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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.01.2016

Ein Jahr nach "Charlie Hebdo" Selbstbehauptung einer Demokratie

Etienne François im Gespräch mit Dieter Kassel

Die erste Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag vom 7. Januar 2015. (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)
Die erste Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag vom 7. Januar 2015. (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)

Vor einem Jahr stürmten Islamisten in Paris die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo". Ihren Willen, sich nicht einschüchtern zu lassen, haben die Franzosen nicht verloren, sagt der Historiker Etienne François - im Gegenteil.

Heute ist es genau ein Jahr her: Islamistische Attentäter stürmten die Räume der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris und töteten zwölf Menschen. Kurz danach starben bei einer Geiselnahme weitere vier Menschen. Tausende Franzosen gingen danach auf die Straße, unter dem trotzigen Motto "Je suis Charlie". Dieses Gefühl ist auch heute noch da, sagt der Historiker Etienne François - nur in anderer Form.

Inzwischen habe es die viel schlimmeren Attentate vom November gegeben, sagte François im Deutschlandradio Kultur. "Sie haben gezeigt, dass die Angriffe mit terroristischen Mitteln sich nicht nur gegen besonders freche Zeichner richten, sondern gegen, ich würde sagen, eine Form der offenen Gesellschaft."

Insgesamt denke die Mehrheit der Franzosen nach wie vor "wir müssen weitermachen, lassen uns nicht einschüchtern", so der Historiker. Dennoch habe sich der Fokus verändert. Statt um Karikaturen gehe es nun vielmehr "um die Verteidigung und Selbstbehauptung der Demokratie und der Werte einer offenen Gesellschaft".


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Am 7. Januar 2015 überfielen Terroristen die Redaktion von "Charlie Hebdo" in Paris und töteten elf Menschen in dem Gebäude und einen Polizisten davor. Am gleichen Tag kamen bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt weitere vier Menschen ums Leben. Frankreich erinnert sich heute an diese Anschläge. Ich sage bewusst: erinnern, denn eine offizielle staatliche Gedenkveranstaltung gibt es nicht. Wir aber wollen mit dem französisch-deutschen Historiker Etienne Francois von der Freien Universität Berlin darüber reden, welche Folgen der 7. Januar 2015 bis heute hat. Schönen guten Morgen, Herr Francois!

Etienne Francois: Guten Morgen!

Kassel: Es gibt keine offizielle staatliche Gedenkveranstaltung. Was ist denn von dem großen "Je suis Charlie", von der großen Solidarität von damals heute überhaupt noch übrig geblieben?

Francois: Die gab es, die offizielle Veranstaltung, vor ein paar Tagen hat Francois Hollande gemeinsam mit der Pariser Oberbürgermeisterin Gedenktafeln freigemacht, dort, wo die Anschläge stattgefunden haben. Und auf dem Lokal von "Charlie Hebdo" gibt es auch Abbildungen der ermordeten Zeichner.

Kassel: Das gibt es zwar, aber heute nun gibt es offiziell nichts. Hollande will lediglich sich in seiner Neujahrsansprache ja daran erinnern, und vor allen Dingen, dieses große, präsente "Je suis Charlie", das ist doch eigentlich verschwunden, oder?

Francois: Ja, das ist verschwunden. Denn inzwischen gibt es nicht nur "Je suis Charlie", es gab auch die viel schlimmeren Attentate von November mit 130 Toten. Und die haben gezeigt, dass die Angriffe mit terroristischen Mitteln sich nicht nur gegen besonders freche Zeichner richten, sondern gegen, ich würde fast sagen, eine Form von offener Gesellschaft.

Kassel: Und das fand ich nun interessant, wenn Sie diesen Vergleich jetzt logischerweise bringen: Damals, nach "Charlie Hebdo", bei der damaligen Gedenkveranstaltung wenige Tage danach, da hatte ich das Gefühl, das Signal war wirklich: Wir lassen uns nicht beirren, wir machen genauso weiter wie vorher, nach den verheerenden Anschlägen. Später dann hatte ich das Gefühl, das Signal war halt: Wir sind jetzt im Krieg, wir müssen jetzt darauf reagieren. Aber es war nicht mehr das Signal, wir machen weiter wie zuvor, oder?

"Wir lassen uns nicht einschüchtern"

Francois: Teilweise doch. Nein, nicht sofort. Man hat das zum Beispiel in Paris gesehen, nach den Anschlägen von November gab es einen massiven Rückschlag der Bestellungen in Restaurants, in den Lokalen, Veranstaltungsräumen und so weiter. Aber insgesamt denken noch viele in Frankreich, ich würde sagen, die Mehrheit noch: Wir müssen weitermachen, wir lassen uns nicht einschüchtern.

