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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.08.2010

Ein ganz normales Leben

Ein Film über Menschen mit dem Downsyndrom

Von Wolfgang Martin Hamdorf

Pablo Pineda wurde für seine Rolle bei den  Filmfestspielen in San Sebastian als bester Schaupieler ausgezeichnet. (AP)
Pablo Pineda wurde für seine Rolle bei den Filmfestspielen in San Sebastian als bester Schaupieler ausgezeichnet. (AP)

"Me Too - wer will schon normal sein?" erzählt von einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen zwei Angestellten in Sevilla: Er ist mit dem Downsyndrom geboren worden, sie hat viele Brücken abgebrochen.

Szene aus dem Film:
Vater: "Hier auf deinen ersten Arbeitstag!”" Pablo: ""Jetzt fehlt nur noch die richtige Frau!”"

Daniel stößt mit seinen Eltern auf die neue Arbeit an: Der junge Mann hat sein Studium beendet und eine Stelle in der Sozialabteilung der Stadt Sevilla gefunden, in der Beratung für schwer Behinderte. Denn Daniel wurde mit dem Down Syndrom geboren, sichtbar besonders durch die schräg gestellten Lidachsen und das weiche kindliche Gesicht:

Szene aus dem Film:
Daniel: ""Bei Menschen mit Downsyndrom gibt es noch viel mehr Sachen, die häufig auftreten, weißt du? Unser Gaumen zum Beispiel, der ist viel enger, und das wirkt sich direkt aus auf unsere Sprache, weil das unsere Zunge behindert, da wollen die Wörter nicht so richtig.”"

Aber durch gezielte Förderung, durch das Engagement seiner Eltern hat er es bis zum Studienabschluss geschafft. Jetzt soll er anderen jungen Menschen mit gleicher Behinderung helfen. Hauptdarsteller Pablo Pineda zeigt in dem Film viel aus seinem eigenen Leben. Bereits vor einigen Jahren machte er Schlagzeilen als erster europäischer Hochschulabsolvent mit Down-Syndrom:

Pablo Pineda: ""Ich kann mich mit der Rolle identifizieren, weil sie auch unsere inneren und geheimen Gefühle und Wünsche zeigt, alles was unser kleines Herz bewegt. Besonders für Leute wie mich, über 30, die davon träumen, eine Frau zu finden, selbstständig zu leben. Das sind sehr sensible und sehr drängende Themen."

In dem Film findet er sich selbst wieder, weil er ohne übertriebene Fürsorglichkeit von den Sehnsüchten, Ängsten und Problemen junger Menschen mit Down Syndrom erzählt. Aber Pablo Pineda ist kein professioneller Schauspieler und stand am Anfang dem Projekt skeptisch gegenüber:

Pablo Pineda: "Ich dachte zunächst, was soll das denn? Natürlich habe ich Vorträge gehalten und Unterricht gegeben. Aber ich im Film? Ich dachte, die sind verrückt, was machen die mit einem Schauspieler mit Down-Syndrom? Aber langsam begann mich der Gedanke doch zu reizen."

In der Geschichte geht es um Themen, die Pablo Pineda immer wieder in seinen öffentlichen Auftritten anspricht: Liebe, Sexualität und Down Syndrom. Im Film verliebt sich Daniel in seine "normale" Kollegin Laura. Die blond gefärbte eigenwillige Frau fühlt sich unter ihren Kollegen als Außenseiterin, hat nach einer traumatischen Beziehung zu ihrem Vater alle Brücken abgebrochen. Langsam entwickelt sich zwischen den beiden ein ganz eigenes Verhältnis:

Szene aus dem Film:
Laura: "Bist du denn jetzt nicht mehr mein Freund, Daniel?”" Daniel: ""Ich will nicht irgendein Freund sein, sondern dein Freund sein.”" Laura: ""Daniel, wie soll das gehen. Mann, strafbar könnte es auch noch sein.”" Daniel: ""Ich werde dich bestimmt nicht anzeigen.”" Laura: ""Warum ich, du weißt doch gar nichts über mich.”" Daniel: ""Bei dir fühle ich mich so normal.” "Was hast du nur immer damit und warum willst du unbedingt normal sein?”"

Der Film ist ganz auf Pablo Pineda zugeschnitten. Sehr offen und mit brillanter Schlagfertigkeit geht er auch als Daniel mit seiner Situation und der seiner Leidensgenossen um. An seiner Seite in der Rolle der Laura die Schauspielerin Lola Dueñas. Durch ihre Arbeiten mit Alejandro Amenábar und Pedro Almodóvar ist sie auch deutschen Kinogängern bekannt geworden:

Lola Dueñas: ""Es war sehr seltsam, aber vom ersten Moment an, als ich Pablo das erste Mal sah, war für mich das Down Syndrom nicht das Wichtigste. Beim ersten Kontakt setzten uns die beiden Regisseure einander gegenüber und sagten: 'Jetzt schaut Euch einfach nur an.' Und wir haben uns ohne ein Wort zu sagen sehr lange angeschaut. Und sein Blick, der hat mich einfach ganz stark bewegt, vielleicht habe ich deswegen die Rolle bekommen. Wir haben von Anfang an ein natürliches, unverkrampftes Verhältnis gehabt – göttliche Fügung, wie man sagt."

"Yo, también" ist der erste abendfüllende Spielfilm der beiden jungen spanischen Regisseure Álvaro Pastor und Antonio Naharro. Antonio Naharro hat selbst eine jüngere Schwester mit Down Syndrom, die auch im Film mitspielt. Was er auf keinen Fall wollte, war ein fürsorglicher oder gar didaktischer Film:

Antonio Naharro: ""Ich mag keine Filme mit didaktischen Intentionen, Kino kann uns Neues zeigen, aber es sollte nicht belehren."

In diesem Sinne ist "Yo, también" eine gelungene Gratwanderung zwischen Humor und Gefühl. Er führt in eine unbekannte Welt der unbegrenzten Unmöglichkeiten, erzählt eine ergreifende Liebesgeschichte - und das ohne jede falsche Fürsorglichkeit und mit sehr viel Lebenslust.

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