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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.06.2011

El Kaida in Deutschland

Stefan Meining: "Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen", C. H. Beck Verlag, München 2011

Rezensiert von Thomas Speckmann

Ein Polizeieinsatz nach Terrorwarnung am Berliner Hauptbahnhof.  (AP)
Ein Polizeieinsatz nach Terrorwarnung am Berliner Hauptbahnhof. (AP)

Der ARD-Journalist Stefan Meining analysiert die Entstehung des islamistischen Terrornetzwerks in der westlichen Welt und spannt einen Bogen weit zurück in die Vergangenheit.

Stefan Meining schildert in "Eine Moschee in Deutschland" den Aufstieg des politischen Islam im Westen. Die Keimzelle in München wurde von ehemaligen nationalsozialistischen Bürokraten, Vertriebenenfunktionären und Geheimdienstmitarbeitern im Kalten Krieg unterstützt. Die Islamisten sollten für Unruhe in der Sowjetunion sorgen, wandten ihr Terror-Netzwerk aber schließlich gegen den Westen.

Cover: "Eine Moschee in Deutschland" von Stefan Meining (C. H. Beck Verlag)Cover: "Eine Moschee in Deutschland" von Stefan Meining (C. H. Beck Verlag)Dass El Kaida inzwischen auch in Deutschland verstärkt aktiv ist, wird gern den Vereinigten Staaten angelastet. Haben nicht erst sie die Islamisten starkgemacht im gemeinsamen Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan und dann mit ihrem viel kritisierten "Krieg gegen den Terror" eine Ausweitung des islamistischen Terrorismus bis nach Deutschland zu verantworten? Müssen nun die Deutschen für die Taten der Amerikaner büßen? Thesen wie diese finden sich in vielen Kommentaren deutscher Medien der letzten Jahre. Schon mit Blick auf die Geschichte Afghanistans erzählen solche Stimmen aber nur die halbe Wahrheit: Zwischen 1979 und 1989 lieferte nicht allein die CIA für drei Milliarden Dollar Waffen an die Mudschaheddin. Auch der Bundesnachrichtendienst unterstützte den Kampf gegen die sowjetischen Invasoren.

Bundesgrenzschützer der Anti-Terror-Einheit GSG-9 bildeten muslimische Glaubenskrieger aus. Flugzeuge der Bundeswehr brachten Gasmasken, Nachtsichtgeräte, Decken und Zelte in die pakistanische Grenzstadt Peschawar. Pakistans Geheimdienst reichte den Nachschub bereitwillig weiter. War dies eine "nachhaltige" Friedenspolitik, von der in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg so viel die Rede ist? War dies weitsichtiger als die Talibanisierung Afghanistans durch die USA?

Auch mit Blick auf die Geschichte des Islamismus in Deutschland stehen die Deutschen vor einer Vergangenheit, die für deutsche Verhältnisse noch recht "unaufgearbeitet" ist. Denn es ist keinesfalls allein die amerikanische Außenpolitik, die zur Existenz der islamistischen Szene in Deutschland einen Beitrag geleistet hat. Es ist wie im Fall Afghanistans Deutschland selbst, das ebenfalls einen Teil der Verantwortung zu übernehmen hat. Umso größer ist das Verdienst von Stefan Meining, die Entstehung der ersten Keimzelle des politischen Islam im Westen nun detailliert zu beschreiben. Meining erzählt, wie aus alten Waffenbrüderschaften zwischen antisowjetischen Muslimen und Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg in München der Ausgangsort des Islamismus in Deutschland entstand. Bis heute sollen in einer Münchner Moschee die Fäden des westlichen Islamismus zusammenlaufen.

