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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.08.2011

Eitler Hahnenkampf beim CCC

Chaos Computer-Club wirft Domscheit-Berg raus

Von Philip Banse

Sein neues Projekt hat Domscheit-Berg OpenLeaks genannt.
Sein neues Projekt hat Domscheit-Berg OpenLeaks genannt. (picture alliance / dpa /Steffen Schmidt)

Der Vorstand des Chaos Computer-Clubs hat die Zusammenarbeit mit Daniel Domscheit-Berg beendet. Die Begründung: Der OpenLeaks-Chef habe in der Öffentlichkeit den Ruf des CCC für seine Zwecke missbraucht.

Der Vorwurf ist scheinheilig und an den Haaren herbeigezogen. Erstens schöpft Domscheit-Berg seine Bekanntheit nicht aus der Tatsache, dass er Mitglied des Chaos Computer Clubs ist, sondern weil er WikiLeaks mit aufgebaut hat. Zweitens konnte die Führung des CCC einem anderen Projekt lange gar nicht nah genug sein: WikiLeaks. Die CCC nahe Stiftung sammelt bis heute Spenden für das brachliegende Projekt.

Die Unabhängigkeit des Clubs sah niemand in Gefahr. Und drittens erweckt Domscheit-Berg nirgends den Eindruck, dass der CCC hinter OpenLeaks stehen oder dem Projekt eine Art TÜV-Siegel verpassen würde. In keinem der vom CCC-Vorstand kritisierten Medien-Berichte sagt Domscheit-Berg: Der CCC testet OpenLeaks. Stets lautet die Aussage: OpenLeaks soll von Hackern auf dem Chaos Communication Camp getestet werden, das vom CCC organisiert wird. Wenn dem CCC das nicht passt, sollte er das Hacker-Treffen vielleicht nicht mehr veranstalten. Denn genau für solche Experimente ist dieses fünftägige Treffen geballter IT-Kompetenz gedacht.

Der Rauswurf von Domscheit-Berg hat andere Gründe. Denn Daniel Domscheit-Berg ist kein Kind von Traurigkeit. Er verfügt über Geltungsdrang, hat stets eine Mission und auf seiner letzten die Öffentlichkeit mehrmals belogen. Wiederholt hat er als WikiLeaks-Sprecher behauptet die WikiLeaks-Server seien auf der ganzen Welt verteilt und auf dem neusten Stand der Sicherheitstechnik. Tatsächlich gab es einen Rechner in Deutschland, der völlig veraltet war. Domscheit-Berg wusste das, opferte die Wahrheit aber seiner Mission. Das ist nur ein Grund, warum viele beim CCC sauer auf ihn sind.

Dann gibt es noch diese Festplatte. Die nahm Domscheit-Berg mit, als er WikiLeaks verließ. Auf dieser Festplatte sind Informationen gespeichert, die Menschen zu WikiLeaks hoch geladen haben. Der CCC versucht seit Monaten zwischen WikiLeaks und Domscheit-Berg zu vermitteln. Aber Domscheit-Berg will die Festplatte nur zurückgeben, wenn WikiLeaks eine sichere Plattform sei und die Informanten schützen könne. Das sei bis heute nicht der Fall. Diese Weigerung sorgt für viel Frust in der Führung des CCC.

Dann sind da diese Presseauftritte, die Domscheit-Berg in der Berliner Niederlassung des CCC veranstaltet – angeblich ohne Rücksprache und noch dazu für ein Projekt, das viele beim CCC für eine Mogelpackung halten. OpenLeaks will alles besser machen als WikiLeaks: Keine Ein-Mann-Herrschaft, keine autoritären Entscheidungen, welche Informationen veröffentlicht werden und maximale Transparenz. OpenLeaks stellt Medien die Technik für tote Briefkästen zur Verfügung. Unter leaks.taz.de etwa kann jeder bis morgen noch geheime Dokumente hoch laden, dann endet diese erste Testphase. OpenLeaks sorgt für die Annahme, Anonymisierung und Weiterleitung der Dokumente an die Medienpartner. Ob und was und in welcher Form veröffentlicht wird, entscheiden die Empfänger – Medien, aber NGOs - allein. Eine Fraktion beim CCC stört sich daran, dass der Programm-Code der OpenLeaks-Software nicht im Klartext vorliegt, das Projekt also nicht offen sei, nicht wirklich transparent und überprüfbar.

Alles berechtigte Kritik – aber kein Grund, Domscheit-Berg rauszuwerfen. Hier bekämpfen sich beleidigte Egos wie im Kindergarten. Selbst CCC-Sprecher Frank Rieger will damit nichts zu tun haben: Er sitze nicht im Sandkasten und kloppe sich daher nicht um Förmchen, schreibt er auf Twitter. Die Entscheidung seines Vorstandes sei "unsouverän". Das ist vorsichtig formuliert. Der Rauswurf von Daniel Domscheit-Berg ist dumm, unprofessionell und völlig überzogen. Eine einfache, ruhige, aber sehr deutliche Distanzierung von OpenLeaks hätte ausgereicht. So wurde völlig unnötig und dilettantisch viel Porzellan zerschlagen.

Der CCC ist ramponiert, die Gutachter fürs Bundesverfassungsgericht stehen da als eitler und beleidigter Hackerhaufen, der kratzt und beißt, wenn einer aus der Reihe tanzt. Schlimmer aber ist, dass die Idee Schaden genommen hat, die Idee, dass wir eine netzgestützte Plattform brauchen, die sicher, transparent und staatlich nicht kontrollierbar Geheimnisse ans Tageslicht bringt. Eine Plattform deren bloße Existenz Bürokraten und Mandatsträger daran erinnert, dass Fehlverhalten raus kommen kann und so zu einem besseren Staat führt. Diese Idee wird zerbeult im eitlen Hahnenkampf des Chaos Clubs. Das ist bitter.