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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.09.2006

Eine Roman-im-Roman-Variation

Wolf Haas: "Das Wetter vor 15 Jahren"

Rezensiert von Rainer Moritz

Das Buch handelt vom Wetterfanatiker Vittorio Kowalski aus dem Ruhrgebiet (AP)
Das Buch handelt vom Wetterfanatiker Vittorio Kowalski aus dem Ruhrgebiet (AP)

Bekannt wurde der Österreicher Wolf Haas mit seinen Krimis um den kauzigen Ermittler Simon Brenner. Nun hat er einen Dialogroman geschrieben, in dem eine männliche Figur mit seinem Namen und eine weibliche Figur namens Literaturbeilage über ein in der Entstehung begriffenes Buch mit dem Titel "Das Wetter vor 15 Jahren" trefflich streiten.

Da hat einer sechs erfolgreiche, stilistisch unverwechselbare Bücher geschrieben, die von einem eigenwilligen, kauzigen Ermittler namens Simon Brenner handeln. Von einem, der keine glänzende Polizeikarriere gemacht hat und dennoch (oder deshalb?) prädestiniert ist, den üblen Verbrechern in ganz Österreich das Handwerk zu legen.

Anfänglich war er, der 1960 im "Bilderbuchdorf" Maria Alm geborene Wolf Haas, ein im Taschenbuch versteckter Geheimtipp, ehe man ihn, in Ermangelung von Intelligenterem, "Kultautor" nannte – bis es Simon Brenner bzw. seinem Chronisten wie Sherlock Holmes erging: Er bzw. der Chronist musste in den sauren Apfel des Todes beißen – zumindest sah das im letzten Simon-Brenner-Roman "Das ewige Leben" so aus.

Was schreibt man danach? Wolf Haas hat sich Zeit gelassen und mit "Das Wetter vor 15 Jahren" einen Dialogroman vorgelegt, der zum Originellsten gehört, was dieses Genre seit langem hervorgebracht hat. Haas wehrt sich gegen das dominierende quasi-realistische Erzählmodell des 19. Jahrhunderts, den "Prosagatsch", und knüpft an Roman-im-Roman-Variationen an, wie man sie in der (post)modernen Literatur seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht selten antrifft. Kein linearer Plot soll erzählt werden, sondern das, was früher diesen Namen verdient hätte, erscheint in indirekter Form, im nacherzählenden Bericht dessen, was der Roman wäre, wenn man ihn nur in Händen halten würde.

Zwei Menschen kommen fünf Tage lang zusammen und sprechen über den soeben erschienenen Roman der einen Figur, die aparter Weise wie der Autor Wolf Haas heißt. Ihr gegenüber sitzt eine anonym bleibende, germanistisch streng geschulte bundesdeutsche Dame, die als "Literaturbeilage" tituliert wird. Im Laufe des Gesprächs kristallisiert sich heraus, dass die Figur Haas ein Buch geschrieben hat, das von einem merkwürdigen Wetterfanatiker, Vittorio Kowalski aus dem Ruhrgebiet, handelt. Als 15-Jähriger verbrachte dieser seine Ferien mit seinen Eltern im österreichischen Farmach, macht dort die Bekanntschaft der ortsansässigen Anni und braucht weitere 15 Jahre, ehe er auf verschlungenem Wege den ersehnten Kuss mit dem einstigen Sommerfrischenschwarm austauschen darf.

Die Farmacher Wochen machten so tiefen Eindruck auf ihn, dass er sich zum Wetterexperten der Gemeinde aufschwingt und aus der Essener Ferne von jedem Tag der letzten 15 Jahren das Farmacher Wetter aufsagen kann. Diese Begabung bringt ihn dorthin, wo jede halbwegs besondere Begabung heutzutage hinführt: ins Fernsehen, genauer: in Thomas Gottschalks "Wetten, dass ....?"-Show – ein Auftritt, der dazu führt, dass sich, so scheint es, Anna wieder bei ihm meldet. Eine Hochzeit naht, erotische Verwicklungen werden enthüllt, eine Sprengung lässt das Dorf erschüttern – und ein wuchtig-witziger Romanschluss wartet auf die Leser.

Die tief schürfende "Literaturbeilage" und "Wolf Haas" reden die meiste Zeit aneinander vorbei. Der Autor sieht sich von Interpretationsmustern umstellt, auf die er letztlich unwirsch (und selbstironisch) reagiert: "Ja, sicher, man kann sich’s auch so leicht machen und das Buch gar nicht schreiben!"

Erst am Ende verliert der Selbsterklärungen ablehnende Autor die Contenance: "Literaturbeilage" pocht auf ihre Erklärung sexueller Anspielungen und treibt den sich unschuldig gebenden "Wolf Haas" in die Enge: "Ich verstehe nicht, warum Sie es nicht einfach zugeben. Haben Sie Angst, dass man Ihnen einen Entjungferungskomplex unterstellt?" Der Gepeinigte scheint zu resignieren, duzt die Interviewerin mit einem Mal und will ihr nun endlich erzählen, was damals wirklich geschah in Farmach – sofern das Aufnahmegerät ausgeschaltet wird ...

"Das Wetter vor 15 Jahren" ist ein außergewöhnliches Buch, das es – wer tut das von Haas’ Kollegen überhaupt noch? – mit der Form des Romans spielt und deren Belastbarkeit erprobt. Dass das Schreiben von Büchern und das Schreiben bzw. Sprechen über Bücher zwei grundverschiedene Dinge sind, lässt sich hier spielerisch und nicht selten komisch erfahren.

Ob die "Literaturbeilage" oder ob "Wolf Haas" die besseren Argumente im Köcher hat, ist schwer zu entscheiden, denn leider kennen wir ja den "Roman im Roman", über den in "Das Wetter vor 15 Jahren" geredet wird, nur in den wenigen Auszügen, die die Interviewerin zitiert. Diese Passagen deuten origineller Weise auf einen recht misslungenen, sprachlich konventionellen Roman hin. Der richtige Wolf Haas hätte einen solchen nie geschrieben.

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren
Hoffmann und Campe Verlag, 224 S., 18, 95 €

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