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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.07.2009

Ein extremer Fall von Stalking

Michael Lentz: "Klinik". "Muttersterben“. Intermedium Records / BR 2 2 CDs. 120 Minuten

Telefonterror  ist das Leitmotiv des Hörspiels "Klinik".
Telefonterror ist das Leitmotiv des Hörspiels "Klinik". (AP)

Eine psychotische Frau ruft einen Schriftsteller immer wieder an, sie belästigt ihn. Doch meldet sie sich einmal nicht, fehlt ihm ihre Stimme. Es entsteht eine zunehmende Abhängigkeit auf beiden Seiten.

Er: "Das Telefon klingelt, ich hebe ab, da ist eine Stimme, die einatmet, die ausströmt, und von den ersten Worten ist mir schon klar, da ist jemand, den du schon einmal gesehen hast."

Sie: "Es wäre so schön, du könntest hier sein. Ich habe dir neulich einen Brief geschickt, hast du ihn denn nicht bekommen? Seit zwei Jahren habe ich deine Stimme nicht gehört."

Auf den ersten Blick ist es ein krasser Fall von Stalking: Michael Lentz erzählt in seinem Hörspiel "Klinik" von einem Mann, der über Wochen hinweg anonyme Anrufe von einer Frau bekommt. Das Ganze wirkt ausgesprochen bedrohlich. Sie ist Patientin in einer psychiatrischen Klinik, und die Monologe, die sie in den Telefonhörer spricht, bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Liebe und Wahnsinn.

Sie beschwört eine gemeinsame Vergangenheit, die es offenbar nie gegeben hat, stellt sich als Opfer einer politischen Verschwörung dar oder beginnt im Medikamentenrausch unvermittelt zu singen.

Sie:"Ich komme noch einmal auf das Diazepam zurück. And though that she's not really ill, there's a little yellow pill, she goes running for the shelter of her mother's little helper. Die Dinger sind übrigens tatsächlich gelb."

Er: "Es ist ganz einfach: Sim-Karte aus dem Handy entfernen und in den Müll schmeißen."

Doch so einfach ist es eben nicht. Es dauert nicht lange, und der Telefonterror verwandelt sich in ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis.

"Heute morgen gegen sechs ruft sie an. Sie sagt einen Satz, den ich nicht verstehe, dem ich lange nachhorche. Ich lege auf, mitten in einem zweiten Satz. Sie ruft nicht wieder an. So ist das schon. Ich kann nicht mehr einschlafen, wenn sie kein zweites Mal anruft."

Michael Lentz spricht den männlichen Part selbst, sofort zu erkennen an dem Hauch des Niederrheinischen, der sich über die Vokale und Konsonanten legt. Das ist bekannt: Lentz – geboren in Düren – ist ein Dichter und Schriftsteller mit Stimme: Seit er im Jahre 2001 mit seiner Erzählung "Muttersterben" den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, hört man in jedem seiner Texte den kehligen, leicht fiebrigen Sound seiner Sprache.

"Am 21. August 1998 gegen 8 Uhr und 30 Minuten rief Vater an und teilte es mir: Mutter ist gegen 23 Uhr und 50 Minuten diese Nacht gestorben."

Eine Hörfassung von "Muttersterben" gibt es jetzt als Bonusmaterial zu der "Klinik"-CD dazu, und es ist spannend zu sehen, wie die beiden rund einstündigen Stücke um das gleiche Thema kreisen: um die illusionäre Macht der Sprache.

In "Muttersterben" baut Michael Lentz‘ Erzähler eine Mauer aus betont kühlen, scheinbar emotionslosen Sätzen, um die Trauer über den Tod der Mutter nicht in sein Leben zu lassen. Er scheitert damit, genau wie der namenlose Protagonist in "Klinik", der sich schließlich als Schriftsteller entpuppt.

Er versucht, der Telefonstimme, die sich in seinen Kopf bohrt, sein eigenes "hochanständiges Deutsch" entgegenzusetzen – und wird daran irre.

"Das Beängstigende ist, das ich mich nicht entscheiden kann, welcher Stimme ich zuhören soll, ihrer oder meiner Stimme, und dann sie sind auch manchmal übereinander."

"Das Teil steht ja immer noch / Du warst ja immer noch nicht da / Ich höre da nicht zu / Es reicht."

"Wer sagt das? Wer das sagt, will ich wissen! Ich frage jetzt zum ersten Mal, wer das sagt?"

"Klinik" ist eine Produktion des Bayerischen Rundfunks. Michael Lentz hat nicht nur eine Rolle übernommen, sondern auch gleich Regie geführt. Das allerdings sehr zurückhaltend.

Es gibt nur wenige technische Spielereien, dazu ein ein paar schwermütige Takte Gustav Mahler. Das karge Hörspiel funktioniert trotzdem ganz ausgezeichnet. Lentz verlässt sich auf seine eigene Stimme – und auf die der Sprecherin Sophia Siebert, der man die psychotische Nervensäge genauso gerne abnimmt wie das personifizierte Leitsymptom einer hartnäckigen Borderline-Störung.

Sie: "Hör mal:"

Musik von Gustav Mahler: "Der Mensch liegt in größter Not..."

Sie: "Gefällt dir das?"
Ich gebe dir jetzt mal die Nummer meines Psychiaters. Die wirst du brauchen."

An dieser Stelle ist der verbale Zweikampf bereits entschieden. Der Schriftsteller verstummt. Seine Worte zerfallen auf der Tonspur wie modrige Pilze, und was bleibt, ist die fremde Stimme in seinem Kopf.

Oder ist es seine eigene? Das ist die dunkle Erkenntnis, die Michael Lentz für uns bereithält: dass wir uns unserer eigenen Sprache und damit uns selbst, nicht sicher können.

Er:"Sammlerstücke, die auf dem Flohmarkt landen..., ich denke manchmal..., Sätze gehen... wie...."

Sie: "Du bist ganz schön drauf, mein Lieber."

Besprochen von Kolja Mensing

Michael Lentz: Klinik. Muttersterben
Intermedium Records / BR 2
2 CDs, 120 Minuten, 19,90 Euro