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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.12.2009

"Eine PR-Aktion hätte ich nicht mitgemacht"

Ossietzky-Medaille für den Ex-Kapitän der Cap Anamur

Stefan Schmidt im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Kapitän Stefan Schmidt (l.) und Elias Bierdel auf einem Archivbild von 2004.
Kapitän Stefan Schmidt (l.) und Elias Bierdel auf einem Archivbild von 2004. (AP)

Der ehemalige Kapitän des Rettungsschiffes Cap Anamur, Stefan Schmidt, wird mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille für besondere Zivilcourage ausgezeichnet. Zuvor stand er für die Rettung afrikanischer Bootsflüchtlinge vor Gericht.

Matthias Hanselmann: Wir sind jetzt verbunden mit Stefan Schmidt, und natürlich zunächst herzlichen Glückwunsch Herr Schmidt zu der Auszeichnung!

Stefan Schmidt: Danke schön!

Hanselmann: Carl-von-Ossietzky-Medaille, Herr Schmidt, wird für außerordentliche Zivilcourage verliehen. Hatten Sie denn überhaupt eine andere Wahl in der damaligen Situation? Hätten Sie anders handeln können, als Sie es getan haben?

Schmidt: Also in der Situation, die Leute zu retten, garantiert gar nicht, aber nachher, als die Situation gefährlich an Bord wurde und man irgendwas tun musste, ja, ich weiß es nicht. Also im Grunde genommen habe ich immer alles richtig gemacht. Ob das damals Zivilcourage war, das weiß ich nicht.

Hanselmann: Sind denn Kapitäne, die ein solches Boot sehen, ein solches Boot mit Flüchtlingen, verpflichtet zu helfen?

Schmidt: Also wenn das Boot am Untergehen ist, auf jeden Fall. Kapitäne sind, also deutsche Kapitäne oder eigentlich alle Kapitäne der Welt, sind verpflichtet, jeden Menschen in Seenot zu retten, ohne zu fragen, wer er ist. Und sie müssen ihn in einen sicheren Hafen bringen.

Hanselmann: Also wenn keine Seenot zu erkennen ist, dann können Sie auch einfach weiterschippern?

Schmidt: Ja natürlich.

Hanselmann: Wenn Sie zurückdenken, Herr Schmidt, an diesen Tag, wie haben Sie ihn persönlich erlebt, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Schmidt: Na ja, also es war zunächst nichts besonders Aufregendes, es war ja kein schlechtes Wetter, es war einfach so, dass dieses Gummiboot am Sonntagnachmittag zu sehen war, und wir dachten, das wären Arbeiter einer Ölbohrplattform. Dann stellte sich aber raus, dass die Notzeichen gaben, also das, was die als Notzeichen verstanden, rotes Tuch winken. Und ja, dann haben wir sie an Bord geholt und versorgt. Und das lief eigentlich so ab wie eine Übung, als wenn wir das schon hundert Mal gemacht hätten. Das war nichts Aufregendes, und aufregend wurde das nachher später, als die italienische Kriegsmarine uns dann bedrohte.

Hanselmann: Wie war denn da die Situation an Bord? Gab es Diskussionen, wie man vorgehen sollte?

Schmidt: Diskussionen an Bord gibt es grundsätzlich nicht, was der Kapitän sagt, wird gemacht.

Hanselmann: Hätte ich mir fast denken können. Würden Sie denn heute wieder Sizilien ansteuern und nicht, wie von Italien damals gefordert, Malta?

Schmidt: Na, Malta hatte überhaupt nichts damit zu tun, und ich weiß, dass jetzt seit Jahren sich Italien und Malta streiten. Inzwischen ist es so weit, dass Malta den Booten, die da ankommen, Wasser und was zu essen und Benzin gibt und sagt: Fahr mal in die Richtung weiter, da ist Italien. Also ich würde mich an die Regeln halten. Wir haben die Leute aufgefischt in einem Gebiet, was am nächsten an Italien dran war, und das ist die Regel, die ein Kapitän zu befolgen hat, in welches Land er die Leute bringt.

