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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.05.2013

Ein unsystematisches Kurzporträt kluger Vögel

Cord Riechelmann: "Krähen", Matthes & Seitz, Berlin 2013, 155 Seiten

Eine Saatkrähe (Stock.XCHNG - Philip MacKenzie)
Eine Saatkrähe (Stock.XCHNG - Philip MacKenzie)

Die Familie der Krähen ist eine in der Entwicklungsgeschichte der Singvögel relativ junge Familie. Von jeher begleiten die schwarzen Vögel Mythen, die meisten handeln von Übel und Tod. Cord Riechelmann erzählt die erstaunliche Natur- und Kulturgeschichte dieser klugen Vögel.

Wer Elstern, Dohlen, Kolkraben und all den anderen Krähenvögeln gern nachsieht, der nimmt auch Cord Riechelmanns Buch gern zur Hand. Es ist dunkelgrau eingebunden. Der schwarze Kopfschnitt überträgt sinnfällig das Unheimliche, das Krähen nach landläufiger Meinung anhaftet. Noch schwärzer ist die Krähe auf dem Titelblatt. Man kann ihre leicht erhabenen Konturen vom Schnabel bis zur Schwingenspitze mit den Fingerkuppen nachzeichnen. Das schöne Buch und die feinen Abbildungen, darunter Zeichnungen von John Gould, dem ornithologischen Berater Charles Darwins, machen beim Blättern Lust auf beides: auf die Lektüre und auf die Beobachtung der Vögel draußen.

Aber dann behauptet Riechelmann gleich im ersten Satz von den Krähen: "Jeder kennt sie, kaum einer mag sie." Stimmt das? Ist es nicht vielmehr so, dass Krähen heute oft mit Sympathie betrachtet werden? Riechelmann selbst erwähnt neben den notorischen Krähen-Jägern viele Krähen-Freunde, angefangen mit Edgar Allen Poe. Aber nun. Man kommt über die steile Eingangsthese und auch über stilistische Ungeschicklichkeiten hinweg, weil der Journalist Riechelmann über Krähen in der Natur- und Kulturgeschichte sehr abwechslungsreich zu erzählen weiß. Dabei erläutert er auch die verwirrenden Namen der Krähen und Raben, die zur Familie der Corvidae zählen (laut "Handbook of the Birds of the World" gibt es 123 Arten und 24 Gattungen), ohne letzte definitorische Klarheit zu schaffen - es gibt sie laut Riechelmann nicht.

Da Riechelmann in Berlin lebt, beginnt sein Streifzug praktischerweise mit den "Krähen vom Kreuzberg", genauer: den Nebelkrähen, die in der Kita am Victoria-Park gegen einen Fuchs kämpfen, ihren Hauptfeind neben den Habichten. In Berlin überwintern auch jedes Jahr Tausende Saatkrähen, deren Sommerfrische in den russischen Ebenen zwischen Petersburg, Moskau und Wologda liegt, die Riechelmann im nächsten Kapitel besucht.

Den schmucken Elstern gebührt ein eigenes Kapitel. Genauso der Farbe Schwarz, wegen der Krähen mit dem Tod in Verbindung gebracht und so gut wie nie von Menschen gegessen werden. Riechelmann spürt Mythen nach, in denen die Vögel die Züge eines "Tricksters" haben. Er fügt einen Essay über Konrad Lorenz ein, der sich bestens in Tiere einfühlen konnte und gleichzeitig dem Nazi-Rassismus Stichworte lieferte. Um Hitchcocks Krähen, Marcel Beyers Krähenroman "Kaltenburg", Caspar David Friedrichs "Rabenbaum" und Vincent van Goghs "Weizenfeld mit Raben" geht es natürlich auch.

Riechelmanns "Krähen" ist auf 111 Seiten (zuzüglich der Vorstellung einzelner Vögel) ein gänzlich unsystematisches Kurzporträt voller kluger Einsichten - etwa dieser: "Krähen bleiben mysteriös, ohne exotisch zu sein, was ein sehr seltenes Phänomen ist." Bei der Lektüre freut man sich, die intelligenten Vögel, an denen die erste Beobachtung von Werkzeuggebrauch außerhalb Primaten-Ordnung gelang, vor dem Fenster zu sehen. Folgt man dem Autor, blicken die großen Singvögel, die unsere Nähe offenbar gut leiden können, interessiert zurück: "Die Kulturgeschichte des Menschen vollzieht sich unter der Beobachtung der Krähen."

Besprochen von Arno Orzessek

Cord Riechelmann: Krähen, Ein Portrait
Reihe "Naturkunden", Matthes & Seitz, Berlin 2013, 155 Seiten, 18 Euro

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