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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.12.2011

Ein Standardwerk zu Tod und Sterben

Gian Domenico Borasio: "Über das Sterben. Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen", C.H. Beck, 207 Seiten

Viele Menschen wollen vor ihrem Tod keine lebensverlängernden Maßnahmen auf der Intensivstation.  (picture alliance / dpa /  Jan-Peter Kasper)
Viele Menschen wollen vor ihrem Tod keine lebensverlängernden Maßnahmen auf der Intensivstation. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Es gibt Bücher, die weh tun. Der Palliativmedizinerr Gian Domenico Borasio hat so ein Buch geschrieben. Das Lesen schmerzt, ist aber hilfreich - denn der Autor lässt kein Detail aus: Hirntod, Morphium, Patientenverfügung und Sterbebegleitung sind nur einige seiner Themen.

"Über das Sterben": Das klingt nüchtern, dabei ist beim Sterben nichts mehr nüchtern. Aber das weiß der erfahrene Palliativmediziner. Was er auch weiß: Der Tod wird oft als ärztliches Scheitern begriffen, er findet im Verborgenen statt, meist in Krankenhäusern, fern von der Familie - obwohl das keiner will. Sterben passt so gar nicht in eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmtheit und Autonomie alles sind, eine Gesellschaft, in der man delegiert, sich auf so genannte Experten verlässt - und erst im Angesicht einer lebensbedrohlichen Krankheit erkennt, dass man überfordert ist. Genau dieser Haltung tritt Borasio entgegen. Geburt und Tod gehören zum Leben, sie laufen dann am besten ab, wenn sie möglichst wenig gestört werden, so der Tenor dieses Buches.

Ausführlich erklärt Borasio, wie Sterben abläuft, was Organtod oder Hirntod ist. Er beschreibt die Orte des Sterbens, die Sterbebegleitung - wie sie ist und wie sie im Idealfall sein sollte, hin zu der Frage, was der Mensch tatsächlich am Lebensende braucht. Seite für Seite rückt er so seinem Leser näher. Schnell fragt man sich: Wie will ich sterben, wie werde ich sterben, was kann ich tun, damit meine Wünsche bis zum Ende hin anerkannt werden, und was ist mit meiner Familie? Ist das alles richtig abgesprochen? Denn zwei Drittel aller Menschen in den reichen Ländern sterben nicht mehr unerwartet, sondern absehbar, unter ärztlicher Begleitung.

Es geht um eine existenzielle Frage: die der Würde bis zum Ende. Ungeschminkt benennt Borasio die schlimmsten Fehler der medizinischen Versorgung am Lebensende und erklärt, wie man sich am besten davor schützt - einschließlich konkreter Hinweise zu Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Denn viel zu oft würden sich Ärzte über den Willen ihrer Patienten hinwegsetzen und alles tun, was medizinisch und technisch möglich ist. Damit tragen sie aber eher zur qualvollen Sterbeverzögerung als zur sinnvollen Lebensverlängerung bei. Statt Todkranke um jeden Preis am Leben zu erhalten, müssen Mediziner lernen, in aussichtslosen Situationen ein friedliches Sterben zu ermöglichen, so Borasio.

Sterben - das wird schnell klar - ist auch aufseiten der Ärzte ein belastendes Thema. Unwissen und Ängste steuern oft ihr Handeln. Da wäre das Beispiel Schmerzenbehandlung. Die Angst der Ärzte vor Morphin sei immer noch weit verbreitet, so der Palliativmediziner. Sie befürchteten, das starke Schmerzmittel würde die Atmung bremsen und damit den Tod herbeiführen. Entsprechend zurückhaltend wird das Mittel verordnet. Dabei ist längst erwiesen, dass dem nicht so ist.

Fakten, Statistiken, Argumente - nichts lässt Borasio auf seinen knapp 200 Seiten aus. Er hat damit fast so etwas wie ein Standardwerk zum Thema Sterben geschrieben. Zumal er nie sein eigentliches Anliegen aus den Augen verliert: den Ausbau einer umfassenden Palliativbetreuung, die vom persönlichen Kontakt lebt, vom Gespräch aller Beteiligten, eine Betreuung, die eine passende medizinische und psychosoziale Betreuung erlaubt. Dass wir sie brauchen, davon erzählt dieses wichtige Buch.

Besprochen von Kim Kindermann

Gian Domenico Borasio: Über das Sterben.
Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen
C.H. Beck
207 Seiten, 17,95 Euro

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