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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.03.2014

EinwanderungReflexe des Rassismus in einem Regal

Migration als museales Thema im Hygiene-Museum in Dresden

Von Barbara Wiegand

Eine deutsche und eine türkische Fahne hängen zwischen Wohnhäusern in Berlin. (AP)
Eine deutsche und eine türkische Fahne hängen zwischen Wohnhäusern in Berlin. (AP)

Die Ausstellung "Das Neue Deutschland - von Migration und Vielfalt" im Dresdner Hygiene-Museum thematisiert Migration als politisch-gesellschaftliche Herausforderung. Die Exposition erzählt von Menschen, die ihrer Heimat den Rücken zu kehren: aus Freiheitsdrang, Flucht oder gar Vertreibung.

Migration bedeutet vor allem Mobilität. Weggehen, um an einem neuen Ort anzukommen - das ist ganz offensichtlich der Grundgedanke der Ausstellung: Das Berliner Designerbüro Raumlabor hat die Säle mit Transportkisten bestückt. Sie türmen sich auf zu Silhouetten der Sehnsuchtsorte, von denen die Menschen träumen, wenn sie sich auf ihren Weg machen. An anderer Stelle schrumpfen die Kisten zu Klötzen, aufgeschichtet zur Bebilderung trockener Statistiken, die Auskunft geben darüber, dass es vor allem Europäer sind und nicht, wie von Manchen gern alarmistisch kolportiert, "Asylantenströme" sind, die ins "Neue Deutschland" kommen.

"Wenn man sich mit Migration beschäftigt, geht es immer um das, was gemeinhin Ströme genannt wird. Und damit umzugehen, deutlich zu machen, mit welchen Dimensionen wir es zu tun haben ist eine Ausstellung eine Herausforderung, die eine hohe Bedeutung hat. Und das gelingt hier, denke ich, sehr gut, weil man einfach einen spielerischen Umgang damit findet. Weil man plakative Lösungen findet, die deutlich machen, was stattgefunden hat an Bewegungen und ich habe eine visualisierte Perspektive, was es meint, wenn wir von Migration reden."

Sagt Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung aus Osnabrück, der beratend für die Dresdner tätig war. Auf diesem mit spielerisch verpackten, dabei seriösen Infos dicht bepackten Weg entführt die Ausstellung ihren Besucher in ein urbanes Szenario: Straßen, Sackgassen, ein Grenzübergang, Schule, Kirche und Marktplatz wurden symbolisch aus Kisten errichtet - als sinnlicher Rundgang durch das "Neue Deutschland",  das für die Ausstellungsmacher schon lange ein Einwanderungsland ist. Özkan Ezli von der Universität Konstanz, der die Begleitpublikation mit herausgegeben hat.

"Allein die Zahlen sprechen für sich und allein die Veränderung der Gesellschaft, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund sozial aufsteigen. Und im Kindergarten ist es auch so, da ist Vielfalt wo über 35 Prozent der Kinder schon einen Migrationshintergrund haben andere Sprachen reinbringen, andere Kulturen und Feiertage. Man merkt es auch den Jüngeren … dass die weitaus normaler aufwachsen können als früher. Ich wurde zum Beispiel immer noch gefragt: Wann gehst du zurück - da war immer die Frage wohin?"   

Deutschland als Einwanderungsland

So geht es um Deutschland als Einwanderungsland - auch als Zufluchtsort - gestern, aber vor allem heute. Rote Fäden, verzurrt auf einer Art Reißbrett symbolisieren Wege und Grenzen, die Asylsuchende durch das vertrackte Netz von Behörden, Verwaltungen suchen müssen, auf dem Weg zur Anerkennung. Daneben hängen aus dem Holz von vor Lampedusa untergegangener Flüchtlingsboote geschnitzte Kunstwerke als berührend stille Mahnung an der Wand. Doch nicht nur Tatsachen, auch Klischees werden aufgegriffen. Auf dem Marktplatz steht etwa ein Dukaten äppelnder Esel als ironisches Sinnbild dem Spruch entgegen, dass Immigranten vor allem kosteten - daneben der Verweis auf eine seriöse Schätzung, wonach im Durchschnitt jeder Ausländer jährlich rund 2.000 Euro mehr in die Öffentlichen Kassen zahlt, als er ihnen entnimmt.

Nebenan im "Copy Shop der Vorurteile" nimmt man solche mit Humor, und zeigt mit Karikaturen zum Thema bedruckte Kissen, Tassen und Shirts. Gegenüber präsentiert ein modernes Antiquariat ewig gestrige Reflexe des alltäglichen Rassismus in einem Regal. Ein Paket erzählt etwa von der jungen Frau, die ein solches Paket nicht ausgehändigt bekam, weil sie farbig - und für manche damit von Grund auf verdächtig ist. Auch sonst beleuchtet die Schau immer wieder auch persönliche Perspektiven - und im letzten Raum kommen auf den nun zu einer offenen Plattform arrangierten Kisten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu Wort - suchen in Videoprojektionen Antworten auf Fragen des Zusammenlebens in Deutschland. Gisela Staupe, stellvertretende Direktorin des Hygienemuseums:

"Die letzte Abteilung Fragen an Menschen, die im Menschen leben, machen deutlich - was verstehe ich unter Glück oder wohin geht der Weg - dass diese Fragen alle Menschen betreffen. Der letzte Raum soll eigentlich deutlich machen, das gelungene Migration, gelungenes Zusammenleben, kein abgeschlossener Prozess ist, der begriffen werden soll als eine notwendige Auseinandersetzung, die immer stattfinden muss, wenn alt und neu auf einander treffen."

Zu den Konflikten, die diese Auseinandersetzung zwischen den Kulturen trotz, aber auch wegen ihrer Vielfalt mit sich bringt, bezieht man in der Schau leider selten konkret Stellung. Möglicherweise ja im Bemühen, den "Normalfall Migration" nicht zu polemisieren, liegt ihre Stärke weniger in der Debatte zum Thema Migration, als darin sie anzustoßen. Und auf Basis der sehr ideenreich und lebendig präsentierter Informationen hat man nach dem Rundgang vielleicht noch mal eine andere Einblicke in dieses "Neue Deutschland" bekommen - und sieht demnächst genauer hin - auch was die eigenen Vorurteile betrifft.

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