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Religionen / Archiv | Beitrag vom 17.05.2008

"Du Jude, Du Opfer"

Schimpfwörter in der Jugendsprache

Von Blanka Weber

Antisemitische Schmierereien (AP)
Antisemitische Schmierereien (AP)

Früher waren es Schimpfwörter wie "Deppen", "Dumme" oder "Blöde", mit denen sich Jugendliche gegenseitig beleidigten. Heutzutage sind auf deutschen Schulhöfen auch Worte wie "Du Jude" oder "Du Opfer" zu hören. - Experten sehen in diesem Trend keine Form des klassischen Antisemitismus, Grund zur Entwarnung gibt es dennoch nicht.

Ein ganz gewöhnlicher Pausenhof. Jugendtreff und Ort, an dem Schüler auch verbal die Kräfte messen. Waren früher diejenigen, die nicht Nummer eins in einer Gruppe waren. "die Dummen", "die Blöden", "die Deppen" – so wird ihnen heute zugerufen "Du Opfer" und "Du Jude!"

Wörter, die als Schimpfwörter die Schulhöfe erobern, in der Jugendsprache in völlig neuem Kontext verwendet werden – das bestätigt auch der Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge:

"Spricht man mit Fachleuten in der Szene, mit Sozialarbeitern, Gedenkstättenkollegen, .. .alle beobachten: 'Jude, ach du Opfer' sind zu einem gängigen Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen geworden. Wir müssen das ernst nehmen – zum einen verbietet es sich sofort zu sagen, wir haben es mit dem alten Antisemitismus in Reinform zu tun. Es macht aber auch keinen Sinn und es wäre fatal, beschwichtigend darüber hinwegzugehen. Solche Worte haben einen Magnetismus, an dem sich dann auch eine antisemitische Ideologie bis hin zur NPD andocken können."

Auch der Frankfurter Antisemitismus-Experte Gottfried Kössler beobachtet seit Jahren den Umgang mit dem Wort Jude. Zwar werden dazu empirische Studien noch erarbeitet. Doch er und seine Kollegen registrieren denselben Magnetismus, von dem Volkhard Knigge spricht.

"Das Problem entsteht immer dann, wenn Personen diskriminiert werden und sich davon betroffen fühlen und dafür muss man einen Umgang finden, und wenn das auf dem Schulhof ist, dann geht es darum, wie man die Konflikte bearbeitet. Sobald ein diskriminierendes Schimpfwort da ist, ist ein Problem da, an dem gearbeitet werden muss."

Aber wie? Haben pädagogische Interventionen eine Chance und kann – zum Beispiel - der Lehrervortrag über den Holocaust helfen? Volkhard Knigge:

"Wir haben ein Defizit historisch präzise zu erklären und auch hören zu wollen, wie Menschen zu Opfern gemacht worden sind. Wir haben da ein Kenntnis- und Wissensdefizit – das wir auch ernst nehmen müssen."

Übertriebene Erinnerungskultur hilft aus Sicht des Gedenkstättenleiters an dieser Stelle nicht weiter. Das Wort Jude als gängiges Schimpfwort zu gebrauchen, kann auch eine Art kritischer Spiegel sein:

"So gesehen würde ich auch immer fragen: Reagieren hier Jugendliche auch trotzig auf so ein erinnerungskulturelles Übergeräusch, das sie als moralische Verpflichtung ohne inhaltlichen Kern wahrnehmen? - das ihnen auch als Erwachsenengerede – als Sonntagsgerade erscheint. Das im Alltag doch nicht greift?"

Der Antisemitismus-Experte Gottfried Kössler sieht die Ursache zum einen im verzerrenden Verständnis des Wortes Jude. Jude wird als Synonym für schwach, uncool und erfolglos gesehen:

"Ich würde eher sagen, dass das Wort Jude im Moment Konjunktur hat, weil es was mit Verlierern zu tun hat. Das unterscheidet auch die Verwendung vom klassischen Antisemitismus."

Der Jude als einseitiges Symbol für Verlierer? Gottfried Kössler plädiert – wie Volkhard Knigge – für eine bessere pädagogische Arbeit – auch in den Schulen:
Weg vom Blick nur auf Verfolgung und Schuld, weg vom Blick auf jüdisches Sterben und Verlieren. Hin zum Vermitteln von jüdischem Leben, jüdischer Kultur, von Vielfalt und Selbstbewusstsein.

"Ich denke, man muss tatsächlich sich im Bildungssystem mehr mit jüdischer Geschichte beschäftigen. Man muss mehr betonen, zum Beispiel wenn man sich mit Literaturgeschichte im Unterricht bemüht, wer aus jüdischen Familien kommt und als deutscher Nationaldichter gilt. Das sind Punkte, die verschenkt werden – die muss man verstärken."

Fällt also die negative Assoziation weg, wäre auch der Reiz des modernen Schimpfwortes gebrochen. Und der leichtfertige, zusammenhanglose Umgang damit, zumindest eingedämmt.
Doch blieben nicht immer noch der Antijudaismus, die bewusste Judenfeindlichkeit, und die damit verbundene negative Äußerung des Wortes Jude? Gottfried Kössler:

"Was im Moment deutlich stärker ist, ist die Aufmerksamkeit und es gibt eine größere Offenheit in der Äußerung von antisemitischen Positionen. Fehlenden Hemmungen, aggressiv dies auch zu tun."

Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Wolfgang Benz, hat erst kürzlich darauf hingewiesen: Die Judenfeindlichkeit sei nicht größer geworden.
Es gebe keinen dramatischen Anstieg. In der Bundesrepublik hätten seit Jahren 20 Prozent der Bevölkerung eine "judenkritische Einstellung". Größtenteils handele es sich um den sogenannten "bürgerlichen oder schweigenden Antisemitismus", stellte Benz fest. Damit müsse man nun lernen umzugehen. Noch einmal Gottfried Kössler:

"Das Hauptproblem ist natürlich, dass es Juden gibt, die beleidigt werden und für die das eine Bedrohung ist."

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