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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.12.2015

Einsatz für gemeinnützige ZweckeStiftende Väter, zögernde Erben

Hans Fleisch im Gespräch mit Nana Brink

Gelbe Gummiarmbänder mit der schwarzen Aufschrift "Stiftung Leben" (dpa/picture alliance/Fredrik Von Erichsen)
Stifte und tue Gutes: Die Erben halten sich dabei noch vornehm zurück (dpa/picture alliance/Fredrik Von Erichsen)

Erben größerer Vermögen stiften ihr Geld längst nicht so oft wie diejenigen, die sich ihren Wohlstand selbst erarbeitet haben. "Da klappt etwas in der Motivation noch nicht", so der Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch.

Laut dem Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, sind Erben bei den Gründern von Stiftungen unterrepräsentiert. Offenbar hätten sie das Gefühl, dass ihnen moralisch nicht "die volle Verfügungsgewalt" über das Vermögen zustehe, sagte Fleisch im Deutschlandradio Kultur. "Die Erbschaftswelle sollte noch stärker in gemeinnützige Zwecke in Form von Stiftungen hineinrollen", betonte er. Wer eine Stiftung gründe, habe meist mehrere Motive, sagte Fleisch. Stifter seien Menschen, die gestalten wollten. Sie seien meist schon länger gesellschaftlich engagiert und waren beruflich überwiegend erfolgreich. Sie wollten zudem etwas zurückgeben und hätten oft auch einen konkreten persönlichen Anlass. Das Vermeiden von Steuern spiele hingegen keine Rolle.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink: Spätestens seit Mark Zuckerbergs wohlinszenierter Wohltat – er will ja im Laufe seines Lebens einen Großteil seines Vermögens stiften –, ist das Thema Stiften oder Stiftung wieder in aller Munde. Was in den USA längst gang und gäbe ist und auch einen Großteil staatliche Leistungen ersetzt, das ist in Deutschland nun auch auf dem Vormarsch.

Heute wird die sogenannte "Stifterstudie" vorgestellt, die Motive und Ansichten von Menschen hierzulande beleuchtet, die aus ihrem Privatvermögen heraus etwas stiften wollen. Und bei dieser Studie ist Erstaunliches herausgekommen: Es gibt nämlich mehr Engagement, als man gemeinhin denkt. Professor Hans Fleisch ist Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, hat über 20 Jahre lang Menschen begleitet, die eine Stiftung gründen wollen. Guten Morgen, Herr Fleisch!

Hans Fleisch: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Was sind denn die wichtigsten Motive für eine Stiftungsgründung?

Stifter haben meist mehrere Motive gleichzeitig

Fleisch: Die meisten, die stiften, haben mehrere Motive, die miteinander kombiniert sind. Es sind Menschen, die etwas gestalten wollen. Es sind Menschen, die schon eine lange Engagementbiografie, wie das heißt, hinter sich haben, also die schon nicht mit dem Stiften anfangen, sondern vorher etwas getan haben im öffentlichen Raum, für das Gemeinwohl.

Es sind Menschen, die überwiegend erfolgreich waren im Leben und gemerkt haben, sie können was bewirken, und die nun ihrer Dankbarkeit tätig Ausdruck verleihen wollen, die etwas zurückgeben wollen. Und ganz oft haben die Menschen auch ein Anliegen, ein ganz konkretes, oder einen Anlass, zum Beispiel der Tod eines Kindes oder eine bestimmte Krankheit, die sie bekämpfen helfen wollen, warum sie dann sagen, jetzt mache ich das nicht mehr mit Spenden, sondern jetzt mache ich etwas Nachhaltigeres, und dann kommt die Stiftung als bestes Instrument in Frage.

Brink: Können Sie uns da mal so ein Beispiel geben, damit wir uns das plastischer vorstellen können?

Fleisch: Ja. Ich selbst bin ins Stiftungswesen geraten durch die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung. Da gab es zwei Unternehmer, die haben bei einem Unternehmergespräch über Regenwald und Regenwaldabholzung sich darüber unterhalten, dass das große Bevölkerungswachstum und die vielen ungewollten Schwangerschaften ein großes Problem sind.

Der eine der beiden Unternehmer war Dirk Rossmann – kennt man ja auch aus Medien und den Märkten. Und dann haben sie gesagt, warum reden wir nur darüber, wir sollten mal was tun. Und dann haben sie eine Stiftung gegründet, um Frauen in aller Welt zu helfen, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Ein anderes Beispiel ist aus jüngerer Zeit die "Stiftung taubblind leben", da gibt es ein Ehepaar – die Frau hat einen Bruder, der taubblind ist, und hat gesehen, obwohl er taubblind ist, wurde dem geholfen. Der führt ein relativ selbstbestimmtes Leben.

Aber die meisten Taubblinden, für die tut unser Sozialsystem nichts, und da, haben sie gesagt, da muss man was dagegen tun. Ich gründe eine Stiftung, und mit dieser Stiftung versucht sie das Thema voranzubringen und bessere Hilfen für Taubblinde zu organisieren.

Brink: Sie haben ja jetzt auch einen interessanten Aspekt gebracht: Weil die Gesellschaft nicht oder der Staat nicht genug tut, dann wollen Stifter da sozusagen in diese Lücke reinspringen, weil sie dann auch selbst bestimmen wollen, was mit ihrem eigenen Geld geschieht? Sie könnten ja auch einen anderen Weg wählen.

