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Buchkritik

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

RomanVereint in der Dunkelheit
Undatierte Aufnahme des englischen Schauspielers, Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten Charlie Chaplin als "Tramp".

Im seinem neuen Roman erfindet der großartige Erzähler Michael Köhlmeier eine Freundschaft zwischen dem Politiker Winston Churchill und dem Schauspieler Charly Chaplin. Die beiden Herren verbindet vor allem ihre Traurigkeit und Einsamkeit.Mehr

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Literatur

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Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.10.2012

Ein Teenie mit Abgründen

David Ballantyne: "Sydney Bridge Upside Down", Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 333 Seiten

Der 13-jährige Harry verzieht sich zum Rauchen in die Fabrikruine.
Der 13-jährige Harry verzieht sich zum Rauchen in die Fabrikruine. (AP)

In der Ruine der Fleischfabrik sterben zwei Menschen. Was hat der 13-jährige Harry damit zu tun, der dort raucht und auf Abwechslung wartet? Der Autor versteht es, den Aufschluss darüber bis zur letzten Seite zu verweigern. Das Buch über das Ende einer Kindheit gehört zu den ganz großen neuseeländischen Romanen.

Es ist das Ende einer Kindheit in Neuseeland, im kleinen Dorf Calliope Bay. Im Sommer 1968 vertreibt sich der 13-jährige Ich-Erzähler Harry die Ferienzeit mit allerlei Dummheiten, wie sein Vater findet. Mit seinem Kumpel Dibs und seinem kleinen Bruder Cal streunt er in der Ruine einer Fleischfabrik herum, raucht heimlich in einer Höhle und wartet auf Abwechslung.

Harrys Mutter ist zu Beginn der Ferien in die Stadt gezogen, zumindest für den Sommer, aber man ahnt schon, dass sie für immer bleiben wird. Die ersehnte Zerstreuung kommt in Gestalt von Cousine Caroline, die ihre Ferien auf dem Land verbringen möchte. Zu ihr fühlt Harry sich hingezogen.

Was sich wie ein sommerlich-fröhlicher Ferienroman anlässt, entwickelt sich schon bald zu einer schaurigen Schilderung dieses Sommers. Die verlassene Fleischfabrik steht dabei im Zentrum. Erst kommt dort eine Schulkameradin von Harry ums Leben, wenig später der einnehmende Frauenheld Mr. Wiggins. Den konnte Harry noch nie leiden, und der Leser weiß plötzlich nicht, ob vielleicht sogar Harry manche der schrecklichen Geschehnisse dieses Sommers herbeigeführt hat.

Der Autor versteht es, den Aufschluss darüber seinen Lesern bis zum Ende des Romans zu verweigern, eine Auflösung gibt es nicht. Sein Kunstgriff ist so einfach wie effektiv: Harry ist ein ganz und gar säumiger Erzähler; weder schildert er linear noch lückenlos.

Seine Kindheit ist nicht einfach: Häusliche Gewalt erlebt er am eigenen Körper durch seinen Vater, einen Krüppel, und dass es im Dorf sexuellen Missbrauch gibt, weiß Harry auch. Der 13-Jährige ist psychisch angeknackst, immer wieder packt ihn scheinbar grundlos eine übermächtige Wut. In der alten Fleischfabrik, so meint er, gebe es Blutlachen und man höre immer noch das Geschrei verendender Tiere.

Andererseits ist Harry auch ein ganz normaler Junge seiner Altersstufe, ein kesser Lausebengel, den man in einem Atemzug mit Tom Sawyer oder J. D. Salingers Helden Holden Caulfield nennen möchte. Der Zwiespalt, ob Harry nun böse ist oder doch ganz harmlos, bleibt ungelöst. Natürlich gibt der Ich-Erzähler keine Auskunft darüber ab – interessanterweise lässt der Text beide Möglichkeiten offen; ein Kompliment sowohl an David Ballantynes Erzählkunst als auch an die feinfühlige Übersetzung von Gregor Hens.

Der Titel "Sydney Bridge Upside Down" ist der Name des Pferdes eines alten Mannes, ein alter Klepper, der wie sein Besitzer für den Verfall steht und für ein natürliches Beharrungsvermögen und eine gute Beobachtungsgabe. Wenn jemand weiß, was sich im Sommer 1968 in Calliope Bay wirklich zugetragen hat, dann vermutlich diese beiden Romanfiguren.

David Ballantyne wollte seinerzeit die neuseeländische Gesellschaft an den Pranger stellen: Das Land lebt im Roman wie in der Realität vom Fleischexport – Neuseelands Rindfleischproduktion ist weltweit führend -, die Idylle der Siedler Neuseelands ist längst passé. Diese Aussage nahmen ihm die einheimischen Leser zeitlebens krumm; ein richtiger Erfolg wurde "Sydney Bridge Upside Down" in Ballantynes Heimatland zunächst nicht. Inzwischen aber gehört das Buch zu den ganz großen neuseeländischen Romanen und der 1986 verstorbene Ballantyne zu Neuseelands berühmtesten Schriftstellern.

Rezensiert von Roland Krüger

David Ballantyne: Sydney Bridge Upside Down
Aus dem Neuseeländischen Englisch von Gregor Hens
Hoffmann und Campe, Hamburg 2012
333 Seiten, 19,99 Euro