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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.11.2011

Eine Auschwitzüberlebende blickt zurück

Eva Fahidi: "Die Seele der Dinge", Berlin, 239 Seiten

Im Konzentrationslager Auschwitz erinnern Besucher an die NS-Zeit. (AP)
Im Konzentrationslager Auschwitz erinnern Besucher an die NS-Zeit. (AP)

Als 18-Jährige wird Eva Fahidi aus ihrer glücklichen Jugend in einer ungarisch-großbürgerlichen Familie gerissen - und landet in der Hölle von Auschwitz. Mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Befreiung veröffentlicht sie nun ihre Erinnerungen.

Das Foto zeigt eine Frau von 85. Dennoch spiegelt es die Schönheit der Jugend, mit Augen, die ihren Glanz, ihre Neugierde nicht verloren haben. Eva Fahidi - sie hat Auschwitz überlebt und die Zwangsarbeit in Deutschland. Ihr Lächeln aber erzählt nichts von dem Grauen, das sie erlebt hat. Es strahlt Güte, Weisheit aus und erzählt von der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Ein Lächeln wie das Kontrastprogramm zu den Erinnerungen, die Eva Fahidi sechs Jahrzehnte nach ihrer Befreiung nunmehr veröffentlicht hat. Doch auch der Buchtitel verrät erst einmal nichts vom Inhalt, den der Leser erwartet: "Die Seele der Dinge", kein Untertitel.

"Wer von Euch kann sich vorstellen, niemanden und nichts, rein gar nichts zu haben?" So beginnt sie, als stünde sie vor einer Schulklasse. Doch derlei Fragen, die das gesamte Buch durchziehen, richtet sie weniger an die Leser. Es sind die Fragen, die sich ihr selbst stellen, hinter denen das bleibende Nicht-Begreifen-Können steht. Die Fassungslosigkeit einer 18-Jährigen, die aus ihrer so glücklichen Kindheit und Jugend in einer ungarisch-großbürgerlichen Familie herausgerissen wird und in der Hölle landet: "Ihr steht auf dem Appellplatz, splitternackt. Es gibt nichts, auf der ganzen Welt nichts, das Euch gehören würde. .... Von dem, was ich gewesen bin, ist nichts übrig geblieben, nur die Erinnerung."

An diesen Erinnerungen und den sich daraus ergebenden Fragen (oft ohne Antworten) lässt sie uns teilhaben, an ihrer "verlorenen Vergangenheit", an ihren Erlebnissen, den schrecklichen, den tröstlichen, an der rührenden. An der Dankbarkeit über wiedergefundene Kleinigkeiten. Für sie aber von "unermesslichem Wert", denn "irgendwann haben mein Vater, meine Mutter und meine kleine Schwester sie berührt". Dinge, Gegenstände, die für sie "eine Seele haben" (so erklärt sich der Buchtitel).

Viele Bücher handeln von der Schoah. Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten sind Hunderte von Biografien erschienen. Sie alle ähneln sich, erzählen von austauschbaren Schicksalen, weil sie alle das Gleiche durchlitten haben. Und doch sind da höchst individuelle Wegmarkungen. Im Falle von Eva Fahidi sind es die Mischungen von Vergangenheit und Gegenwart, die Erinnerung an deutsche Mörder (damals) und an deutsche Menschen (heute), die persönlich (mit all dem Schrecklichen) nichts zu tun hatten, und dennoch das Gefühl haben, sie müssen um Verzeihung bitten. Es ist anrührend zu lesen, welch tiefen Eindruck auf sie das Selbstverständliche gemacht hat: "Wir konnten es nicht fassen, wie Deutschland sich verändert hat." "Wir", das waren tausend junge ungarisch-jüdische Mädchen und Frauen, tausend von einer halben Million, die im Sommer 1944 von Ungarn nach Auschwitz deportiert wurden. Eva Fahidi gehörte zu den "Glücklichen", die ausgewählt wurden, als Arbeitssklavinnen in der deutschen Rüstungsindustrie zu schuften. Diese tausend Mädchen wurden (lange hat es gedauert!) im Jahr 1990 vom Magistrat des niedersächsischen Städtchens Stadtallendorf eingeladen. Anlass war die Einweihung einer Mahn-und Gedenkstätte auf dem Boden der ehemaligen chemischen Fabriken, die dort für die Wehrmacht Granaten und Bomben produzierten. Weniger die Konfrontation mit der ehemaligen Leidensstätte erschüttert sie. Es ist vielmehr die Begegnung mit den Menschen heute, den Schulkindern, den Politikern. "Diese Woche werden wir nie vergessen."

So durchziehen ihre Lebenserinnerungen, auch die an Verfolgung und Tod, stets auch die Erinnerungen an diese Begegnungswoche, daran, wie sie "unglaublich verwöhnt wurden", wie sich die Freiwilligen um sie kümmerten.

Das macht das Besondere dieses Buches aus. Die klare, einfache, unpathetische Sprache und die reflektierenden Fragen. Im Vergangenen ihrer Erinnerungen ist das Gegenwärtige, im Bösen das Gute präsent. Und im Schreiben erkennt sie sich immer besser: "Ich bin hoffnungslos naiv und optimistisch." Eine Auschwitzüberlebende, die "in den Augen meiner Enkel keine Angst sieht". Eva Fahidi, ihr Buch gleicht einem der Appelle: "Vielleicht gelingt es ihnen (der Generation der Enkel), eine bessere Welt zu schaffen, als unsere Generation es vermochte."

Besprochen von Günther B. Ginzel

Eva Fahidi: Die Seele der Dinge
Herausgegeben im Auftrag des Internationalen Auschwitz Komitees und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand
239 Seiten, 16,90 Euro

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