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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.07.2010

Einsichten eines Klassikers

Robert Skidelsky: "Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert"

Rezensiert von Karen Horn

Porträt von John Maynard Keynes, 1945 (AP)
Porträt von John Maynard Keynes, 1945 (AP)

Taugt Keynes noch für das 21. Jahrhundert? Unbedingt, meint der Historiker Robert Skidelsky. In seiner vor Bewunderung überschäumenden Biografie des Star-Ökonomen plädiert er angesichts der globalen Wirtschaftskrise für eine "Rückkehr des Meisters".

In der langen Frist sind wir alle tot. Nur John Maynard Keynes nicht. Der englische Wissenschaftler hat die Ökonomie nachhaltig beeinflusst. In den Augen nicht nur des Historikers Robert Skidelsky, der ihm eine monumentale Biografie und die eigene Karriere gewidmet hat, ist Keynes schlicht der "Meister". Lord Skidelsky lebt auf Tilton, dem Landsitz von Keynes. Er wurde ebenfalls geadelt und trägt heute denselben Titel wie einst Keynes, jenen des Baron of Tilton. In seinem neuen Buch, das er unter dem Eindruck der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise binnen sechs Monaten verfasst hat, feiert Skidelsky nun die "Rückkehr des Meisters". Er ist überzeugt, dass Keynes auch für das 21. Jahrhundert die richtigen Einsichten bereithält.

Kenntnisreich wirbt Skidelsky für die Kernelemente der Keynes’schen Theorie, die Einsicht in die Rolle der Erwartungen und der Unsicherheit. Unsicherheit bedeutet nicht etwa, dass bestimmte Szenarien mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 100 Prozent auftreten, sondern dass ihnen aufgrund fundamentaler Ungewissheit gar keine rechnerischen Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden können. Man tappt völlig im Dunkeln. Die Differenzierung zwischen Risiko und Unsicherheit hat freilich nicht etwa Keynes erfunden, sondern Frank Knight, ein früher Vertreter der Chicago School.

Die klassische Ökonomie ging davon aus, dass sich nach allen Störungen langfristig immer wieder eine Gleichgewichtstendenz durchsetze. Die Politik habe sich zurückzuhalten. Jeder Eingriff schwäche die Selbstheilungskräfte der Märkte. Das Gleichgewicht in der langen Frist ist für die Generation, die aktuell von einer Krise betroffen ist, freilich nur ein schwacher Trost. Darum spottete Keynes, "In the long run we are all dead", und forderte, die Politik müsse die rezessive Talfahrt aktiv abfangen.

"Keynes hatte ein politisches Anliegen. Er vertrat die Meinung, dass der Staat Vollbeschäftigung dauerhaft anstreben muss, sollten die unbestreitbaren Vorteile des Marktes nicht verloren gehen."

Keynes sah den Staat eben nicht nur als Regelsetzer, sondern auch als Klempner im Reparaturbetrieb der Ökonomie. Von der Gleichgewichtstendenz der Märkte war er ohnehin nicht überzeugt. Die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre, die er erlebte, gab ihm hierin genauso recht wie die Krise, mit der die Welt seit 2008 zu kämpfen hat. Märkte sind nur so gut wie die handelnden Menschen. Und wir Menschen handeln nicht immer rational. Wir sind mental außerstande, alle Informationen aufzunehmen, die nötig wären, um nie zu irren. Also befolgen wir Konventionen, lassen uns mitreißen, erwarten das Falsche und machen Fehler. Wir halten es mit der Mehrheit, in der Hoffnung, sie könne nicht irren. Oder doch? Doch. Keynes war das klar. Was er indes ausblendete, war die Tatsache, dass auch Politiker Menschen sind, die sich irren. Dass er auf diesem Auge blind blieb, hatte wohl etwas mit Selbstüberschätzung zu tun.
Cover: "Robert Skidelsky: Die Rückkehr des Meisters" (Kunstmann Verlag)Cover: "Robert Skidelsky: Die Rückkehr des Meisters" (Kunstmann Verlag)
Kurz und zumeist treffend skizziert Skidelsky den Weg in die aktuelle Krise. Er nennt alle üblichen Kritikpunkte, die realen wie leider auch die nur populistisch vorgeschobenen, vom Versagen der Regulierung bis hin zu den Fehlanreizen im Bankgewerbe und der Spekulation. Immerhin gelangt er zu einer optimistischen Prognose: Im Vergleich zu den 30er-Jahren bleibt die aktuelle Krise mild.

