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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.07.2011

Ein Weckruf an das Kreativ-Prekariat

Katja Kullmann: "Echtleben", Eichborn Verlag, 255 Seiten

Die Schriftstellerin Katja Kullmann (picture alliance / dpa)
Die Schriftstellerin Katja Kullmann (picture alliance / dpa)

Unbezahlte Praktika, prekäre Jobs, schmale Honorare: Katja Kullmann beschreibt die Welt der vermeintlich glücklichen Selbstausbeuter in der Kreativ-Branche. Und sie rechnet ab mit den Verprechungen von Bildung, Mobilität und Flexibilität.

Seit Ende der 90er sind unbezahlte Praktika, kurzfristige Beschäftigung an verschiedensten Orten und bei schmalem Lohn ebenso Pflicht wie eine konstante Optimierung des Lebenslaufs junger Akademiker. So wird aus Lebenskunst schnell Überlebenskunst. Mittlerweile ist die Zahl der Enthusiasten, das Heer der freien Dienstleister, die von einem erstaunlich hohen Niveau ins Prekariat trudeln, in die Millionen gewachsen, so Katja Kullmanns messerscharfe Analyse der Arbeitswelt in "Echtleben".

Ihre feinen Beobachtungen aus dieser Welt der vermeintlich glücklichen Selbstausbeuter gießt die studierte Soziologin Kullmann in eine ebenso feine, geradezu poetische Sprache. Da geht es um Postmaterialismus, die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, den Zwang, kreativ, wild und frei zu sein – und eben immer wieder um das liebe Geld. Nicht zuletzt in ihrer eigenen Geschichte, welche die selbständige Journalistin wie beiläufig einflechtet. Vor gut zehn Jahren hat sie "Generation Ally" geschrieben. Das Buch über ein Leben als emanzipierte Karrierefrau wird ein Bestseller. Gefühlt ist sie danach reich, legt das Geld auch recht vernünftig zur Seite, gönnt sich nicht viel mehr als vorher. Zu dem Zeitpunkt unvorstellbar: Nur wenige Jahre später, zwei große Aufträge platzen, zeitgleich fallen Miete und Jahresendabrechnungen an, ist Katja Kullmann von einem Tag auf den anderen pleite. Das Bestseller-Honorar ist unbemerkt aufgebraucht, einen Kredit gibt es für die freie Journalistin nicht. Und so bleibt nur der demütigende Weg zum Amt, Hartz IV. Bei 13 Euro am Tag bringt sie sich mit Toastbrot über die Woche, um sich 30 Euro für das Wochenende vom Mund abzusparen - denn ihre Freunde sollen auf keinen Fall etwas merken. Die Fassade des lustigen Frei-Schreiber-Lebens soll auch beim realen Zwang der eingehenden Rechnungen aufrecht erhalten werden.

Katja Kullmann hat mit dieser Geschichte der Gegenwart ein wütendes, ein politisches Buch geschrieben. Zwei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: Wie viele Kompromisse kann man eingehen, um den eigenen Status zu halten? Und kann man sich die viel beschworene Authentizität überhaupt leisten? Diesen Fragen geht sie anhand ihres eigenen und vieler anderer Lebensentwürfe nach. Was sie im Vorwort ankündigt, löst die Autorin auch ein: Sie gibt keine Tipps und Überlebensstrategien. Trotzdem ist es ein wunderbar humorvoll und intelligent formulierter Weckruf an das Kreativ-Prekariat: Glaubt den Versprechungen von Bildung, Mobilität und Flexibilität nicht! Am Ende zählt, was übrig bleibt – im Portemonnaie, im sozialen Umfeld und auf der eigenen Zufriedenheits-Skala.

Besprochen von Julia Eikmann

Katja Kullmann: Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben
Eichborn Verlag
255 Seiten, 17,95 Euro

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