber das Kraftwerk verändert alles. Ohne Fische können wir nicht überleben. Unsere Kinder werden leiden, wir werden hier keine Zukunft haben."

Es sind vor allem die Fischerfamilien zwischen Kanyakumari und Koodankulam, die den Anti-Atom-Protest im Süden Indiens tragen. Besonders hartnäckig ist der Widerstand in drei Dörfern in unmittelbarer Nachbarschaft zum neuesten indischen Atomkraftwerk. Dort kämpfen die Menschen mit allem, was ihnen zur Verfügung steht: Hungerstreik, Menschenketten im Meer, Mahnwachen am Strand, ziviler Ungehorsam, Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Polizei und Geheimdienst verhindern nach stundenlangen Verhandlungen auf dem Polizeirevier von Koodankulam einen Besuch in den betroffenen Fischerdörfern. Der Staat hat gegen viele hundert demonstrierende Fischer Ermittlungen eingeleitet. Ihr Anführer Udayakumar gilt als Aufwiegler - und als Verräter, der gegen indische Interessen handelt. Das Interview mit dem studierten Politikwissenschaftler, der lange in den USA gelebt hat, muss über das Internet stattfinden – per Skype-Anruf.

"Diese armen Menschen, die nicht lesen und schreiben können, sind auch Inder. Echte, wahre Inder. Es ist mir egal, ob man mich für einen Landesverräter hält. Ich möchte meine Stimme für diese armen Inder erheben und für sie einstehen."

Der Aktivist Udayakumar ist Kopf und Stimme der "Volksbewegung gegen Nuklearenergie". Ihm geht es nicht nur um Koodankulam, sondern um ein Indien ohne Atomkraft. Seiner Meinung nach sollte Indien vor allem auf Solarenergie und Windkraft setzen und die Stromversorgung dezentralisieren.

"Es ist richtig, wir haben ein Energieproblem. Und es ist ein Problem, dass Indien immer mehr klimafeindliches Kohlendioxid ausstößt. Aber die Antwort kann doch nicht sein, die Erde zu vergiften. Warum reden wir nicht über den Atommüll, der uns viele zehntausend Jahre beschäftigen wird? Wer wird uns vor dem Müll beschützen? Die USA und Deutschland finden keine Antwort auf die Frage der Endlagerung, wie soll Indien das dann schaffen? Wir haben es noch nicht mal geschafft, den Müll der explodierten amerikanischen Chemiefabrik in Bhopal sicher zu lagern. Wie sollen wir dann erst mit Atommüll fertig werden?"

Ein höheres nationales Gut

Udayakumar und seine Mitstreiter haben den Start von Koodankulam mit ihrem Protest lange verzögert. Doch der Oberste Gerichtshof Indiens hat am 6. Mai den Weg für den Betrieb des Kernkraftwerks freigemacht. Die Richter haben argumentiert, dass die Energieproduktion ein höheres nationales Gut ist als die Sicherheitsbedenken der lokalen Bevölkerung. Die indische Regierung fühlt sich durch das Grundsatzurteil bestätigt. Sie reagiert dünnhäutig auf Kritik an ihrem ambitionierten Atomprogramm. Narayanaswamy ist Staatsminister im Büro vom Premierminister Manmohan Singh.

"Es gibt eine Kampagne gegen unsere Atomkraftwerke. Die Agitation geschieht aus dem blanken Eigeninteresse der Anstifter - darunter Nichtregierungsorganisationen, die Geld aus dem Ausland bekommen. Die wollen uns von der friedlichen Nutzung der Kernenergie abhalten."

Für den anhaltenden Protest in Koodankulam hat der Staatsminister kein Verständnis.

"Die Demonstranten behindern die Energieproduktion, und sie schaden mit ihrer Agitation den Menschen vor Ort. Niemand kann diese Demonstranten überzeugen. Sie respektieren weder das Gericht noch die Verfassung oder das Parlament."

Die militärische Atommacht Indien leidet unter chronischem Energiemangel. Selbst in großen städtischen Ballungsbieten sind stundenlange Stromausfälle an der Tagesordnung und lähmen das Wirtschaftswachstum, argumentiert der indische Atomwissenschaftler Anil Ka-kod-kar.

Dr. Kakodkar hält die Nuklearenergie für beherrschbar. Er war viele Jahre der Vorsitzende der indischen Atomenergiekommission. Für ihn ist der Ausbau des zivilen Nuklearprogramms eine nationale Pflicht. Der Wissenschaftler wirbt für die Atomkraft, damit Indiens Schüler nicht im Dunkeln sitzen, wenn sie am nächsten Tag eine wichtige Prüfung haben.

Noch stammt über die Hälfte der produzierten Energie aus Kohlekraftwerken. Das muss sich ändern, sagt der Hoffnungsträger der regierenden Kongresspartei, Rahul Gandhi:

"Der richtige Weg führt über die Vielseitigkeit. Wir brauchen einen ausgewogenen Energiemix, der auch die Nuklearenergie beinhaltet. Die Fakten sprechen für sich. In den nächsten 30, 40 Jahren werden vor allem zwei Länder auf die weltweit produzierte Energie zurückgreifen. Diese beiden Länder sind Indien und China. Wir entscheiden darüber, wie sich die globale Energieversorgung bewegt."

