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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 16.07.2010

Ein Zeichen der Vielfalt

Neues Konzept für Alte Synagoge

Von Bettina von Clausewitz

Die Alte Synagoge in Essen.  (AP)
Die Alte Synagoge in Essen. (AP)

In dieser Woche hat in Essen die Alte Synagoge neu eröffnet, die als eines der bedeutendsten jüdischen Kulturdenkmäler Deutschlands gilt. Nach fast zweijähriger Bauzeit ist aus der ehemaligen Gedenkstätte ein modernes, weltoffenes "Haus jüdischer Kultur" geworden.

"Ich bin nicht zum ersten Mal hier und bin natürlich begeistert von den Farben, abgesehen von dem Lila, aber ich bin fasziniert von diesem modernen Equipment, das die Verständlichkeit der Ausstellungen auch für junge Leute hervorhebt."

"Ich glaube schon, dass es über das Judentum mehr erzählt, als das bisher der Fall war. Und das finde ich sehr wichtig, dass man in der Gegenwart steht und nicht nur in die Vergangenheit sieht."

Überwiegend positive Resonanz bei den ersten Besuchern im neuen "Haus jüdischer Kultur", das den etwas düsteren Charakter einer Trutzburg komplett abgelegt hat. Warmes Licht fällt durch die hohen Fensterbögen in den apricotfarbenen Innenraum, darüber eine reich verzierte lila Kuppel. Platz genug für die fünf neuen Ausstellungsbereiche.

Der Gang durch die "Alte Synagoge" ist eine Entdeckungsreise in die Welt jüdischen Lebens von den Anfängen bis heute. Das Thema Nationalsozialismus jedoch, früher Dreh- und Angelpunkt der Gedenkstätte, ist nur noch eines unter vielen. Aus gutem Grund, erklärt die langjährige Leiterin und Initiatorin Edna Brocke.

"Ich denke, es ist jetzt die dritte oder vierte Generation, die das Recht darauf hat, die Vielfalt jüdischer Kultur kennenzulernen. Und nicht nur Juden als Opfer! Wenn man von Juden redet, entweder: ich sag's jetzt verkürzt: Berge von Leichen. Oder: alter Mann mit Schläfenlocken und schwarzem Mantel. Oder: ganz böse Israelis, die auf friedliebende Palästinenser schießen. Aber es gibt noch viertens, fünftens, sechstens, siebtens, achtens - guckt euch an, was jüdische Kultur in der Vielfalt anbietet. Und bildet euch eine eigene Meinung."

Interaktives Lernen und neue Sichtweisen - das ergibt sich ganz von selbst im Ausstellungsteil "Jüdischer Way of Life", hier eine Tanzinstallation mit leiser Musik sowie Spiegel und Schattenfiguren an der Wand, die zeigen wie's geht. Zum Auftakt ist auch eine junge Ausstellungsmacherin auf dem Parkett:

"Wir hoffen, dass die Leute tanzen lernen, weil es gibt eben Tanzanleitungen und die Installation ist als interaktive Installation gedacht. Das gehört zum jüdischen Way of Life und wird in Israel auch sehr viele betrieben: Volkstanz am Strand und es treffen sich Gruppen überall."

Mit dazu gehört auch ein Blick auf koscheres Essen vom Gummibärchen bis zum Shabbat-Wein oder – virtuell – ein Blick in zehn Metropolen weltweit. Daneben gibt es eher konservative Ausstellungen über "Quellen jüdischer Traditionen" und "Jüdische Feste" sowie zwei Essener Bereiche über die jüdische Gemeinde und die wechselvolle Geschichte des Hauses. Wer darüber mehr wissen will, kann sich auf eine elegante Designerliege im Tonnengewölbe über dem Thora-Bereich legen – dort an der Decke läuft eine Installation mit historischen Fotos. Während der Eröffnungsfeier auch mit Live-Musik:

1913 in zentraler Lage erbaut, wurde die Synagoge 1938 gebrandschatzt, sie blieb lange eine ungenutzte Ruine und ging 1959 in das Eigentum der Stadt über. Nach einem Intermezzo als Museum für Industriedesign wurde die Alte Synagoge schließlich 1980 Gedenkstätte. Seit 1988 wird sie von der vielfach ausgezeichnete Judaistin Edna Brocke geleitet, die mehr als ein Jahrzehnt beharrlich an ihrem Traum von einem "Haus jüdischer Kultur" gearbeitet hat. Aber erst als klar war, dass die Ruhrregion 2010 Kulturhauptstadt würde, nahm das knapp acht Millionen Euro teure Zukunftsprojekt Fahrt auf.

"Also ich bin wirklich der Meinung, dass es an der Zeit ist, auch für dieses Haus ein neues Kapitel aufzuschlagen, und wie jede Seite in jedem Buch hat auch dieses neue Blatt zwei Aspekte. "

Der Eine ist die Ausstellung. Der andere die Architektur. Bei beiden geht es um Transparenz und eine Öffnung der Perspektive. Der imposante Bau steht jetzt einladend auf einem völlig neu gestalteten Platz, flankiert von Sitzplätzen unter alten Bäumen. Die massiven Eingangstüren an der neuen Freitreppe etwa sind durchsichtigem Glas gewichen. Schulklassen und Jugendgruppen, die Hauptklientel, sollen sich ebenso wohlfühlen wie andere Besucher. Edna Brocke, die Ende des Jahres in Pension geht, vertraut darauf, dass diese doppelte Botschaft dann auch ohne sie ankommt.

"Offenheit, warme Farben! - Komm rein, lach hier wie normal, das Licht reinlassen, die Menschen einladen!"

Meine Hoffnung ist, die Schüler werden mit Sicherheit gerne kommen und hier rumtoben wie zuvor auch. Ich hoffe, dass auch viele Lehrerinnen und Lehrer verstehen werden, dass man runter muss von diesem Curriculum, Judentum nur mit Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen, sondern dass auch Lehrer sich öffnen, um das Angebot wahrzunehmen.

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