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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.09.2010

Ein unerhebliches Stück

Die "Blechtrommel"-Bühnenfassung von Armin Petras

Von Ulrich Fischer

Szenenbild aus "Die Blechtrommel" (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Szenenbild aus "Die Blechtrommel" (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Eng am Roman, aber lieblos zusammengeschustert: Bei der Ruhrtriennale bringt Jan Bosse in Bochum eine "Blechtrommel"-Bearbeitung von Armin Petras auf die Bühne - das Ergebnis ist ein Desaster.

"Die Blechtrommel" ist ein Meisterwerk der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur. Als sie 1959 erschien, polarisierte sie die literarische Welt. Die Gegner verurteilten sie unter dem Vorwand angeblicher Pornografie, Befürworter verteidigten sie wegen der Courage, heiße Eisen anzupacken.

Der Roman von Günter Grass hat immer wieder andere Künstler inspiriert. Volker Schlöndorff hat 1979 aus der "Blechtrommel" einen Film gemacht, er ist einer der wenigen deutschen Streifen, die in Hollywood mit einem "Oscar" ausgezeichnet wurden.

2007 kam eine Bühnenfassung in Danzig heraus – genau der rechte Ort, denn nicht nur Grass wurde in Danzig geboren, die "Blechtrommel" spielt auch in Danzig und ist Bestandteil von Grass’ "Danziger Trilogie".

Jetzt brachte die Ruhrtriennale eine neue Bühnenfassung der "Blechtrommel" heraus, Armin Petras hat sie geschrieben. Er lehnt sich eng an die Handlung des Romans an. Die entscheidenden Figuren treten auf: Oskar Matzerath, der kleinwüchsige Trommler, seine Großmutter mit den vier Röcken, sein Großvater, der politische Brandstifter, sein Vater, sein Onkel undundund - auch die wichtigsten Episoden werden wenn nicht behandelt, so doch gestreift: Oskars Geburt, bei der er behauptet, schon so klug und scharfsinnig wie ein Erwachsener zu sein, der Sturz in den Keller, der dazu führte, dass der dreijährige Oskar nicht weiterwächst, der Kampf um die Trommel, das Zersingen von Glas mit seinem Schrei, die erotischen Ausschweifungen, der Krieg und die Nachkriegszeit.

Die kühnste Entscheidung von Petras und seinem Uraufführungsregisseur Jan Bosse war, Oskar nicht von einem Schauspieler darstellen zu lassen, sondern gleich von allen sieben. Vier Damen, drei Herrn verkörpern neben anderen Rollen auch noch Oskar.

Die Entscheidung wirkt zunächst einmal verwirrend - der Zuschauer hat es nicht leicht zu entscheiden, wen ein Schauspieler gerade darstellt. Und was soll der siebenfache Trommler bedeuten? Dass Oskar in allen ist? Da erscheint doch die ursprüngliche Erfindung von Günter Grass plausibler: Sein Oskar ist der kritische Kopf, der in einer Gesellschaft spießiger Opportunisten und Mitläufer ausgegrenzt wird.

Meistens stehen die Schauspieler an der Rampe und liefern Text ab, nur wenige Bilder gelingen. Dazu gehört der Besuch Oskars in der Kirche. Seine Mutter, eine gläubige Katholikin, beichtet. Sie bricht beständig die Ehe. In einer surrealistisch anmutenden Szene wird die Mutter mit Klebeband am Kreuz fixiert - sie leidet an und unter ihrem Glauben.

Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Die wunderbare Szene, in der Oskars Vater am Kriegsende sein Parteiabzeichen verschlucken will, damit ein Rotarmist ihn nicht erwischt, eine Sequenz, in der im Film Mario Adorf zeigte, was ein Meister ist, diese Szene missrät in Bochum.

Das Ensemble spielte uneinheitlich - gerade der Darsteller von Oskars Vater, Ronald Kukulies, agierte zu grob, setzte auf Klamauk, und verfehlte so den grotesken Witz der Romanvorlage wie des Films. Es kam überhaupt viel zu wenig Humor über die Rampe der Jahrhunderthalle.

Aber das lag nicht am Ensemble, das sein Bestes gab, das lag an der lieblos zusammengeschusterten Bearbeitung von Armin Petras und an der Ratlosigkeit des Regisseurs. Jan Bosse schien nicht recht zu wissen, warum man heute "Die Blechtrommel" auf die Bühne bringen sollte.

Dabei liegt es so nahe. Willy Decker, der Intendant der Ruhrtriennale, streitet mit seinem Festival energisch gegen den Krieg. Und "Die Blechtrommel" ist ein Antikriegsroman. Bosse hätte den Bogen vom Zweiten Weltkrieg, von der Unlust, die Vergangenheit zu bewältigen, schlagen können bis heute, wo, trotz aller Schwüre, "Nie wieder Krieg!" wir schon wieder in Konflikte verwickelt sind, die mit Gewalt ausgetragen werden. Jan Bosse gelang es nicht, den Zusammenhang von Vergangenheit und Geschichte zu zeigen.

Das Ergebnis war ein Desaster: eine unübersichtliche Bearbeitung, eine langweilige, am Ende sogar zähe Uraufführung, ein unerhebliches Stück.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Sie können Günter Grass' "Blechtrommel" in Ihrer Stadt- oder Gemeindebibliothek ausleihen.

Der Roman ist besser.

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