Und was ich sehe in Frankreich, ist, dass man von einer Fokussierung auf die möglicherweise Exzesse – das denken einige – der Karikaturen weggegangen ist, und jetzt geht es vielmehr um die Verteidigung und Selbstbehauptung der Demokratie und der Werte einer offenen Gesellschaft.

Kassel: Offene Gesellschaft ist natürlich ein Stichwort. Wenn wir sagen, damals haben ganz, ganz viele Menschen in Frankreich, nicht nur da, aber eben auch in Frankreich gesagt, "je suis Charlie", dann darf man natürlich nicht vergessen: Das kommt darauf an, über welche Franzosen man redet! Die muslimischen Franzosen haben das natürlich weniger getan als die nicht muslimischen.

Franzosen der Vororte waren nicht Charlie

Francois: Es gab auch Franzosen, die haben gesagt: "Je ne suis pas Charlie – ich bin nicht Charlie!" Und das war in der Tat, wenn man die Zusammensetzung der Millionen von Demonstranten sieht, die spontan auf die Straßen gingen, da sieht man, das sind überwiegend, ich würde fast sagen, fast weiße, also gebürtige Franzosen der zweiten, dritten Generation.

Aber die Franzosen der Vororte, dort, wo die Dschihadbewegung ihre Mittäter rekrutiert, die waren nicht dabei. Und man weiß, da sind einige Schulen, Schüler haben gesagt, nein, das war gerecht, was denen da geschah, sie waren einfach zu weit gegangen, das darf man nicht weitermachen.

Kassel: Aber hat das damals bei den Anschlägen, auch nach den Anschlägen von November, wirklich zu einer Diskussion auch über soziale Frage, Integration geführt, oder ist der Abstand zwischen muslimischen Franzosen und nicht muslimischen eher noch größer geworden?

Francois: Nein, der ist nicht größer geworden. Ich würde eher sagen, der Abstand zwischen den – in Anführungsstrichen – gemäßigten Muslimen und den radikalisierten Jugendlichen ist noch größer geworden. Denn man sollte das nicht vergessen, dieser Kampf ist zuerst ein inner-muslimischer Kampf. Diese Anschläge sind zwar von Franzosen verübt worden, aber Franzosen, die in engem Kontakt stehen mit Vertretern zum Beispiel des Islamischen Staats in Syrien und Irak und anderen Formen eines radikalen Islams, der gegen die Ungläubigkeit und alle Formen der Gesellschaft kämpfen wollen, die ihnen nicht passen. Und das ist diese Verbindung zwischen innerfranzösischen Problemen und außer… oder ich würde sagen: innermuslimischen Problemen, die der ganzen Sache ihre Brisanz gibt.

Herausforderung geht über Frankreich hinaus

Kassel: Der Publizist Günter Müchler, ein Deutscher, der in Paris lebt seit einer ganzen Weile, hat gestern in unserem "Politischen Feuilleton" behauptet, Deutschland und Frankreich seien verbunden in einer Schicksalsgemeinschaft. Der hat da zwar einen ganz großen Bogen gespannt, aber er meinte damit schon auch die terroristische Bedrohung. Können Sie damit was anfangen, sind unsere beiden Länder verbunden in einer Schicksalsgemeinschaft?

Francois: Ja, aber das gilt nicht nur für unsere beiden Länder. Ich denke an die schlimmen Attentate in Madrid vor ein paar Jahren, das war auch vergleichbar. Und es gibt nicht nur Madrid, Paris oder andere Länder, es gab auch schlimme Attentate in England. Und es gab die auch in Tunesien und in anderen Ländern. Das heißt, die Schicksalsgemeinschaft ist viel mehr als eine rein deutsch-französische Schicksalsgemeinschaft. Das geht darüber hinaus.

Kassel: Ja, aber gibt es denn irgendetwas – das meinte ich jetzt gerade –, was wirklich Deutschland und Frankreich verbindet als Schicksalsgemeinschaft im Zusammenhang mit dieser Bedrohung?

Francois: Würde ich nicht sehen, so spontan. Frankreich und Deutschland sind seit Langem schon besonders nahe Länder mit zahlreichen Gemeinschaften und Initiativen und gemeinsamen Institutionen. Und insofern sind sie näher zueinander als viele andere europäische Länder. Aber die Herausforderung ist weder eine rein französische noch eine nur deutsch-französische.

Kassel: Sagt Etienne Francois, er ist Historiker an der Freien Universität in Berlin. Herr Francois, vielen Dank für das Gespräch!

Francois: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

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