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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.04.2012

Ein schmerzlich Zerrissener

Tristram Hunt: "Friedrich Engels - Der Mann, der den Marxismus erfand", Propyläen Verlag, Berlin 2012

Friedrich Engels hat Marx und seine Familie durchgefüttert. Sein Beitrag zum Kommunismus geht aber natürlich über diese Geste hinaus.
Friedrich Engels hat Marx und seine Familie durchgefüttert. Sein Beitrag zum Kommunismus geht aber natürlich über diese Geste hinaus. (AP Archiv)

Friedrich Engels war ein "Nadelstreifen-Kommunist", jemand, der als Lebensmotto "take it easy" und als höchste Glückseeligkeit einen "Chateau Margaux 1848" nannte. Tristram Hunt hat Engels Facetten von ideologischen Schablonen des Kalten Krieges befreit und bringt sie zum Schillern.

Titel sind oft Glücksache, und dem Glück soll man nicht blind vertrauen. Tristram Hunts erfrischende Biographie macht auf Deutsch aus Friedrich Engels den "Mann, der den Marxismus erfand". Das führt ähnlich in die Irre wie der militareske US-Titel "Marx's General". Der arme Mann hat weder "den Marxismus" erfunden noch zu Karl Marx eine Beziehung wie ein Soldatenführer zu seinem obersten Feldherrn haben müssen. In Hunts praller Erzählung von Engels' Leben, Denken und Schaffen geht es sogar um ziemlich exakt das Gegenteil, weshalb sein Originaltitel ein Glücksgriff ist: "The Frock-Coated Communist". Hierzulande, wo Geh- und gar Bratenröcke so aus der Mode sind, dass keine Dialektik mehr funkelt, wäre er wohl "Nadelstreifen-Kommunist". Auch der Untertitel "The Revolutionary Life of Friedrich Engels" benennt tiefenscharf, was Hunt erzählt: ein Leben für die, in den und gern auch trotz der revolutionären Zeiten des 19. Jahrhunderts.

Marx wird seit der Finanzkrise 2008 von den erstaunlichsten Leuten wiederbelebt, Engels dagegen dient noch immer als Sündenbock für alle Greuel im Namen des Marxismus von Stalin bis Pol Pot, wenn er nicht komplett "in die grauen Gefilde der Geschichte zurückgesunken" ist. Er selbst sah sich stets als "zweite Geige". Hunt will ihm "seine Bescheidenheit nehmen" und zeichnet detailreich nach, wie groß Engels' Beitrag zu Klassenkampf und -theorie war, abgesehen vom Durchfüttern der Familie Marx.

Für Hunt ist der 1820 geborene Sohn eines reichen calvinistischen Barmener Kaufmanns ein "schmerzlich Zerrissener". Mit 18 bekommt er in einem Bremer Comptoir "einen Crashkurs in internationalem Kapitalismus" und schreibt gleichzeitig kiebige Feuilletons unter Pseudonym. Den Militärdienst 1841 in Berlin nutzt er dazu, seine ehemaligen geistigen Idole wie Hegel, Schelling, Feuerbach vom Sockel zu kippen. Der frühe "womanizer" lernt trinken mit der romantisch-libertären Kaffeehaus-Bohème, lässt seinen Hund Adlige anknurren und hört von einem "schwarzen Kerl aus Trier": Dr. Marx. 1842 trifft er ihn in Köln in der "Rheinischen Zeitung", bald sind sie "geistige Zwillinge". Engels hat, was Marx fehlt: Ahnung von Wertschöpfung und Welthandel. Er kennt Fabrikarbeit, Elendsviertel und Straßenschlachten in der damals modernsten Industrienation England, und er wird später 20 Jahre lang ein verhasstes Fabrikbesitzerdasein in Manchester durchhalten, um die neue Bewegung zu finanzieren.

Ein radikaler Klassenverräter, der ein unkonventionelles Liebesleben und "reizvoll undoktrinäres Denken" zu praktisch jedem Thema seiner Zeit pflegt und 1848 als seine "idea of happiness" nur Château Margaux 1848 und als Lebensmotto "take it easy" nennt. Ein faszinierend facettenreicher Mensch also. Tristram Hunt - der gelernte und lehrende Historiker aus London, Zeitungs- und Radiokolumnist aus altem Labour-Adel und seit 2010 Unterhaus-Abgeordneter für Stoke-on-Trent, das näher an Manchester als an London liegt - hat die Engelsschen Facetten von den ideologischen Schablonen des Kalten Kriegs befreit und zum Schillern gebracht.

Besprochen von Pieke Biermann

Tristram Hunt: "Friedrich Engels - Der Mann, der den Marxismus erfand"
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
Propyläen Verlag, Berlin 2012
576 Seiten, 24,90 EUR