Hanselmann: Aber Sie sind ja unter anderem wegen Beihilfe zu illegaler Einwanderung in einem besonders schweren Fall vor Gericht gekommen, weil Sie die Anweisung nicht verfolgt hätten, nach Malta zu fahren.

Schmidt: Bandenmäßig haben Sie vergessen, bandenmäßig.

Hanselmann: Bandenmäßig auch noch!

Schmidt: Ja, auch noch, weil die haben extra den ersten Offizier dazu genommen, damit wir drei sind. Ab drei ist man eine Bande.

Hanselmann: Okay.

Schmidt: In Italien jedenfalls. Ja, und Malta, wissen Sie, damals, als wir da vor der Küste hin- und herfuhren, da hat uns eine Woche lang keiner gesagt, warum wir überhaupt nicht einlaufen dürfen, da war überhaupt nicht die Rede von Malta oder von irgendwas anderem. Und dann ging es los, dass die sich irgendwie immer wieder neue Gründe einfallen ließen, warum wir nicht einlaufen dürfen. Und irgendwann war auch mal gesagt worden, warum seid ihr nicht nach Malta gefahren. Ich meine, die hätten ja auch sagen können, warum fahrt ihr nicht nach China. Malta hatte überhaupt nichts damit zu tun.

Hanselmann: Sie sind, wir haben es gehört, freigesprochen worden, der Staatsanwalt in Italien hat aber noch bis ins nächste Jahr hinein die Möglichkeit, Revision gegen Ihren Freispruch einzulegen. Wissen Sie, ob da etwas in der Richtung noch laufen könnte, haben Sie eventuell die Befürchtung, dass das so werden könnte?

Schmidt: Nein, habe ich eigentlich nicht, habe ich nicht, weil ich meine, erstens denke ich, wenn er das machen würde, dann würde er sich vor der ganzen Welt fürchterlich lächerlich machen. Und andererseits hat er sogar uns nach dem erfolgten Freispruch selber gratuliert. Also insofern, wenn er dann jetzt noch mal einen Einspruch einlegt, dann kommt das wieder von Rom aus der Politik.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", wir sprechen mit dem ehemaligen Kapitän des Rettungsschiffes Cap Anamur, der Deutschen Notärzte e.V., Stefan Schmidt, der am kommenden Sonntag die Carl-von-Ossietzky-Medaille für besondere Zivilcourage erhalten wird. Herr Schmidt, Sie selbst sind als Kapitän pensioniert, unterrichten aber noch an einer Seemannsschule in Lübeck, bleiben also im Stoff. Es gibt ja seit vier Jahren die EU-Grenzschutzagentur FRONTEX, die geschaffen wurde, um Schlepper oder Fluchthelferaktivitäten einzudämmen, einem unkontrollierten Strom von Flüchtlingen vorzubeugen. Aus der Sicht eines Kapitäns, der Erfahrung damit hat, Herr Schmidt, wem hilft eine solche Agentur wie FRONTEX?

Schmidt: Im Grunde genommen hilft die niemandem. Also was die für Vorgaben haben, ist ja, dass die Boote, die unter FRONTEX' Flagge fahren, will ich mal sagen – FRONTEX selber hat ja eigentlich keine Boote, sondern die koordinieren nur die Hubschrauber und Boote, die da im Mittelmeer fahren –, aber die haben die Aufgabe, zum Beispiel kleine Boote, die in Richtung Italien fahren, zur Umkehr zu bewegen. Das hört sich so freundlich an, aber wissen Sie, was das bedeutet? Für die meisten von diesen Booten bedeutet das einfach ein Todesurteil. Die sind mitten im Mittelmeer, haben schon fast keinen Treibstoff mehr, haben kein Wasser mehr – und wenn man zu denen sagt, kehr mal um, ja, das war's dann.

Hanselmann: Es gibt einen ARD-Bericht, der besagt, dass FRONTEX-Mitarbeiter sogar diesen Flüchtlingsschiffen zum Teil Treibstoff und Nahrungsmittel nehmen, um sie zur Umkehr zu zwingen.

