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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.08.2013

Ein Rausch der Theorie

Herbert Kopp-Oberstebrink, Martin Treml (Hrsg.): Hans Blumenberg - Jacob Taubes "Briefwechsel", Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 349 Seiten

Der Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes umspannt zwei Jahrzehnte. (AP Archiv)
Der Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes umspannt zwei Jahrzehnte. (AP Archiv)

Gegensätzlicher konnten philosophische Temperamente kaum sein als Hans Blumenberg und Jacob Taubes. Der nun veröffentlichte Briefwechsel, der in den 1960er-Jahren begann, veranschaulicht die damalige Reformphase der Republik, ist vor allem zu Beginn dicht und feurig.

Berührungsscheu war Jacob Taubes fremd. Der Berliner Religionsphilosoph war stets von Gegenpolen angezogen. Vor einem Jahr erschien sein Briefwechsel mit dem berüchtigten konservativen Staatsrechtler Carl Schmitt. Nun liegen seine Briefe mit dem Philosophen Hans Blumenberg vor. Ein Gegenpol zu Taubes war auch der skeptische Aufklärer Blumenberg. Wo Taubes mit seiner Lust am intellektuellen Thrill alle Fragen politisch theologisch zuspitzte - da hielt Blumenberg auf Gesten der Distanz. Mehr als den Ernstfall interessierte diesem Virtuosen der Abklärung die Umwege, die das Denken nahm, um genau diesen Absolutismus zu verhindern.

Auch in ihrem Lebensstil waren sie grundverschieden. Während Taubes sich emotional stets verausgabte, sich mit seinen Ehefrauen bis zum Nervenzusammenbruch verkrachte, ordnete Blumenberg alles der Arbeit am eigenen Werk unter. Allen "riskanten Operationen auf dem persönlichen Feld" entsage er sich, schreibt er im Mai 1977 an Taubes: "Ich selbst wäre in meiner Arbeit viel zu empfindlich und ausgesetzt, als dass ich mir eine Existenz in anderen als konsolidierten Verhältnissen leisten könnte."

Gegensätzlicher können philosophische Temperamente kaum sein. Und dennoch verband sie ein Briefwechsel, der von 1961 bis 1981 zwei Jahrzehnte umspannte. Vor allem in den frühen Sechzigerjahren ist dieser Briefwechsel dicht und intellektuell feurig. Selten wurde man so in die quirlige akademische Atmosphäre jener Jahre am Vorabend der Studentenrevolte hineingezogen wie in diesem Briefwechsel. Es war die Reformphase der alten Republik, in der nicht nur überall neue Universitäten gegründet wurden - sondern auch Begriffe noch in der Morgenröte standen, die heute ihre Versprechen längst eingebüßt haben: Etwa der Ruf nach "Interdisziplinarität", auf den Blumenberg als Spiritus Rector der Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" setzte. Als junger Gießener Professor ist Blumenberg noch mittendrin im akademischen Betrieb - und der umtriebige Taubes ihm bei der Vorbereitung seiner Tagungen als Anreger willkommen, weniger als gelehrter Counterpart.

Dieser Briefwechsel hat auch einen unsichtbaren Dritten - und das ist Siegfried Unseld und der Suhrkamp Verlag. Um 1960 erscheinen seine Schriften verstreut und schwer zugänglich in Fachzeitschriften - bis Taubes ihn als Verlagsberater zu Suhrkamp lotste. Blumenbergs Aufstieg zum Philosophiestar der alten Bundesrepublik, samt posthumer Verzauberung zum letzen Löwen des Geistes in Sibylle Lewitscharoffs Roman "Blumenberg", ist eng verbunden mit dem Aufstieg Suhrkamps zur ersten Theorieadresse des Landes. Der Briefwechsel liest sich heute wie eine Zeitreise in ein versunkenes akademisches Land. Was war das für eine Zeit, in der der Rausch der Theorie nicht nur bei Blumenberg eine solche intellektuelle Produktivität freisetzte.

Besprochen von Stephan Schlak


Herbert Kopp-Oberstebrink, Martin Treml (Hrsg.)
Hans Blumenberg - Jacob Taubes: "Briefwechsel"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
349 Seiten, 39,95 Euro


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