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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.06.2013

Eine schwerelose Inszenierung

Rossinis "La Cenerentola" an der Oper Stuttgart

Von Rainer Zerbst

Gioacchino Rossini (1792-1868) (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH)
Gioacchino Rossini (1792-1868) (dpa / picture alliance / Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH)

Andrea Moses gelingt es, in ihrer Inszenierung notwendige gesellschaftskritische Akzente zu setzen, ohne Rossinis Oper "La Cenerentola" dabei zu vergewaltigen. Heraus kommt ein amüsantes Stück, das vor Geist und Witz sprüht.

Während der Ouvertüre nehmen Herren in grauen Anzügen an einem runden Konferenztisch Platz. Sie erklären dem Prinzen Ramiro - per Gesten und eingeblendeten Texten -, er habe gefälligst sofort zu heiraten, damit die Erblinie gesichert sei.

Der Prinz willigt schließlich ein, seinen Diener als Prinzen vorauszuschicken, er selbst wolle als Diener verkleidet das Terrain sondieren. Das ist witzig, geistreich - und gibt bereits den Ton an, der die ganze Aufführung prägt: So heiter, ja geradezu schwerelos sind Inszenierungen von Andrea Moses nicht immer.

Angesiedelt ist die Handlung im Hier und Heute - im ersten Akt im Heim von Angelina, dem Aschenputtel in Rossinis Oper, in dem sie als Stieftochter bzw. -schwester ein Dienstbotendasein fristet. Das gelingt mühelos, denn bei Rossini fehlen all jene märchenhaften Elemente, die eine solche zeitliche Aktualisierung verbieten: Es gibt keine gute Fee, die dem armen Mädchen Kleider gibt, mit denen sie auf dem Ball den Prinzen begeistern kann.

Hier hat Alidoro die Fäden in der Hand, der Erzieher des Prinzen. Er nimmt sich das Mädchen beiseite und erklärt, es werde sich alles zum Guten wenden. Rossini hat diese Rolle in eine späteren Bearbeitung der Oper, die jetzt in Stuttgart gespielt wird, stark erweitert.

Andrea Moses geht noch einen Schritt weiter. Bei ihr ist Alidoro ein deus ex machina. Mit einer Handbewegung gebietet er über das Licht auf der Bühne, er dirigiert den Chor, mit einem Fingerschnippen sorgt er für szenischen Umbau: Das Wohnzimmer von Angelinas Familie verschwindet im Hintergrund, von oben senken sich die elegant kühlen Wände des Palastes herab, sehr zum entsetzten Erstaunen Angelinas.

Andrea Moses, die gern in den Opern die gesellschaftskritischen Aspekte herausdestilliert, hätte das Geschehen als Anklage gegen ein patriarchalische Gesellschaft inszenieren können, doch das hätte diese Oper vergewaltigt. Sie hat darauf verzichtet, und trotzdem die nötigen Akzente gesetzt.

Als der Stiefvater - nach seiner dritten Tochter befragt - kühn behauptet, sie sei gestorben, greift er sich flugs die Urne mit der Asche seiner verstorbenen Frau und gibt sie als die seiner Tochter aus. So wird unversehens seine rabenschwarze Seele sichtbar. Andrea Moses nimmt die oberflächlich betrachtet rein witzigen Figuren und Situationen ernst - und entwickelt daraus eine ganz eigene Komik.

Dafür hat sie brillante Sängerdarsteller zur Verfügung - und in Diana Haller eine fulminante - alle Koloraturen meisternde - Angelina. Das Resultat ist eine von Geist und Witz sprühende Inszenierung, an der Rossini sicher seinen Gefallen gehabt hätte.

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