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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.04.2013

Ein Wehrmachtssoldat im Widerstand

Katharina Stegelmann: "Bleib immer ein Mensch. Heinz Drossel. Ein stiller Held 1916-2008"

Rezensiert von Anselm Weidner

Soldaten der Wehrmacht singend bei einem Marsch (picture alliance / dpa)
Soldaten der Wehrmacht singend bei einem Marsch (picture alliance / dpa)

Er half Juden dabei, sich zu verstecken und kooperierte mit der Résistance: In ihrem Buch "Bleib immer ein Mensch" zeichnet Katharina Stegelmann auf packende Weise die Geschichte des Wehrmachtssoldaten Heinz Drossel nach. In der NS-Diktatur wurde er zum stillen Helden und nach dem Krieg kämpfte er gegen Nazis in der Justiz.

""‘Ich bin im alten deutschen Kaiserreich geboren‘ – und das ist für die Schüler offenbar eine kleine Sensation. Es ist, als halten alle 150 Jugendlichen kurz die Luft an. Im Kaiserreich! Der Mann dort auf dem Podium ist wirklich steinalt.""

Heinz Drossel ist am 24. Mai 2004 als Zeitzeuge in ein Gymnasium in der Nähe Bremens eingeladen.

Die Spiegelredakteurin Katharina Stegelmann beginnt die Geschichte des Heinz Drossel mit der eindringlichen Schilderung einer Episode. Cover: "Bleib immer ein Mensch".

Er spricht davon, wie es war, unter der Hitlerdiktatur zu leben, mitzuerleben, wenn Eltern, Bekannte plötzlich verschwinden, wie es einem als 16-Jährigem ergeht, wenn der jüdische Freund aus dem Café geworfen wird. Er berichtet von der jungen jüdischen Frau, die er, 1942 auf Fronturlaub in Berlin, auf einer Spreebrücke stehen sieht - offenbar will sie sich das Leben nehmen - und wie er sie, seine spätere Frau, in Sicherheit bringt, und wie er im Januar 1945 Verstecke für vier jüdische Bürger organisiert, sie vor der Gestapo rettet. Da spricht ein 87-Jähriger, der das alles selber erlebt hat. Was dann auf den nächsten 240 Seiten folgt, ist nicht weniger atemberaubend.

Zivilcourage am Beispiel des Vaters gelernt

""Berliner Straße 79, Berlin-Tempelhof, 1. April 1933. Noch nie zuvor hat Heinz seinen Vater so außer sich gesehen. Paul Drossel schreit vor Wut. In den frühen Morgenstunden dieses 1. April haben SA-Leute auf die Schaufenster seines Wäschegeschäfts mit weißer Farbe ‚Jude‘ und den Judenstern geschmiert. Der 16-jährige Heinz drückt sich im Flur herum und beobachtet, wie sein Vater zum Telefon rast. Er bebt förmlich, als er nach dem Hörer greift. Drossel fordert bei der Parteidienststelle der NSDAP ‚diese Schweinerei‘ müsse entfernt werden. Und zwar nicht nur bei ihm selbst, sondern auch beim Geschäft Levy gegenüber, und das alles ‚zack, zack!‘ und von den Verursachern.""
Cover: "Bleib immer ein Mensch"

Der in der Terminologie der Nazis arische Vater Paul Drossel steht für seine und für die Rechte der jüdischen Nachbarn ein. Die Geschichte des Judenboykotts zu Beginn der Naziherrschaft ist als Geschichte von Tätern und Opfern oft erzählt worden. Katharina Stegelmann erzählt sie als eine der Zivilcourage. Wer sich im totalitären Massenwahn Eigensinn, eigenständiges Denken, Kritikfähigkeit nicht nehmen lässt, bewahrt sich menschliche Handlungsmöglichkeiten. Zivilcourage durchbricht die zerstörerische Täter-Opfer-Logik – dafür steht Heinz Drossel. Das ist, angesichts der riesigen mitgrölenden oder schweigenden Mehrheit der Deutschen in der Nazi-Zeit, die zugleich beschämende und ermutigende Kernaussage dieses packenden Buches.

Cover: "Bleib immer ein Mensch" (Aufbau Verlag)Cover - Katharina Stegelmann: Bleib immer ein Mensch. Heinz Drossel. Ein stiller Held 1916-2008 (Aufbau Verlag)"Bleib immer ein Mensch, mein Junge, und anständig auch in schweren Zeiten und selbst dann, wenn es Opfer von Dir fordern sollte", hatte der Vater am Schluss seiner Rede zur Kommunion von Heinz gesagt.

