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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.04.2012

Düsteres Familiendrama

Roy Jacobsen, "Die Farbe der Reue", Osburg Verlag, Berlin 2012

Hans versucht, aus seiner Vergangenheit zu lernen. Aber seine Tochter will ihn nicht sehen.
Hans versucht, aus seiner Vergangenheit zu lernen. Aber seine Tochter will ihn nicht sehen. (AP)

Der norwegische Autor Roy Jacobsen ist bekannt für seine historischen Romane, in denen er besonders eindrücklich das Schicksal der sogenannten kleinen Leute schildert. Sein neuer Roman "Die Farbe der Reue" ist jedoch in der Gegenwart angesiedelt.

Hans Larsen hat große Teile seines Lebens im Gefängnis verbracht. Immer wieder ist ihm seine unkontrollierte Wut zum Verhängnis geworden. Nun steht der 72-Jährige nach seiner vorzeitigen Entlassung vor der Frage, was Freiheit nach zehn Jahre Haft für ihn noch bedeuten kann.

Nur zögernd öffnet er den einzigen Brief seiner Tochter, den er vor langer Zeit erhalten hat. Darin teilt Marianne ihm mit, dass seine Frau gestoben ist und dass sie ihm nie verzeihen wird. Hans Larsen knüpft zuerst an sein altes Leben als Gelegenheitsarbeiter an.

Nach einem schweren Verkehrsunfall lernt er während seines langen Krankenhausaufenthalts die schöne, reiche Agnes Almlie kennen. Sie bittet Hans Larsen, zu ihr in ein großes Anwesen zu ziehen, doch die aufkeimende Romanze ist belastet von ihrer Vergangenheit, der Enttäuschung nämlich über ein unbefriedigtes Leben an der Seite ihres verstorbenen Mannes. Hans Larsens sehnlichster Wunsch ist es, Kontakt zu seiner Tochter Marianne und seiner kleinen Enkeltochter zu bekommen, doch nicht einmal viel Geld scheint ihm der rechte Weg dazu zu sein.

Parallel dazu erzählt Roy Jacobsen in immer abwechselnden Kapiteln die Geschichte von Marianne und ihrer kleine Tochter Greta. Marianne arbeitet als Hilfskraft in einer Wäscherei. Sie traut sich selber und dem Leben wenig und hält alle Ereignisse in einem kleinen schwarzen Buch fest. Diese bewertet sie jeweils mit plus oder minus. Erst die Beziehung zu dem jüngeren Trond, der sein Zeit hauptsächlich mit seiner Motorradclique verbringt, gibt ihr Sicherheit und Lebensmut. Doch plötzlich fühlt sich Marianne beobachtet und vermutet, dass ihr Vater dahinter steckt. Trond verspricht, sich darum zu kümmern, erzählt ihr aber nicht die ganze Wahrheit, um sie zu schützen. Im Laufe der Zeit erkennt Marianne, dass auch sie sich ihrer Familiengeschichte stellen muss, um die Verantwortung für ihr Leben übernehmen zu können. Dabei muss sie sich eingestehen, dass auch sie nicht frei von Schuld ist.

Lakonisch aber mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt Roy Jacobsen die anfänglich trostlose Situation seiner beiden Protagonisten. Klare, einfühlsame Bilder entwickeln die Charaktere, die ihre Situation klaglos annehmen. Nicht sie selber verfolgen stringent ihre Ziele im Leben, sondern die Umstände und die handelnden Personen in ihrem Umfeld sind Anlass für Entwicklungen, die letztendlich zu Veränderungen führen müssen. Die bildhafte Beschreibung der Personen und ihrer Umgebung ist düster und grau und bewirkt, dass sich beim Lesen ein eigenes, langsames Tempo entwickelt. Doch der Autor bleibt nicht im Pessimismus verhaftet, sondern zeigt eine vorsichtige Annäherung zwischen Vater und Tochter, die nicht zu einem klassischen Happy End führt, aber beiden Figuren am Ende ihre Art von unsentimentaler Freiheit ermöglicht.

Besprochen von Birgit Koß

Roy Jacobsen: "Die Farbe der Reue"
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann Osburg Verlag, Berlin 2012
287 Seiten, 19,95 Euro