Die Geschichte selbst bietet Stoff für zahlreiche Hollywood-Thriller: Ausgediente NS-Bürokraten, Vertriebenenfunktionäre und Geheimdienstler unterstützten in den 50er-Jahren den politischen Islam. Muslime, die im Dienst der Wehrmacht und der SS im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion gekämpft hatten, sollten im Kalten Krieg die islamischen Sowjetrepubliken destabilisieren. Moralische Erwägungen spielten dabei nach dem Urteil von Meining keine Rolle:

"Für die Planer in Bonn und Washington waren die Muslime keine gleichberechtigten Partner, sondern Mittel zum Zweck. Der Islam sollte dem Westen als Waffe im Kampf gegen die sowjetische Expansionspolitik im Nahen Osten dienen."

Doch die Islamisten ließen sich nicht im Sinne der Bundesrepublik und der USA benutzen. Vor allem die Münchner Muslime hatten mit dem Kalten Krieg nichts im Sinn. Vielmehr sind sie zur wichtigsten Filiale von Anhängern der Muslimbruderschaften im Westen und zur Schaltzentrale eines globalen Netzwerkes geworden. Dazu nutzten die Islamisten die Freiräume und Freiheiten, die ihnen die westlichen Regierungen bereitwillig einräumten. Dabei wussten sie stets ihre im Kern orthodoxen Vorstellungen in Stil und Umgangston an die Gegebenheiten der westlichen Moderne anzupassen. Eine Flexibilität und Weitsicht, die nach Meinings Analyse die geistigen Söhne der Muslimbruderschaften von islamistischen Fundamentalisten wie den Taliban unterscheiden.

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges war die westliche Allianz mit den Islamisten zwar auch in den Augen von Meining eine nachvollziehbare Strategie, nach den bitteren Erfahrungen mit den Terroranschlägen von New York und Washington, von Madrid und London aber eine katastrophale Fehleinschätzung:

"Aus der Perspektive der fünfziger Jahre waren alle diese Folgen nicht vorherzusehen. Niemand konnte damals in Westdeutschland ahnen, dass aus der winzigen muslimischen Minderheit von ein paar Tausend Angehörigen in wenigen Jahrzehnten eine Gemeinschaft von annähernd vier Millionen Menschen entstehen würde mit einer kleinen, radikalen Gruppe, die den Westen als politisches System und die westliche Lebensart mit der Waffe in der Hand bekämpft."

Meinung lenkt den Blick zugleich auf eine weitere Entwicklung, deren seriöse Prognose aus der Perspektive der 50er-Jahre kaum möglich erscheint:

"Wer konnte damals vorhersehen, dass schon bald in deutschen und europäischen Städten Wohnviertel wachsen würden, deren gesellschaftspolitische Ordnung nicht in der westlichen Zivilisation verankert war, sondern in den Entwürfen und Ideen islamischer Vordenker wie Said Ramadan?"

Lässt sich aus dieser tragischen Vergangenheit folglich nichts Grundlegendes für die Gegenwart lernen? Einen Freibrief für auch zukünftig kurzsichtiges Handeln stellt Meining dem Westen keinesfalls aus. Vielmehr leistet sein Buch einen überaus wertvollen Beitrag, um die Folgen eines solchen Handelns sichtbar zu machen. Denn ohne die Aufhellung der Vergangenheit kann der politische Islam der Gegenwart nach Meinings realistischer Einschätzung nicht verstanden werden:

"Netzwerke entstehen nicht im luftleeren Raum; sie haben Ausgangs- und Knotenpunkte, Traditions- und Nebenlinien. Wer diese Zusammenhänge nicht erkennen will, bleibt blind. Dies ist die Lehre einer Entwicklung, die bis 1941 zurückreicht, in das Jahr des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion."

Damit spannt Meinings Analyse des politischen Islam im Westen einen Bogen über nunmehr 70 Jahre deutscher Geschichte, der umso wertvoller erscheint, je mehr sich Meldungen von Festnahmen mutmaßlicher El-Kaida-Mitglieder in Deutschland häufen. Denn auch hier ist ein Anschlag nach Prognosen von Anti-Terror-Experten nur noch eine Frage der Zeit. Sollte es wirklich dazu kommen, dann wissen wir bereits heute dank Meinings Buch, wie die blutige Geschichte des politischen Islam in Deutschland begann.

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