Als Soldat schweigt der bei seiner Vereidigung, hebt die Hand nicht zum Eid auf den "Führer". Er nimmt am Anfang des Russland-Feldzugs – entgegen dem Befehl: "Es werden keine Gefangene gemacht." – russische Soldaten fest, um ihnen anschließend zur Flucht zu verhelfen. Offenbar wird Heinz Drossel zum Lebensmotto, was sein Vater ihm früh auf den Weg mitgegeben und vorgelebt hatte.

Er nimmt, inzwischen zum Offizier befördert, Kontakt zur Résistance auf und erklärt einem Résistancekämpfer, er respektiere das Widerstandsrecht des französischen Volkes und wolle Blutvergießen Unschuldiger vermeiden. Als Gerichtsoffizier in einem sogenannten Bewährungsbataillon an der Ostfront kümmert er sich um Soldaten, die sich mit Fluchtgedanken tragen, und während Heimaturlauben hilft er Juden, sich zu verstecken, darunter Marianne Hirschfeld, Drossels spätere Frau. Soviel Widerstand war möglich im Wahn des Zweiten Weltkriegs, selbst für einen Wehrmachtssoldaten?

Der Wehrmachtssoldat heiratet eine Jüdin

Marianne Hirschfeld ist die zweite Protagonistin des Buches. Die einst lebensfrohe, passionierte Tänzerin, Fremdsprachenkorrespondentin, Jüdin, Mutter von zwei Kindern, auf der Flucht vor dem Naziterror in Berlin, entkommt zweimal aus Gestapohaft und -folter und damit der Deportation, und taucht in die Illegalität unter.

""Die ‚Schlussaktion Berliner Juden‘ war von langer Hand geplant. Lkws in und um Berlin waren beschlagnahmt worden, die Sammellager vorbereitet. In den frühen Morgenstunden des 27. Februar 1943 schlugen sie zu: Hitlers SS-Leibstandarte übernahm die Verhaftungen in den Fabriken, Gestapo und Schutzpolizei holten die Leute aus ihren Wohnungen oder von der Straße weg. Marianne wurde gemeinsam mit anderen jüdischen Zwangsarbeitern von den Märkischen Kabelwerken auf Lastwagen abtransportiert.""

Der Vater von Mariannes Sohn war "Arier", der Sohn in der Diktion der Nazis also "Mischling". Das schützte Marianne, weil es unter den Strategen der Judenvernichtung Unklarheiten über den Umgang mit den sogenannten Mischlingen gab. Marianne Hirschfeld ist schließlich eine von 1700 überlebenden Jüdinnen und Juden in Berlin nach der Kapitulation. "Bleib immer ein Mensch" ist auch ein Buch über jüdische Schicksale unterm Hakenkreuz.

Eindrucksvoll gelingt der Autorin die Verbindung der privaten Lebensschicksale, der Geschichten mit der so genannten großen Geschichte des Zweiten Weltkriegs, des Holocausts, der Nachkriegszeit und der Bundesrepublik.

Ehrung in Yad Vashem

Auch nach dem Krieg kämpft Heinz Drossel seinen alltäglichen Kampf weiter gegen Nazikollegen in der Justiz, gegen Ignoranz und Vergessen. Marianne Hirschfeld verbittert zunehmend in ihrem jahrzehntelangen Kampf um die Durchsetzung ihrer Wiedergutmachungsansprüche. Spät kehrt ins Leben des "stillen Helden", der es schließlich zum Sozialgerichtspräsidenten bringt, "eine gewisse innere Ruhe" ein. Unter anderem wird er mit dem Bundesverdienstkreuz und als "Gerechter unter den Völkern" in Yad Vashem geehrt.

Neben Dokumenten und historischer Literatur waren vor allem die schriftlichen Lebenserinnerungen Heinz Drossels und Gespräche mit Drossel und Personen seines persönlichen Umfelds die Quellen der Journalistin und Historikerin Stegelmann. Wie verlässlich sind diese Quellen? Wie weit beschönigt Drossel seine Zeit als Wehrmachtssoldat, stilisiert sich zum Mutigen, zum Retter? Das sind offene Fragen. Es gab vielmehr Heinz Drossels. Wie viele? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, es waren viel zu wenige.

Die Geschichte der stillen Helden, der alltäglichen Zivilcourage, des Widerstands im Kleinen in der Nazizeit und danach, muss noch geschrieben werden. Katharina Stegelmann hat mit "Bleib immer ein Mensch" Wesentliches dazu beigetragen und ein lebendiges Geschichtsbuch geschrieben, das in keiner deutschen Schule fehlen sollte.

Katharina Stegelmann: Bleib immer ein Mensch. Heinz Drossel. Ein stiller Held 1916-2008
Aufbau Verlag, Berlin, 2013
256 Seiten, 19,99 Euro

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