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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2007

Ein Roman als Wunderkammer

Thomas Pynchon: "Against the Day", Penguin Press, 1086 Seiten

Seit dem "Graf von Monte Christo" wurde nicht mehr so genüsslich von Rache erzählt. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Seit dem "Graf von Monte Christo" wurde nicht mehr so genüsslich von Rache erzählt. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

"Against the Day" ist ein Mix aus Science-Fiction, Fantasy, Abenteuer-, Horror-, Western- und Detektivroman. Letztlich erzählt er von den vier Kindern des amerikanischen Anarchisten Webb Traverse, der im Wilden Westen mit Dynamit für gerechtere Verteilung und Eigentumsverhältnisse sorgen möchte und von einem Auftragskiller beseitigt wird.

"Against the Day" ist ein einzigartiges, das heißt durch und durch originelles Buch: in seinen besten Momenten emotional mitreißend und intellektuell brillant, anrührend, aber nie sentimental, mal todtraurig, mal brüllend komisch, bis zur letzten Seite so unvorhersehbar wie eine Achterbahnfahrt im Dunkeln.

Diese Unberechenbarkeit der Hand¬lungsführung hat gute Gründe: wie in dem berühmten "Die-Rinder-des-Helios-Kapitel" des "Ulysses", in dem James Joyce die Geschichte und Evolution der englischen Sprache von ihren Anfängen bis in die Gegenwart des Dublins 1906 nacherzählt, lässt auch Pynchon in sei¬nem neuen Roman eine Entwicklung wie im Zeitraffer vor dem Auge des Lesers stattfinden.

"Against the Day" ist unter anderem eine kurze Geschichte der Genreliteratur, also von Science-Fiction und Fantasy, dem Abenteuer-, Horror-, Western- und Detektivroman. Pynchon imitiert und persifliert die Großmeister dieser Genres von Jules Verne über H.P. Lovecraft, Edgar Rice Burroughs, Jack Williamson, Isaac Asimov und Robert A. Heinlein bis zu Zane Grey, überbietet und übertrumpft sie an phantastischen Einfällen und unterläuft so souverän alle Erwartungshaltungen, wie denn ein historischer Roman, dessen Handlung im wesentlichen zwischen der Weltausstellung von Chicago 1893 und 1914 spielt, heute aussehen könnte.

"Against the Day" atmet noch ganz jenen hochmodernen Geist der quasi-olympischen Herausforderung, der per¬manent an den Horizont des Möglichen verschiebbaren literarischen Best¬leistungen – oder eine Spur weniger hochtrabend formuliert: des puerilen Wer-kann-am-höchsten-gegen-die-Wand-Pissens. Dieser Geist hat uns James Joyces "Ulysses" beschert und Arno Schmidts "Zettels Traum" – aber auch unzählige epigonale Werke, die
zur Quälerei ihrer überforderte Autoren wie Leser wurden.

Davor bewahren Pynchons "Against the Day" drei Dinge: erstens, das politische Engagement dieses Romans, der auch als Abgesang auf den Anarchismus als politische Alternative und als erstaunlich kalt erzählter Roman über Terrorismus zu lesen ist. Aktueller als hier hat Pynchon nie geschrieben. Mir jedenfalls ist keine literarisch überzeugendere Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 bekannt als Pynchons poetisch eindringliche Beschreibung New Yorks durch einen Amok laufenden Berggeist.

"What It Means To Be An American" wird auf Seite 1076 einem Jungen als Aufsatzthema gestellt. Der Schüler, der die Niederschlagung des Streiks der Minenarbeiter in Colorado am eigenen Leib erfahren hat, löst die Aufgabe in einem Satz: "Es bedeutet zu tun, was man einem sagt, zu nehmen, was einem angeboten wird, und nicht zu streiken, damit man nicht von ihren Soldaten erschossen wird." Diesen Blick in den Spiegel muss man als Amerikaner erst einmal aushalten.

Zweitens hat Thomas Pynchon auf seine Weise mit "Against the Day" selbst einen Familienroman geschrieben. Auch wenn die Handlung in weiten Bögen ins Innere Asiens, nach Mexiko und Albanien, London, Paris und Venedig, in ein Irrenhaus nach Göttingen, zu den Tatzelwürmern in den Schweizer Alpen und in einem Sand¬schiff unter, ja, wirklich unter die Wüste führt: Letztlich erzählt Pynchon von den vier Kindern des amerikanischen Anarchisten Webb Traverse, der als "Kieselguhr Kid" im Wilden Westen mit Dynamit für gerechtere Verteilung und Eigentumsverhältnisse sorgen möchte und dadurch ins Visier des Erzkapitalisten Scarsdale Vibe gerät, der ihn durch zwei Auftragskiller beseitigen lässt. Seit dem "Graf von Monte Christo" wurde nicht mehr so genüsslich von Rache erzählt.

Drittens - und das gerät bei all dem Gewese um die ach so großen Anforderungen, die dieser Autor angeblich an seine Leser stellt, leider immer etwas aus dem Blick – ist Pynchons vielleicht größte Stärke sein Humor. Gewiss, Quaternionisten als "die Juden der Mathematik" zu bezeichnen, wird nicht bei jedem Schenkelklatschen auslösen. Auch darf man, zumindest als deutschsprachiger Leser, von den in Göttingen, also im "Land of Lederhosen", so Pynchon, spielenden Passagen ein wenig enttäuscht sein. Aber der Henry James lesende Hund Pugnax, kommunizierende Kugelblitze und Tornados namens Thorvald sowie die herrlich albernen Songs tragen über manche Durststrecke hinweg.

Das spektakulärste Kabinettstück dieses in seinem überbordenden Reichtum an eine phantastische Wunderkammer erinnernden Romans ist aber Thomas Pynchons Referenz an die technikbegeisterte Abenteuerliteratur der Jahrhundertwende: die "Chums of Chance", fünf Luftschiffer an Bord der "Inconvenience". Ihnen gönnt Pynchon das vielleicht schönste Happy-End der modernen Literatur. "They fly toward grace" heißt der letzte Satz des Romans. Diesen Flug sollte kein Leser versäumen.

Rezensiert von Denis Scheck

Thomas Pynchon: Against the Day
Penguin Press, 1086 Seiten, 35 $

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