"Eine Stiftung ist wie ein Apfelbaum"

Fleisch: Es gibt auch andere Wege, in der Tat, wie Spenden, oder wie sich zeitlich zu engagieren. Aber wenn man das Gefühl hat, da muss man längerfristig etwas tun und – noch mal – selber etwas tun, was über den eigenen Tod hinauswirkt, das ist wirklich ja sehr attraktiv. Wenn ich heute etwas tue, und ich weiß, in hundert Jahren wird noch in meinem Sinne das weitergemacht.

Eine Stiftung ist ja wie ein Apfelbaum, der auch noch weiterlebt und Früchte bringt, wenn ich nicht mehr da bin. Und die Vorstellung, dass dann eben ich weiter wirke, obwohl ich gar nicht mehr da bin, das ist einfach ungeheuer attraktiv. Und deswegen ist diese Form des bürgerschaftlichen Engagements mit der Stiftung im Kommen. Die Leute wollen gern etwas machen, was nicht nur heute wirkt, sondern eben über lange Zeit.

Brink: Aber ein Motiv ist doch bestimmt auch dann, nicht nur zu bestimmen, was der Zweck dieser Stiftung ist, sondern auch zum Teil Steuern sparen.

Fleisch: Nein, das, glaube ich, ist in der Regel nicht der Fall. Das ist eigentlich ja nicht anders auch beim Spenden. Wenn Sie, sage ich mal, 100 Euro für UNICEF spenden, dann können Sie das auch steuerlich berücksichtigen. Aber niemand würde Ihnen unterstellen, Sie machen das, um Steuern zu sparen.

Die Stiftenden geben Geld, geben Vermögen, Häuser und anderes weg, und zwar endgültig. Das können sie dann steuerlich berücksichtigen. Aber sie werden natürlich viel mehr los beim Verschenken in eine Stiftung, als sie hinterher in der Steuererklärung berücksichtigen können.

Wer Steuern sparen will, der muss Tricks im Ausland machen. In Deutschland ist das mit einer Stiftung nicht in einer Weise möglich, dass man da dann wirklich einen Vorteil hat. Aber es ist so, man kann das steuerlich absetzen, man kann das berücksichtigen, bis zu einer gewissen Summe allerdings nur, wenn man eine Stiftung gründet und da ein Haus oder Geld hineingibt.

Brink: Ich möchte noch mal ein bisschen auf diesen staatlichen Aspekt zu sprechen kommen. Wir sehen ja in den Vereinigten Staaten ein komplett anderes System, weil der Staat da auch in weiten Teilen, kann man sagen, versagt in der Versorgung. Hier in Deutschland ist das ja anders. Aber nehmen Stiftungen nicht auch immer mehr Aufgaben wahr, die der Staat nicht mehr leistet? Nimmt man ihn damit aus der Pflicht?

Wer stiftet, hat eine gesellschaftliche Lücke erkannt

Fleisch: Ich denke, dass der Staat viele Dinge nicht mehr leistet, kann man eigentlich nicht sagen. Die Steuereinnahmen sind so hoch wie nie, die Staatsausgaben sind so hoch wie nie, und vieles, was in meiner Jugend der Staat noch nicht gemacht hat, macht er heute.

Aber es ist richtig: Stiftungen machen Dinge, die der Staat nicht tut, und Stiftende errichten Stiftungen dafür, dass das ergänzt wird. Das war schon immer so.

Die ersten Stiftungen waren Hospitäler, diese alten Hospize, da gab es eben solche Kranken- und Armenstationen noch nicht. Später ist daraus das deutsche Krankenhauswesen erwachsen. Und bei der "Stiftung taubblind leben" ist es auch so, dass man hoffen kann, dass im Sozialgesetzbuch Dinge reformiert werden, damit die Taubblinden aus den gesetzlichen Krankenkassen und so weiter her besser versorgt werden.

Aber es ist so, wenn man etwas tut mit einer Stiftung zum Beispiel, dann gibt es eine Lücke, etwas, wo man meint, das wird noch nicht genug getan. Ob das nun die Förderung eines bestimmten Künstlers ist oder ob das Nachwuchswissenschaftler sind: Wenn man das Gefühl hat, da wird nicht genug getan, da muss mehr getan werden, dann ist das ein passender Stiftungszweck.

Brink: Ein interessanter Aspekt, und damit komme ich dann auch zum Schluss, den ich aus Ihrer Studie mitgenommen habe, ist, dass hauptsächlich die Generation stiftet, die erfolgreich war, aber deren Erben eigentlich nicht mehr.

Die Erben halten sich beim Stiften zurück

Fleisch: Ja, das ist etwas, was mich seit Langem wundert. Ich hätte immer gedacht, wenn ich sozusagen unverdient, ohne eigenes Tun, zu Geld komme, durch Erben, dann müsste ich erst recht mich verpflichtet fühlen moralisch, das wegzugeben. Aber es ist so, dass die Leute, die stiften, ganz überwiegend das, was sie stiften, selbst erarbeitet haben, während Erben unterrepräsentiert sind bei den Stiftenden. Und da müssen wir tatsächlich noch was tun.

Offenbar haben Erben das Gefühl, dass ihnen nicht so die volle Verfügungsgewalt moralisch zusteht über das, was ihnen zugewachsen ist an Geld. Erben stiften in Deutschland noch zu selten, und da klappt etwas in der Motivation noch nicht. Da müssen wir drüber reden. Die Erbschaftswelle sollte noch stärker in gemeinnützige Zwecke in Form von Stiftungen hineinrollen. Das ist gut für unser Land. Je mehr Stiftungen, umso besser fürs Gemeinwohl.

Brink: Dieser Frage gehen wir bestimmt auch noch nach. Herzlichen Dank erst mal so weit, Professor Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, die heute ihre Stifterstudie vorstellt. Danke, Herr Fleisch, für das Gespräch!

Fleisch: Danke, Frau Brink!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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