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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.03.2013

Ein Leben wie eine große Oper

Martin Gregor-Dellin: "Richard Wagner", Osterwold Audio, Hamburg 2013, 15 CDs

Eine Büste des Komponisten Richard Wagner in der Semperoper in Dresden (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Eine Büste des Komponisten Richard Wagner in der Semperoper in Dresden (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Es geht um Musik, Literatur und die Geschichte des 19. Jahrhunderts: Martin Gregor-Dellins opulente Wagner-Biografie aus dem Jahr 1980 ist bis heute ein Standardwerk. Nun erscheint die Lebensbeschreibung des Komponisten als Hörbuch, großartig gelesen von Ulrich Noethen.

Das Leben Wagners verlief nicht neben der Geschichte her, sondern war von Anfang an so sehr in sie verflochten, dass man die Wechselwirkungen genau verfolgen muss, als sei Wagners Lebensdrama das Drama des Jahrhunderts…

Geboren wurde er im bluttriefenden Jahr 1813 in Leipzig. Der Säugling bekam gewissermaßen gleich die Musik des Krieges zu hören: Völkerschlacht, bis dato das größte Gemetzel seit Menschengedenken. Nur ein halbes Jahr nach der Geburt seines neunten Kindes starb der Vater, der Polizei-Actuarius Carl Friedrich Wagner, an Typhus. Kurz darauf war die Mutter, eine Bäckerstochter aus Weißenfels, wieder schwanger, vom Schauspieler und Maler Ludwig Geyer.

Bereits diese ersten Monate seiner Existenz geben Tempo, Dynamik und Dramatik für die folgenden siebzig Jahre vor. Richard Wagners Leben ist große Oper mit farcenhaften Einschlägen, wozu die Elends- und Hungerleiderjahre in Paris um 1840 gehören:

Es verbreitete sich um Wagner eine derartige Atmosphäre von Armut und Unglück, dass der treue Hund Robber eines Tages davonlief, um sich etwas Besseres zu suchen.

Ein armer Mann, geschwächt von Darmträgheit

Tragikomische Züge hat auch das Rebellentum im Dresdner Mai-Aufstand von 1849 - Wagner als Schmuggler von Handgranaten, mit Gottfried Semper auf den Barrikaden. Worauf er als steckbrieflich gesuchter Revolutionär über ein Jahrzehnt lang deutschen Boden nicht betreten darf. Zu den Leiden des Exils kamen der wachsende Verdruss über den korrumpierten Musikbetrieb, die ewige Geldnot und Schuldenwirtschaft, die chronische Ehemisere mit Minna, die komplizierten Liebes- und Freundschaftsverwicklungen, die Krankheiten und Körperbeschwerden …

Ein armer Mann, geschwächt von Darmträgheit und schmerzhafter Gesichtsrose, der sich in die Wasserheilanstalt Albisbrunn zur Kur begab. Eine Zeitlang wurden Hydrotherapie, Diät und Abstinenz seine neue Religion. So nahm er für neun Wochen ein entbehrungsreiches Leben auf sich, mit nassen Einpackungen, Kompressen, kalten Wannen und mehrstündigen Märschen zum Aufwärmen, begnügte sich mit einer Wasserdiät ohne Bier, Wein, Kaffee oder Tee, mit trockenem Brot und kalten Suppen - am Ende verwundert darüber, dass er abmagerte, immer aufgeregter wurde und jeder Nerv schmerzte.

Dieses Leben erscheint als einzige Auftürmung widriger Umstände - eine Katastrophendynamik, gegen die Wagner jahrzehntelang andichtet und ankomponiert, bis er schließlich sein Werk und seine Idee eines neuen Musiktheaters triumphal durchsetzt.

Kurz: Dies ist keine Biografie, dies ist ein Roman, und Martin Gregor-Dellin hat ihn, auf solidester Quellenbasis, unübertrefflich erzählt. Ulrich Noethen, der seit seiner Komplettdarbietung von Tolstois "Krieg und Frieden" als Sonderbeauftragter für historisch bedeutsame Epik gelten kann, ist der ideale Vorleser dafür. Sein Vortrag überzeugt durch eine Lakonie, die mittels minimaler Modulationen ein großes Ausdrucksspektrum entwickelt. Kleine ironische Spitzen werden zusätzlich geschärft. Cosima von Bülow ist schwanger von Wagner, trotzdem gibt es Differenzen:

Zwei Tage zuvor war es über ihre Weigerung, vom ersten Stock hinab in das Schlafzimmer neben Wagner zu ziehen, mit ihm zu einem heftigen Streit gekommen. Doppelte Moral. Sie gebar sein Kind, aber sie schliefen getrennt. Noch immer lebte sie in der Sünde. Er nicht.

Projektionen und Peinlichkeiten

Eine feine Pointe Gregor-Dellins. Und wenn Noethen das liest, steckt alles drin in diesem "Er nicht": Trotz und Selbstgerechtigkeit, aber auch Wagners Souveränität über kleinliche Moral. Durch solche beiläufigen Kunstgriffe verstärkt sich der Eindruck, einem Erzähltext mit Ausdrucksnuancen zuzuhören, wie sie ein Sachbuch üblicherweise nicht hat.

Das von Missverständnissen, Projektionen und Peinlichkeiten bestimmte Verhältnis zum Super-Mäzen König Ludwig schildert Gregor-Dellin beinahe als Groteske:

Zwar sollte Wagner die ‚Last des gemeinsten Lebensdruckes‘, unter der er fast zerbrochen wäre, niemals wieder berühren, aber um den Preis einer Lebenslüge, die er sich erst nach Jahren eingestand. Denn die angeblich so märchenhafte, glänzende und triumphale Episode, die Königsfreundschaft, als Erfüllung eines Traums und Höhepunkt einer Karriere oft gefeiert, erweist sich im Nachhinein als das elendste, beschämendste und intriganteste Intermezzo...

Martin Gregor-Dellins Wagner-Biografie lässt sich hören als Panorama des 19. Jahrhunderts, besonders reizvoll durch die Vielfalt der Aspekte und Perspektiven. Es geht um Musik, Theater, Literatur, Politik, deutsche und europäische Geschichte – und natürlich vor allem um die Entstehung von Jahrhundertwerken wie "Tristan und Isolde", "Der Ring des Nibelungen", "Parsifal". Ein wirkliches Hörerlebnis.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner. Sein Leben - sein Werk - sein Jahrhundert
Gelesen von Ulrich Noethen
Osterwold Audio, Hamburg 2013
15 CDs, 1115 Minuten, 49,99 Euro

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