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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.06.2012

Endlich frei

Bruno Apitz: "Nackt unter Wölfen", erweiterte Neuausgabe, Berlin 2012, 512 Seiten

KZ Buchenwald (AP)
KZ Buchenwald (AP)

Der Roman "Nackt unter Wölfen" erzählte die Geschichte einer Rettung im KZ Buchenwald. Der DDR-Zensur passte jedoch nicht, dass kommunistische Häftlinge nicht als reine Helden gezeigt wurden. Eine Neuausgabe zeigt jetzt das ganze Bild.

Es gibt nur wenige Bücher der DDR-Literatur, denen solch ein Millionenerfolg in aller Welt beschieden war wie "Nackt unter Wölfen" von Bruno Apitz. Diese Neuausgabe bietet nicht nur den unzensierten Roman, sie bietet auch zum ersten Mal die eindringlichen Erfahrungsberichte des Autors aus seiner Zeit als kommunistischer Häftling im KZ Buchenwald.

Unmittelbar nach dem Krieg wollte kaum jemand etwas aus den Lagern hören – das galt für West wie Ost. So stieß auch der spätere Roman auf Widerstand. Die einfache und anrührende Geschichte eines dreijährigen Jungen, der von Häftlingen im Lager versteckt wird und so überlebt, war in den ideologischen Debatten nicht vorgesehen - grundsätzliche Fragen nach Humanität wurden bagatellisiert.

Bruno Apitz bekam zu spüren, wie nach dem Krieg die Moskauer Exilanten um Ulbricht auf die auf ihre Deutungshoheit des kommunistischen Widerstands pochten. Ihnen behagte nicht, wie sich ihre Genossen im KZ-Alltag arrangieren mussten, wie sie zu "Funktionshäftlingen" wurden, wie sie der SS zu Diensten waren. Um diese Häftlinge geht es aber in "Nackt unter Wölfen". Deren Widerstand bestand nicht nur aus Widerstand, er bestand auch aus begrenzter Mitarbeit, sie mussten in der "Pathologie" den Schergen zur Hand gehen, sie mussten SS-Kulturabende gestalten, sie waren Kapos, sie mussten Mithäftlinge kontrollieren. Im Originalmanuskript von Bruno Apitz spielten diese Aspekte eine deutlich größere Rolle als in der zensierten Fassung, die dann 1958 in der DDR erschien. Jetzt ist Vieles davon wieder zu lesen.

Geglättet wurden in der zensierten Fassung auch die zahlreichen Konflikte innerhalb der kommunistischen Häftlingsgruppen, die zwischen Parteiräson und Menschlichkeit hin und her gerissen waren: das Kind retten, hieß schließlich die illegale Arbeit im Lager zu gefährden. Wie stark letztlich die Häftlinge selbst in ihrer Sprache zu Opfern der SS wurden, zeigt nun wieder hineingenommenes Vokabular der Nazis, das die KZ-Insassen zum Teil übernahmen – sie sprechen von "Menschenschrott" und "Ganovenelementen".

Der heutige Leser bekommt dank der Herausgeberin Susanne Hantke ein differenziertes Bild von diesem Jahrhundertroman. Sie hat nicht nur ein aufschlussreiches Nachwort verfasst, sie weist ebenso im Text mit Klammern die Leerstellen und Hinzufügungen eindeutig aus. Oft erkennt der Leser den politischen Hintergrund. Zuweilen sind aber auch stilistische Korrekturen zu erkennen, die dem streckenweise allzu pathetischen Ton, den literarischen Ungenauigkeiten und den überbordenden Adjektivsammlungen des Autors eine sprachlich bessere Form geben. Denn – als ein ästhetisches Meisterwerk wurde der Roman nie verstanden. Die Klammern stören beim Lesen nicht – sie geben dem Text eine zweite inhaltliche und stilistische Ebene, die ihn bereichert.

Wir stehen vor einer Neuentdeckung eines der wichtigsten Romane der Nachkriegszeit und erleben durch diese Ausgabe selbst ein Stück Rezeptionsgeschichte mit. Sie erzählt uns mehr als nur Literaturgeschichte. Sie erzählt uns vom Umgang der Deutschen mit ihrer dunkelsten Vergangenheit.

Besprochen von Vladimir Balzer

Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen. Roman
Erweiterte Neuausgabe, herausgegeben mit einem Nachwort von Susanne Hantke
Aufbau-Verlag, Berlin 2012
512 Seiten, 22,99 Euro

Weitere Infos auf dradio.de:

Die Reportage: Buchenwald - einfach ein gemeiner Ort

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