Schmidt: Ja, gelesen habe ich das auch, aber ich habe da keine eigenen Erfahrungen.

Hanselmann: Herr Schmidt, lassen Sie uns noch mal zurück zu dieser ganz konkreten Situation. Wie ist denn heute die Lage für Kapitäne, die Flüchtlinge retten? Was riskieren sie unter Umständen?

Schmidt: Ja, genau das ist es ja, also im Grunde genommen ist der Freispruch für uns eigentlich gar nicht das Wichtige, sondern für die Politik in Italien war das Wichtige der drei Monate dauernde Prozess. Man will einfach der Seefahrt Angst machen, dass Schiffe an Booten vorbeifahren, weil Sie sonst riskieren, dass Sie, ja, genauso vor Gericht gestellt werden, dass man Ihnen Ihr Schiff an die Kette legt. Und ich kann mir schon vorstellen, dass manch einer da sagt, also da guck ich doch lieber weg. Und wir haben ja sogar Beispiele dafür, dass so was passiert. Stellen Sie sich mal vor, so ein großes Schiff, was irgendwo gechartert ist für 10.000 Euro pro Tag, wird festgehalten ein halbes Jahr, da ist die Reederei pleite.

Hanselmann: Nun, wenn man Flüchtlinge aufnimmt, ist das ja auch ein erheblicher Aufwand, man muss sie irgendwo hinbringen, auch dadurch entstehen ja Fehlzeiten. Das heißt, die Reedereien, geben die auch konkrete Hinweise an ihre Kapitäne: Leute, macht die Augen zu, wenn ihr ein Flüchtlingsschiff seht!

Schmidt: Da kann ich nichts drüber sagen, weil ich das nicht weiß. Ich hab's nur über drei Ecken, dass zum Beispiel einer, der entgegen der Weisung seiner Reederei jemanden gerettet hat, hinterher unter einem Vorwand entlassen wurde.

Hanselmann: Wie empfinden Sie denn als Kapitän das Seerecht? Es wird so oft gesagt, es sei unglaublich kompliziert, da soll man doch lieber froh sein, wenn man sicher durchschippert und mit nichts irgendwas zu tun hat. Wie empfinden Sie es?

Schmidt: Nein, gar nicht. Es ist überhaupt nicht kompliziert. Also es gibt genug Gesetze. Wenn Sie alle Gesetze der Welt nehmen, dann hätten wir ein Paradies. Nur leider werden die nicht eingehalten, das ist das Problem.

Hanselmann: Nach der Hilfsaktion der Cap Anamur unter Ihrem Befehl, da kamen dann ja auch Vorwürfe, das Ganze sei so eine Art PR-Aktion für die Ziele der Hilfsorganisation Cap Anamur gewesen, eine Einzelaktion des damaligen Cap Anamur-Chefs Elias Bierdel. Wie haben Sie das damals empfunden?

Schmidt: Das ist der totale Blödsinn. Erstens hätte ich eine PR-Aktion nicht mitgemacht als Kapitän, weil ich habe das Sagen an Bord, da kann auch kein Reeder sagen, ich soll mal eine PR-Aktion machen. Und zum anderen ist es ja so, das war ... wenn, dann ist es nach hinten losgegangen, weil ich habe gehört, dass da vor allem Cap Anamur hinterher, glaube ich, 30 Prozent weniger Spenden gekriegt hat. Und zum anderen ist es ja inzwischen auch so, dass fast alle Medien, die wir kennen, jetzt umgeschwenkt sind und eigentlich jetzt keiner mehr böse über uns redet, weil inzwischen sich eben rausgestellt hat, was da wirklich los war.

Hanselmann: Vielen Dank an Stefan Schmidt, den ehemaligen Kapitän der Cap Anamur. Für die Rettungsaktion, über die wir gerade gesprochen haben, wird er übermorgen von der Internationalen Liga für Menschenrechte ausgezeichnet.

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Strafe für Hilfe