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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.01.2016

E-Book "Future Visions"Science Fiction aus dem Hause Microsoft

Von Marten Hahn

Das Microsoft-Logo gesehen durch eine Fensterscheibe.  (picture alliance / dpa / Zoltan Mathe)
Microsoft wurde 1975 gegründet. (picture alliance / dpa / Zoltan Mathe)

Science-Fiction-Autoren durften bei Microsoft hinter die Kulissen schauen und die Erfinder künftiger Technologien interviewen. Daraus ist ein Band mit Kurzgeschichten entstanden, die zum Besten gehören, was derzeit auf dem Scifi-Markt kursiert.

Der Tanker Microsoft versucht sich seit einiger Zeit, neu zu erfinden. Während Google, Apple, Facebook und Amazon cool und mächtig wurden und mit GAFA sogar ein furchteinflößendes Akronym erhielten, blieb Microsoft lange der Anbieter eines Standard-Betriebssystems. Das nicht immer so funktionierte, wie es sollte. Dessen Sanduhr nervte. Über dass sich die Leute lustig machten. Heute bietet Microsoft jedoch jenseits von "Windows" zeitgemäße Dienste aus der Cloud an, betriebssystemübergreifende Software für Handys und Tablets, Mobiltelefone, eine Datenbrille namens Hololens – und Literatur. Richtige Literatur.

Früher inspirierte Science-Fiction die Wissenschaft. Für die Anthologie "Future Visions" – bisher nur auf Englisch erhältlich – hat Microsoft den Spieß nun umgedreht. Der Konzern ermöglichte neun preisgekrönten Science-Fiction-Autoren und einem Comic-Zeichner den Zutritt zu seinen Forschungslaboren.

Die Autoren durften 55 Forschungsbereiche erkunden und Wissenschaftler interviewen. "Wir haben ihnen keine Geräte gezeigt und sie dann darum gebeten, doch bitte darüber zu schreiben", lässt der Konzern verlauten. "Wir haben ihnen Technologien gezeigt und sie mit eine Gruppe von Leuten zusammengebracht und sie dann gefragt: Welche Ideen löst das bei euch aus? Wohin glaubt ihr, könnte die Technologie sich entwickeln?"

Kurzgeschichten, die in die Tiefe gehen

Das Ergebnis: ein E-Book. Wer technologiegläubige Märchen voller Gadgets befürchtet, literarische Werbefilme, kann sich beruhigt wieder setzen. "Future Visions" ist ein Band mit Kurzgeschichten, die tiefer gehen und die locker zum Besten gehören, was derzeit auf dem Scifi-Markt kursiert.

Elizabeth Bear, Greg Bear, David Brin, Nancy Kress, Ann Leckie, Jack McDevitt, Seanan McGuire, Robert J. Sawyer und Blue Delliquanti beschäftigen sich unter anderem mit Virtual Reality, künstlicher Intelligenz, Spracherkennung, Big Data und Quantencomputern. Ein trauernder Vater tröstet sich mit dem digitalen Abbild seiner toten Tochter. Ein Forscher macht unangenehme Bekanntschaft mit den Nebenwirkungen von Quantenmechanik. Und eine Pop-Künstlerin betritt das zwielichtige Terrain verkäuflicher Emotionen.

Keine der Geschichten ist pure Dystopie. Die Autoren und Autorinnen suchen eher nach Zwischentönen, immer wieder drohen die Geschichten zu kippen. Und immer wieder staunt man, dass Microsoft dafür Geld in die Hand genommen hat. Nicht weil "Future Visions" schlecht ist, sondern weil es so gut ist: Gut darin, die Grauzonen auszuleuchten und zu zeigen, dass Technologie weder gut noch schlecht ist. Sie ist das, was Menschen daraus machen.

Dass es sich bei "Future Visions" um eine Auftragsarbeit handelt, daran erinnert vor und nach der Lektüre nur der Preis: Das E-Book steht zum Gratis-Download im Netz.

Future Visions. Original Science Fiction inspired by Microsoft
Melcher Media, New York 2015
E-Book, Gratis

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