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"Ein anarchisches Element"

Wie man lernt, andere zum Lachen zu bringen

Von Michael Hollenbach

Ein Kirchenclown ist man nicht - man kann es werden.
Ein Kirchenclown ist man nicht - man kann es werden. (Steffen Schulz)

Lachmotivatoren in der Kirche, also Clowns, können sich schulen lassen. Für sie gibt es eine ganz spezielle Ausbildung. Denn auch das Lustigsein kann man sich aneignen. Die Grundlagen allerdings muss man mitbringen. Und den Glauben.

In einer Kleingruppe üben sechs Pfarrerinnen und Pfarrer Gromolo - die Spielsprache der Clowns. Übungsleiterin ist Gisela Matthiae, selbst Pastorin und Clownsausbilderin:

"Für mich ist Clownerie auch ein Anti-Perfektionierungsprogramm, und deshalb lautet die große Überschrift über die ganze Ausbildung: Du musst keine gute Figur abgeben. Und das in unserer Gesellschaft, wo wir immer super toll sein müssen."

Für die 53-Jährige ist die Clownsausbildung auch eine Art Burnout-Prophylaxe.

"Clownerie ist sehr ähnlich mit einer bestimmten Haltung des Humors, die ich so beschreiben möchte: Man nimmt das Leben ernst, aber - und das ist der entscheidende Unterschied - man nimmt es nicht zu ernst. Man glaubt an die Veränderbarkeit von jeder Situation und sich selbst, und allein das beinhaltet schon, dass man Regeln in Frage stellt, festgefügte Meinungen, Strukturen und schaut, ob es nicht noch andere Deutungsmöglichkeiten gibt."

Sindy Altenburg: "Das Wesen eines Clowns ist, dass er eine liebenswürdige Person ist, die ständig scheitert und immer wieder neu anfängt. ( ... ) Und er erzählt Wahrheiten, die sich kein anderer trauen würde. Und man nimmt es ihm ab und ist nicht böse drum."

Die mecklenburgische Pastorin Sindy Altenburg hat die einjährige Fortbildung bereits beendet. Hat sie denn in der Clownsausbildung gelernt, besonders lustig zu sein?

"Ja, das habe ich auch gedacht, aber eigentlich ist es gar nicht so. ( ... ) Eigentlich will der Clown oder die Clownin gar nicht lustig sein. Sie meint alles ganz ernst, sie will alles nur richtig machen. Aber dabei passieren ihr komische Sachen, und das ist lustig."

Jeder Kursteilnehmer entwickelt im Lauf der Ausbildung eine eigene Clownsfigur, die zu ihm passt. Das soll nicht unbedingt ein Zirkus-, sondern eher ein Charakterclown sein, sagt Gisela Matthiae. Ihre Clownsfigur ist die schwäbische Protestantin Adele Seibold. Und die spricht nicht nur Gromolo:

"45:00 Das ist eine Gemeindefrau, und die versteht auch nicht alles so recht: Zum Beispiel will man jetzt in der Kirche alles kürzen, und jetzt will man sogar am Gottesbild kürzen: Dreieinigkeit, ist ja üppig. Es reicht doch einer. Andere Religionen haben auch nur einen Gott. Aber wen kürzt man da jetzt raus."

"Meine Clownsfigur heißt Mathilda, und die ist noch im Werden und Wachsen. es kommen mal Sachen dazu, die sie kann oder nicht kann. Da bin ich manchmal selbst überrascht. Lachen."

Als Mathilda trägt Sindy Altenburg ein orangefarbenes, ärmelloses Kleid über ihren Ringelpulli, eine gelbe Hose und rote Schuhe. Und natürlich eine knallrote Pappnase. Als Mathilda besucht die 33-jährige Pastorin einmal im Monat die Kinderstation eines Schweriner Krankenhauses.

"Es bringt eine Leichtigkeit rein und eine Distanz zu sich selbst, und es ist schön, wenn die Leute Lust haben, an sich selbst zu zweifeln."

Als Clownin tritt die Pastorin in ihrer eigenen Gemeinde nicht auf, aber in Nachbargemeinden und auf kirchlichen Fachtagungen.

"Das kann die Kirche gut gebrauchen. Und deshalb ist sie auch gut beraten, sich die Clowns warm zu halten und da nicht so viel Skepsis aufkommen zu lassen. Das ist die Kirche wie ein König, der sich einen Narr gehalten hat, so ist es auch gut, wenn die Kirche sich ein paar Kirchenclowns hält. "

"ihh, ihh owie, oweih…"

"Das hat immer ein anarchisches Element. Wenn man Clowns einlädt, ist immer etwas unsicher, wie wird es. ( ... ) Das ist auch so die Stärke, dass er der Kirche den Spiegel vorhält."

Allerdings weiß Sindy Altenburg auch, dass es in den Reihen der Kirche genügend Bedenkenträger gibt, die auf Clownerie skeptisch reagieren.

"42:00 Es gibt auch humorlose Leute, das ist ganz schwer, und es gibt Leute, die sehen das Heilige in Gefahr oder sagen: Ihr macht euch darüber lustig. So soll es aber nicht sein. (,,,,) dieses Lustig-Machen, das ist eine Angst bei vielen Leuten. "

Susanne Wolf-Withöft bietet die Fortbildung "Clownerie in Kirche und Gemeinde" am evangelischen Pastoralkolleg in Schwerte an. Sie ist während des Kurses zu der Überzeugung gekommen, dass jedem Pfarrer Clownerie gut tut:

"34:00 Eine clowneske Haltung für Pfarrer ist wichtig, weil es neugierig macht auf die Welt, weil es einen offenen Blick ermöglicht und das Stolpern erlaubt, was ja auch Inhalt des Rechtfertigungsgedanken ist, dass wir nicht perfekt sein müssen, um von Gott angenommen zu sein, sondern in unserer Stolperigkeit, wie das Leben nun mal so ist, angenommen sind von Gott."

Der Clown - so die Theologin - könne nicht nur in der Gemeindearbeit mit Kindern eingesetzt werden, sondern beispielsweise auch im Gottesdienst. Die Clownsausbildung stärke die Kompetenzen der Pastorinnen und Pastoren:

"…sie stärkt die seelsorgliche Kompetenz, weil sie die Wahrnehmung schärft, sie stärkt (..) die homiletische Kompetenz der Predigt, ( ... ) es gibt ja eine Clownssprache, das Gromolo, und meine Erfahrung war, dass diese innere Haltung, diese ohhh und ahhh, dass das sensibilisiert für emotionale Aussagen, die ich in einer Predigt rüberbringen will, also so eine Grundeinsicht von Elementarisieren, ohne zu banalisieren fördert und unterstützt."

"Jetzt ist aber Schluss."

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