Neues Atomkraftwerk in Koodankulam (picture alliance / dpa Foto: EPA/Nathan G)Neu gebautes Atomkraftwerk in Koodankulam (picture alliance / dpa Foto: EPA/Nathan G)Energiesicherheit ohne Abhängigkeiten hat oberste nationale Priorität. Die indische Politik setzt parteiübergreifend auf den Bau neuer Kernkraftwerke. Bisher speisen 20 Reaktoren Strom ins Netz. Mit Koodankulam 1 und 2 sind es in Kürze 22. Dutzende weitere Reaktoren sind in Planung oder schon im Bau - auch in Koodankulam. Der Energieexperte Alan Mc Donald von der Internationalen Atomenergiebehörde hat Vertrauen in Indiens Nuklearprogramm und sieht große Expansionsmöglichkeiten.

Indien braucht angesichts seines enormen Bevölkerungswachstums dringend mehr Energie, sagt der Mann von der internationalen Atomenergiebehörde. Kohle sei eine endliche Ware, schädlich für die lokale Bevölkerung und für den Planeten.

Russland ist derzeit noch der wichtigste Nuklearpartner, doch auch die USA und Frankreich setzen auf den indischen Markt. In Jaitapur in der Nähe von Mumbai wollen die Inder gemeinsam mit dem französischen Konzern Areva das größte Atomkraftwerk der Welt bauen. Für Udayakumar von der "Volksbewegung gegen Nuklearenergie" ist das ein Ausverkauf nationaler Interessen.

"Indien ist ein Land mit einer großen Bevölkerungsdichte. Schon der kleinste Nuklearunfall wird katastrophale Folgen haben. Aber weder Russland, noch die USA oder Frankreich wollen Verantwortung für die möglichen Folgen ihrer Nukleartechnik übernehmen. Sie wollen Geld mit ihrer zweifelhaften Technik machen und wieder nach Hause gehen. Das macht uns Sorgen, dagegen kämpfen wir."

Glaube in die Regierung

Ein nationaler Aufschrei gegen das ehrgeizige Nuklearprogramm ist bis jetzt ausgeblieben. Auch auf dem Fischmarkt in Kanyakumari, in direkter Nachbarschaft zu Koodankulam, finden sich viele, die das neue Kernkraftwerk für eine gute Idee halten - so wie dieser junge Mann, der gerade die Beamtenlaufbahn eingeschlagen hat.

"Ich unterstütze Koodankulam. Indien hat große Energieprobleme, deshalb brauchen wir die Atomenergie. Ich habe keine Angst. Die Regierung sagt, dass sie alle nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen hat. Kernkraft ist vielleicht nicht die sauberste Energieform, aber unsere Regierung sagt, dass keine Gefahr für unsere Gesundheit besteht, und ich glaube der Regierung."

Der Tsunami im indischen Ozean von 2004 hat an der Südspitze Indiens schwere Schäden angerichtet und hunderte Menschen getötet. Trotzdem befürwortet auch der alte Touristenführer Somayah die Atomanlage vor seiner Haustür.

"Koodankulam ist ein absolutes Muss bei unserem Energiemangel. Das Leben ist doch immer in Gefahr. Durch Kriege, durch wilde Tiere, oder wenn ich im Zug oder im Auto sitze. Unfälle passieren eben. Aber Koodankulam wird für neue Energie sorgen. Energie ist unverzichtbar für menschliches Leben. Energie ist genauso unverzichtbar wie Wasser und Milch. Auch die Ärmsten brauchen Energie, um sich zu entwickeln."

Neben der Fischerei lebt die südindische Küstenstadt Kanyakumari vor allem vom Tourismus. Hotelmanager wie Gopal sehnen eine stabile Energieversorgung herbei.

"Unsere Fischer werden von irgendwelchen Anführern gegen die Atomkraft aufgehetzt. Wahrscheinlich kriegen die Anführer viel Geld aus dem Ausland, um das Kraftwerk in Koodankulam zu stoppen. Aber was soll das? Wir brauchen dringend Energie, auch für ein kleines Hotel wie meins. Hier hat jedes Hotel einen Dieselgenerator. Der muss laufen, auch wenn wir nur zu zehn Prozent ausgelastet sind. So machst du nur Verlust."

Im Sinne Gandhis

Die Fischer rund um Koodankulam wollen weiterkämpfen. Ihr Anführer Udayakumar sieht sich und seine Mitstreiter in der Tradition des großen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi.

"Unser Kampf ist ein Kampf im Sinne Gandhis. Doch diejenigen, die Gandhi und seine Werte vergessen haben, verdächtigen uns. Wir werden weitermachen. Das System ist böse und das Projekt in Koodankulam ist böse. Gandhi hat uns gelehrt, dass wir uns gegen das Böse zur Wehr setzen müssen - durch zivilen Ungehorsam. Wir werden nicht nachgeben, auch wenn sie uns zusammenschlagen oder töten. Wir sind auf alles vorbereitet."

Doch es ist unwahrscheinlich, dass aus dem lokalen Widerstand eine nationale Massenbewegung wird. Viele hundert Millionen Inder leben in Armut. Sie sehnen sich nach Entwicklung und nach Energie - nach einem Leben, wie es die konsumfreudige indische Mittelklasse führt. Nukleare Sicherheit oder die Frage eines atomaren Endlagers spielen in der nationale Energiedebatte nur eine Nebenrolle. Daran hat auch der Nuklearunfall im japanischen Fukushima nichts geändert. Bis 2050 will Indien ein Viertel seines Energiebedarfs über die Atomkraft abdecken.

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