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Profil / Archiv | Beitrag vom 07.11.2012

"Eine Beziehung zu jedem Einzelnen"

Über die Porträt-Fotografen Christa und Andrew Wakeford

Von Anke Schaefer

US-Veteran (hier in Phoenix): Auch Christa und Andrew Wakeford fotografierten vor allem ehemalige Kriegsteilnehmer.
US-Veteran (hier in Phoenix): Auch Christa und Andrew Wakeford fotografierten vor allem ehemalige Kriegsteilnehmer. (dpa / picture alliance / Keystone)

Der 11. November ist der Tag, an dem die Amerikaner ihrer Kriegstoten gedenken und ihre Veteranen würdigen. Das Ehepaar Christa und Andrew Wakeford fotografierte zahlreiche Veteranen - für ein Buch mit dem Titel "Portraits of Service".

Auf dem weißen Esszimmertisch liegt ein großformatiger Fotoband. Auf dem Cover sind die Gesichter zweier alter Männer zu sehen: Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, ein Amerikaner, ein Deutscher - sich deutlich zugetan.

Andrew Wakeford guckt sich die beiden noch mal genau an. Er selbst ist Engländer, 63 Jahre alt - und in der letzten Zeit hat sich in seinem Leben etwas Entscheidendes verändert.

"Ich habe - glaub’ ich - nicht gewusst, wo die Reise hingeht, aber es ist eine interessante Reise geworden."

Eine Reise weg von der Werbe- und Auftragsfotografie - hin zu dem, was Andrew Wakeford wirklich interessiert. Zwar hat er nebenher immer schon eigene Fotoserien verwirklicht, - hat zum Beispiel über die Jahre immer wieder Bilder von der Berliner Mauer gemacht und so den Wandel der Zeiten dokumentiert. Das Porträt-Buch aber, das jetzt vor uns liegt, ist sein größtes und wichtigstes eigenes Projekt.

"Ich habe eine Beziehung zu jedem Einzelnen, glaube ich."

Auf einem der Fotos blickt uns die 27 Jahre junge Helen Rosario entgegen - schwarze halblange Haare, trauriger Blick.

"Helen ist Opfer eines Anschlages gewesen und sie hat innere Verbrennungen gelitten, das hat die Stimmbänder kaputt gemacht - sodass sie ihren Wunschberuf Opernsängerin nicht verwirklichen konnte."

Helen ist Afghanistan-Veteranin. Andrew Wakeford hat sie in den USA, in Colorado Springs, fotografiert und sie gebeten, ihre Geschichte zu erzählen.

Im Buch liest man die Geschichten der Veteranen jeweils auf der Seite neben dem Portrait-Foto. Christa, Andrews Frau, setzt sich zu uns an den Esstisch.

Christa: "Das beschäftigt einen sehr, sehr. Es verfolgt einen auch nachts. Andy war teilweise wochenlang ein anderer Mensch. Er hat sehr drunter gelitten - wir wissen das ja alles nicht, was da passiert und wirklich in den Menschen vorgeht."

Sich mit Veteranen zu beschäftigen, heißt ja - für den Frieden zu arbeiten. Und das liegt in Andrew Wakefords Familie.

"Mein Vater war Pazifist. Er hat nicht gekämpft, er hat sich geweigert, er hat auch seine Schwierigkeiten auch gehabt, aber er hat es überlebt, es war nicht so wie in Deutschland, dass man ins KZ kam - oder so, in England war das zum Glück möglich."

Immer schon standen die Menschen im Interesse des Saarbrücker Ehepaars. Andrew fotografiert, Christa macht seine Arbeit möglich. Ob als Bürochefin, als Stylistin oder als Muse.

Und außerdem hat sie nebenbei auch den Sohn groß gezogen, der heute in Spanien lebt. Andrew und Christa Wakeford haben Politiker, aber auch Geschäftsführer und deren Angestellte in Pose gesetzt und sich immer gefreut, wenn die sich beim späteren Blick auf die Fotos in einem überraschend guten Licht sahen.

Christa: "Das ist sehr befriedigend."

Andrew: "Das tut denen gut, und das tut uns gut!"

Filmreif war die Szene, in der sich Andrew und Christa im Winter 1971 kennengelernt haben. Christa kam mit ihrer Clique vom Pink Floyd Konzert in Offenbach. Sie fuhr von der Autobahn ab, um an einer Raststätte zu halten:

Christa: "Und dann sah ich den Andy da stehen, und er ist mir gleich aufgefallen und dann habe ich einfach angehalten - und habe seinen Koffer in den Kofferraum geschmissen, und dann ist er mitgefahren."

Andrew: "Ich wusste gar nicht, was mir geschieht!"

Andrew Wakeford beschließt, aus London nach Deutschland zu ziehen. 1973 heiraten die beiden. Sie leben in Saabrücken, in Christas Elternhaus.
Andrew greift noch mal zum Veteranenbuch. Er sucht das Bild von dem Veteranen mit einem besonderen Namen.

"Das ist Gary Cooper. Er ist einer meiner Lieblings-Helden. Gary war in Vietnam mit einem Freund zusammen und der Freund hieß Stanley, und Garry und Stanley haben sich gegenseitig versprochen, wenn einem was passiert, dann geht der andere zur Familie und erzählt so viel wie er kann darüber."

Stanley wird Opfer einer Landmiene und stirbt in Garrys Armen . Garry kommt zurück in die USA, wird als Vietnam-Veteran nicht etwa geehrt, sondern geächtet, versucht die Sache zu verdrängen – aber ...

"…nach 39 Jahren hat er sich auf die Suche gemacht nach den Eltern von Stanley und er hat sie tatsächlich gefunden, die haben ihn wie den eigenen Sohn aufgenommen, er geht immer wieder hin. Und das ist eine Geschichte, die ich im Herzen trage. Ich habe auch zu ihm gesagt – you have the kindest face I’ve ever seen. Und er hat nur gelacht, er hat gesagt: My face? Oh, if you think so!”"

Andrew wirft Christa einen Blick zu, sie lächeln sich kurz an. Was wäre gewesen, wenn sie damals, im Winter 1971 seinen Koffer nicht in die Ente eingeladen hätte? Würde es dieses Veteranen-Buch dann geben?

Andrew: ""Nee! Man hat schon ein bisschen Gedanken, dass es was Schicksalhaftes war, ich kann es mir anders nicht vorstellen. Ich wüsste nicht, was ich für ein Leben geführt hätte. Christa sieht Dinge, die ich nicht sehe, ich hab manchmal Ideen, auf die sie nicht kommt, und so ergänzt sich das gut."