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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.08.2012

Ein geordnetes Leben auf dem Prüfstand

Buchempfehlung August - Austin Wright: "Tony & Susan", Luchterhand Literaturverlag, München 2012

Eine postmoderne Konstruktion: ein Roman im Roman. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)
Eine postmoderne Konstruktion: ein Roman im Roman. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)

Eine Ärztin soll das Romanmanuskript ihres Ex-Mannes lesen. Lange hat der Möchtegern-Schriftsteller auf ihre Kosten gelebt. Bei der Lektüre wird sie mit Fragen ihres Lebens konfrontiert. Das Buch im Buch ist spannend erzählt mit einem tiefen Wissen über menschliche Abgründe. Es stammt aus der Feder des 2003 verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Austin Wright.

Susan Morrow bekommt ein Paket. Es enthält das Romanmanuskript ihres Ex-Ehemanns. Edwards hohle Selbstinszenierung als Schriftsteller sind ihr noch gut in Erinnerung. Skrupellos hatte er von ihrem mageren Gehalt gelebt und sich eine Auszeit nach der anderen genommen, ohne je eine veröffentlichbare Zeile zu schreiben.

Was tun? Sie mag es nicht lesen. Ist es schlecht, könnte sie es ihm sagen? Pflichtbewusst, wie die Ehefrau eines Arztes und Mutter von drei Kindern nun einmal ist, liest sie das Manuskript schließlich doch. Und wir mit ihr, sodass wir eine doppelte Geschichte lesen: einen Roman, in dem die Ehefrau und Mutter Susan Morrow mitten in ihrem arbeitsreichen Alltag einen Roman liest: durchaus eine postmoderne Konstruktion.

Der Roman im Roman erzählt die Geschichte von Tony Hastings, friedfertiger und zivilisierter Mathematikprofessor, der mit Frau und Tochter mit dem Auto in den Urlaub aufbricht. Unterwegs werden sie überfallen, Frau und Tochter werden verschleppt, vergewaltigt und ermordet.

Das Verbrechen und das darauf folgende Jahr werden aus der Perspektive Tony Hastings' erzählt. Er bezieht sein Selbstbewusstsein aus seinem akademischen Status und ist sehr stolz auf seine Zivilisiertheit und Friedfertigkeit. Langsam dämmert es ihm, dass das nichts als Feigheit sein könnte. Immer bedrängender und außerordentlich subtil entfaltet der Roman im Roman den Charakter und die Gefühle dieses Mannes ohne Eigenschaften.

Während der Lektüre kommt Susan Morrows eigenes geordnetes Leben auf den Prüfstand. Ihr drängen sich Fragen auf, die sie nie stellen wollte, über sich selbst und ihr Leben, ihre Entscheidungen in Vergangenheit und Gegenwart, ihre Lebenslügen, über den Preis für ihre Sicherheit. Ihre Reaktionen auf das, was sie liest, ziehen wiederum die Leserinnen und Leser von "Tony & Susan" in den Bann.

Mehr also als eine "einfache" Geschichte vom Buch im Buch, vom Überschreiten der Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Vielmehr eine Geschichte, die sich spiralförmig ausdehnt bis in unsere eigene Lektürewirklichkeit und uns zu Stellungnahmen zum Roman (und damit zum Leben) geradezu zwingt.

"Tony & Susan" ist eine scheinbar sanfte Geschichte über Gewalt und über eine latente Gewaltbereitschaft, die in uns lauert und, geleugnet zwar, angesichts erschütternder Ereignisse unerwartet aufbrechen kann. Die Fragen sind existenziell: Wie tief sitzen unser aller Bequemlichkeiten und Feigheiten? Was steckt in uns? Wie dick ist die Schicht der Zivilisiertheit? Was geschieht, wenn wir mit brutaler Gewalt konfrontiert werden?

Erzählerisch wird das alles umso aufregender verhandelt, als es unaufgeregt daherkommt, klug, souverän und mit einem tiefen Wissen über menschliche Abgründe. Und sehr, sehr spannend. Die Figuren sind "round characters", man glaubt ihnen gerade deshalb, weil sie sich so gern selbst belügen.

Eine veritable Entdeckung des Luchterhand Verlags, der man viele Leserinnen und Leser wünscht.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Austin Wright: Tony & Susan
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth
München: Luchterhand Literaturverlag 2012
416 Seiten, 19,99 Euro