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Buchkritik | Beitrag vom 29.12.2015

Emma Hooper: "Etta und Otto und Russell und James"Mit magischem Realismus nach Halifax

Von Birgit Koß

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Der Hafen der kanadischen Stadt Halifax (dpa / picture alliance / Daniel Gammert)
Der Hafen der kanadischen Stadt Halifax (dpa / picture alliance / Daniel Gammert)

Die 83-jährige Etta aus Saskatchewan will endlich das Meer sehen. Also reist sie ins weit entfernte Halifax, ausgerüstet mit einer alten Flinte und einem sprechende Kojoten. In ihrem Debütroman macht Emma Hooper die Geschichte Kanadas auf poetische Weise lebendig.

Emma Hooper erzählt die Geschichte der 83-jährigen Etta aus Saskatchewan, die beschließt , das Meer sehen zu wollen. Sie macht sich auf nach Halifax, 3232 Kilometer entfernt, ausgerüstet mit Wanderstiefeln, einer alten Flinte, Schokolade und Schreibpapier. Zurück lässt sie ihren gleichaltrigen Ehemann Otto mit einem Zettel, auf dem steht "Ich werde versuchen, das Heimkommen nicht zu vergessen".

Otto vertraut ihr, richtet sich allein ein und beantwortet regelmäßig Ettas Briefe, die von unterwegs kommen - auch wenn er sie mangels einer Anschrift nicht absenden kann. Der lebenslange Freund des Ehepaars, Russell, kann sich nicht mit Ettas Plan abfinden und macht sich auf die Suche. Doch da er seit der Kinderzeit ein verkrüppeltes Bein hat, ist er für Etta nicht schnell genug. Der vierte im Bunde ist James, ein sprechender Kojote, der Etta begleitet und schützt und zugleich die große Affinität Emma Hoopers zum magischen Realismus aufzeigt.

Hohe Kindersterblichkeit, große Dürren

Überaus poetisch lässt die Autorin die Geschichte Kanadas im 20. Jahrhundert aus der Perspektive dieser drei alten Menschen auferstehen. Wir erfahren von der hohen Kindersterblichkeit  und den großen Dürren zum Beginn des Jahrhunderts. Da ist etwa Ottos Familie mit 15 Kindern, die sich täglich beim Schulbesuch abwechseln müssen, damit immer einige auf der Farm arbeiten können.

Russel, dessen Vater während der Weltwirtschaftskrise stirbt, wird mit in die Familie aufgenommen - sozusagen als Ottos Zwilling. Etta wächst als gebildetes Stadtkind auf und besucht das Lehrerinnenseminar. Als sich für die 16-jährige die Chance auftut, eine Stelle als Lehrerin anzunehmen, geht sie aufs Land - Otto und Russell werden ihre Schüler.

Doch kurz danach zieht Otto in den Krieg. Er bleibt in enger Verbindung mit Etta über Briefe, die in der ganzen Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Die Kriegsbriefe gehen durch die Zensur und weisen kleine Löcher auf - wunderbar durch kleine Rechtecke dargestellt - so dass weder Daten noch Orte nachvollziehbar sind. Dieses Detail hat Emma Hooper von ihren Großeltern übernommen ebenso wie die weißen Haare Ottos, einer plötzlichen Reaktion auf seine erste Panikkattake im Krieg.

Was der Krieg mit den Menschen macht

Die Autorin will nicht die großen Fakten darstellen, sondern das zeigen, was der Krieg mit den Menschen macht – mit Otto, der voller Enthusiasmus  freiwillig nach Europa geht und damit auch seinen kanadischen Nationalstolz zeigen will - und dann als gebrochener, halbseitig tauber junger Mann zurückkommt und schließlich Etta heiratet. Aber genauso leuchtet die Autorin aus, was mit den Zurückgebliebenen passiert, mit ihren Ängsten, ihrer Sehnsucht und dem ewigen Warten.

Die Geschichte besteht aus vielen Rückblenden und kleinen, sehr kurzen Kapiteln. Die Form bedeutet Emma Hooper viel. Es gibt häufig sogenannten Weißraum, das heißt fast leere Seiten. Für die Autorin sind das Pausen – ähnlich wie in der Musik. Sie schafft ihr eigenes Tempo und einen speziellen Rhythmus: durch Satzverkürzungen und Wortwiederholungen.  Emma Hooper erzählt  mit viel Wärme und Poesie ein berührendes, modernes Märchen, zwischen Wirklichkeit und Traum zwischen Vergangenheit und Gegenwart - vor allen Dingen aber über die unverbrüchliche Kraft einer lebenslangen Liebe.

Emma Hooper: "Etta und Otto und Russell und James"
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Droemer Verlag, München  2015
336 Seiten, 19,99 Euro

 

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