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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.09.2011

Ein evangelischer Brief an den Papst

Günther Beckstein: "Lieber Bruder in Rom!“, Verlag Knaur, München 2011, 160 Seiten

Günther Beckstein, Ex-Ministerpräsident von Bayern, ist Vizepräses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands.
Günther Beckstein, Ex-Ministerpräsident von Bayern, ist Vizepräses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands. (AP)

Sechzehn protestantische Autoren zeigen auf, wo - jenseits aller Kirchendiplomatie - die drängenden Fragen des konfessionellen Miteinanders liegen. Das Buch "Lieber Bruder in Rom" versammelt Briefe von mehr oder weniger prominenten Protestanten.

Papst-Berater gibt es in Deutschland wahrscheinlich so viele wie Fußball-Bundestrainer: Millionen Menschen wissen genau, was Benedikt XVI. sofort tun sollte. 15 Männer und drei Frauen haben ihm dies tatsächlich und offenbar ernst gemeint ins Stammbuch geschrieben. Genauer: in ein Knaur-Buch.

Alle sind sie evangelisch, fast alle haben sie Erfahrungen mit klosterähnlichen Kommunitäten, und alle halten sie sich an die Vorgabe, "Klartext zu reden, ohne den konfessionellen Riss zu vergrößern." Keine Beschwerde-, sondern Bittbriefe also.

"Ein" evangelischer Brief, wie der Untertitel verspricht, ist dieses Buch trotzdem nicht. Es sind 18 qualitativ höchst unterschiedliche Appelle: Theologieprofessor Johannes von Lüpke begründet klug, warum es keine formale Lappalie wäre, den offiziell seit 1521 geltenden Bann gegen Martin Luther endlich auch offiziell aufzuheben und das abfällige Urteil Josef Ratzingers aus dem Jahre 2000 gleich mit zu entsorgen, evangelische Kirche sei "nicht Kirche im eigentlichen Sinne".

Bayerns Ex-Innenminister und jetziger Vize-Präses der EKD-Synode, Günter Beckstein, erinnert daran, dass die "Grundsätze der Demokratie in Einklang stehen mit den Wertvorstellungen von Christentum und Aufklärung." Soll wohl heißen: Spielen Sie nicht die einen gegen die anderen aus und beargwöhnen Sie nicht länger die demokratischen Strukturen.

Altbischof Ulrich Wilckens beklagt, dass eine sich absolut und autonom gebärdende Aufklärung nicht immer ihre Gemeinwohlpflichten wahrnimmt und schreibt "Bringen Sie die Vernunft zur Vernunft!"

Der Erlanger Ethikprofessor Hans G. Ulrich erinnert den Papst an sein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas 2004: Es nütze nichts, immer nur auf Ethik zu insistieren, man müsse Menschen in Konfliktsituationen auch helfen, der Ratio und dem Ethos im Geiste Jesu zu folgen.

Das exakte Gegenteil verlangt ein ehemaliger EKD-Seelsorger der Bundespolizei: Der Papst möge bitte schärfere Bannflüche gegen Homosexuelle formulieren und eine kirchliche Forschungsstätte schaffen, deren Ergebnisse er gleich mitliefert: dass Homosexuelle krank und viele pädophil seien.

Vier brillante Briefe, ein Totalausfall (der Schwulenfeind). Und sonst? Viel Mittelmaß: Islamexpertin Christine Schirrmacher rät zu "fröhlich offensiver Begegnung" mit Muslimen, Pfarrer Ulrich Parzany zu einer christuszentrierten Mission, ein Autor will flottere Musik in der Messe, ein anderer mehr Hilfe für die Hungernden – alles nett, vieles richtig, das meiste harmlos.

Erst auf Seite 138 steht ein unfreiwillig programmatischer Satz: "Ein Thema, für das ich im Protestantismus kaum Gesprächspartner finde", steht da. Könnte es sein, dass viele der 18 – meist konservativen - Protestanten gar nicht dem Papst, sondern ihrer derzeitigen evangelischen Kirchenleitung all dies ins Stammbuch geschrieben haben?

Besprochen von Andreas Malessa

Günther Beckstein: "Lieber Bruder in Rom! Ein evangelischer Brief an den Papst"
Verlag Knaur, München 2011
160 Seiten, 7,99 Euro

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