"Und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist die Bereitschaft zur internationalen Kooperation heute ungleich größer. Zweitens haben wir Keynes."

Freilich muss auch Skidelsky einräumen, dass im Namen von Keynes in der Vergangenheit Fehler begangen wurden. Er rügt die "keynesianische Hybris". Man dürfe keinesfalls glauben, die Makropolitik könne mit wissenschaftlicher Präzision angewendet und ihre Wirkung exakt vorausgesehen werden. Folglich sieht er die Konjunkturprogramme, die in aller Welt aufgelegt worden sind, mit skeptischer Sorge. Er fürchtet - sehr zu Recht, wie wir heute wissen - nach der privaten Schuldenkrise eine öffentliche Schuldenspirale.

Der Autor bemüht sich bei alledem, uns Keynes als Moralisten nahezubringen - ausgerechnet Keynes, jenen Mann, der sich bewusst als "Immoralist" in Szene setzte. Das ist wenig überzeugend. Hier predigt vor allem Skidelsky selbst. Er stößt sich am Werteverfall in der kapitalistischen Gesellschaft, in der es immer mehr um das schnelle Geld und immer weniger um ein moralisch "gutes Leben" geht. Solche Klagen muten wohlfeil an. Aber vielleicht sind sie berechtigt. Und warum sollten sich ökonomische Historiker nicht am Wertediskurs beteiligen?

Vor allem aber will Skidelsky ein Bewusstsein wecken für die fatale Art und Weise, wie heute an den Universitäten Ökonomie betrieben wird. Und gerade dieser Aspekt macht sein Buch bemerkenswert und unbedingt lesenswert, auch wenn man sonst nicht alle seine Analysen teilen mag und einem manchmal die überschäumende Bewunderung für den Meister auf die Nerven gehen kann.

"Die gegenwärtige Krise ist in ganz erheblichem Umfang das Resultat des intellektuellen Versagens der wirtschaftswissenschaftlichen Profession…."

Die Ökonomie wird heute als Schein-Naturwissenschaft betrieben, nicht als Geisteswissenschaft, die sie doch eigentlich ist und auch sein sollte. Skidelsky liefert hier einen schönen Beitrag zum Methodenstreit, der seit Ausbruch der Krise schwelt. Und er macht einen Vorschlag zur Reform des Curriculums: Er will Mikroökonomie und Makroökonomie trennen. Und besser noch:

"Ein Master-Abschluss in Makroökonomie sollte eine Kombination aus mehreren Fächern sein mit einem gleich großen nicht-wirtschaftswissenschaftlichen Anteil, etwa Geschichte, Philosophie, Soziologie, Politik, Internationale Beziehungen, Biologie oder Anthropologie…"

Skidelsky macht sich keine Illusionen, dass sich ein solcher Umbau rasch verwirklichen ließe. Und es stimmt, auch unter dem Eindruck der Krise wird der Blick über den Tellerrand der ökonomischen Disziplin nicht etwa häufiger, auch in Deutschland nicht, sondern vielmehr seltener. Doch überlassen wir hierzu dem gepriesenen Meister selbst das letzte, mahnende, unsterbliche Wort:

"Der Nationalökonom muss Mathematiker sein, Geschichtsschreiber, Staatsmann und Philosoph... Er muss das Gegenwärtige im Licht des Vergangenen um der Zukunft willen erforschen. Kein Teil der menschlichen Natur darf ganz außerhalb seines Blickfelds liegen. Er muss gleichzeitig zweckhaft und uninteressiert sein; so abseitig und unbestechlich wie ein Künstler, doch manchmal so nah der Erde wie ein Politiker."

Robert Skidelsky: Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert
Verlag Antje Kunstmann, München 2010
304 Seiten, 19,90 Euro

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