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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.06.2012

Eine Langzeitgeschichte des Denkens

Silvio Vietta: "Rationalität", Wilhelm Fink Verlag, München 2012, 411 Seiten

Viettas Exkurs durch die Geschichte der Rationalität umfasst mehr als 2700 Jahre. (AP Archiv)
Viettas Exkurs durch die Geschichte der Rationalität umfasst mehr als 2700 Jahre. (AP Archiv)

2700 Jahre auf 411 Seiten: Der Literaturwissenschaftler Silvio Vietta zeichnet die Geschichte der Rationalität von den Anfängen in der griechischen Antike bis in die Gegenwart nach. Das Ergebnis ist eine eindringliche und höchst aktuelle Studie über unser Denken.

Während unter Aisthesis die sinnlich-emotionale Wahrnehmung zu verstehen ist, die auch den Gefühlsmomenten Bedeutung schenkt, ist ein der Ratio verpflichtetes Denken kausallogisch strukturiert. Es orientiert sich an der "Zweck-Mittel-Relation". Rationales Denken untersucht die berechenbaren Quantitäten eines Objektes.

In sieben Kapiteln geht der 1941 in Berlin geborene und bis zu seiner Emeritierung in Heidelberg lehrende Literaturwissenschaftler Silvio Vietta der Geschichte der Rationalität von den Anfängen in der griechischen Antike bis in die Jetztzeit nach. Ausgangspunkt der Studie ist die "Erfindung der Rationalität". In den weiteren Kapiteln wird die Rationalität in Beziehung zur Zahl, dem Raum, der Zeit, der Expansion und dem Geld gesetzt. Im letzten Kapitel des Buches wendet sich Vietta schließlich dem Verhältnis von "Aisthetik und Rationalität" zu. Dieser Exkurs durch die Geschichte der Rationalität umfasst mehr als 2700 Jahre. Das hat zunächst etwas Respekteinflößendes, aber Vietta versteht es, wesentliche Zusammenhänge herauszuarbeiten und sich auf entscheidende Momente zu konzentrieren.

Die zentrale These seines faktenreichen und kulturgeschichtlich breit angelegten Buches lautet: Die Hauptakteure dieser "Langzeitgeschichte" sind nicht in erster Linie die Menschen, "nicht die Herrscher, Kaiser, Diktatoren, Politiker, auch nicht die sozialen Klassen, wie das Bürgertum oder das Proletariat", sondern es ist vielmehr das rationale Vermögen des Menschen. "Die Rationalität erfand und konstituierte selbst eine Zivilisation", in der eine bestimmte, der Ratio verpflichtete Denkform dominant ist.

Zunächst ist es Aristoteles, der für eine Abspaltung der Rationalität von der sinnlichen Wahrnehmung plädiert. Die sich daraus entwickelnde metaphysische Weltanschauung zielt auf die wahre Erkenntnis, deren Grundlage die Naturphilosophie ist. Dadurch werden – wie Vietta betont – von Beginn an auch die Geschlechterrollen festgeschrieben: Der Mann ist "von Natur aus" die formende und gestaltende Kraft, die Frau ist dagegen passiv.

Für die Rationalität ist die 'Zahl' – so Vietta – von zentraler Bedeutung. In ihr erkennen die Pythagoreer das entscheidende Erkenntnisinstrument der rationalen Welterfassung. Mit der Zahl glaubt man eine "wahre" Erkenntnisform zu besitzen, was Philolaos zu der Annahme führte, dass die Zahl nicht in der Lage sei, die Lüge in sich aufzunehmen. Diese Vermutung hat schließlich im neuzeitlichen Rationalismus dazu geführt, auch die Sprache und das Denken ins rationale Reich der Denkoperationen überführen zu wollen. Hobbes vertrat die These, dass man auch Begriffe wie teilbare Zahlen in ihre Elemente zerlegen könne. "Denken ist Rechnen" – so die Vertreter der Aufklärung.

Vietta belässt es nicht dabei, sich den einzelnen Facetten der rationalistischen Weltanschauung zuzuwenden, sondern ihn interessiert auch, wie vermeintlich rationale Denkformen zu irrationalen Annahmen führten. Eine eindringliche und höchst aktuelle Studie über ein Denken, das unser Leben auf eine zuweilen unheimlich anmutende, weil irrationale Weise bestimmt.

Besprochen von Michael Opitz

Silvio Vietta: Rationalität – Eine Weltgeschichte. Europäische Kulturgeschichte und Globalisierung
Wilhelm Fink Verlag, München 2012
411 Seiten, 39,90 Euro

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