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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.05.2012

Drei Tage im Sommer

Abdellah Taia, "Der Tag des Königs", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 180 Seiten

Der Roman ist eine Geschichte von Arm und Reich in Marokko. (Rüdiger Maack)
Der Roman ist eine Geschichte von Arm und Reich in Marokko. (Rüdiger Maack)

Seit 1998 lebt der marokkanische Autor Abdellah Taia in Paris. In seiner Heimat war er sehr beliebt, bis er sich zu seiner Homosexualität bekannte. Seitdem begegnet ihm in Marokko Feindseligkeit. Jetzt ist von ihm der Roman "Der Tag des Königs" erschienen. Darin beschreibt er Marokko als ein Land, das von Ungerechtigkeit dominiert ist.

Juni 1987: Der Besuch des Königs von Marokko ist angekündigt. Hassan II. wird Salé besuchen, die Schwesterstadt von Rabat, wo er regiert. Die beiden halbwüchsigen Freunde Omar und Khaled werden an der Straße stehen und ihn sehen, wenn er vorbeifährt. Doch während Omar dem König im Traum begegnet, wird dies Khaled real tun. Davon weiß sein engster Freund allerdings nichts. Er erzählt Khaled aber ausführlich von seinem Traum, der etwas Alptraumhaftes hat.

Omar ist arm, Khaleds Familie ist reich. Omar muss für seinen Vater sorgen, Khaled wird von Hausangestellten bedient. Der eine lebt im ärmlichen Viertel der Stadt, der andere in einer Villa hoch über ihr. Dennoch sind die beiden unzertrennlich, drücken miteinander die Schulbank, ein letztes gemeinsames Jahr.

Die Geschichte der beiden Jungen, ausschnitthaft erzählt an drei Tagen im Juni 1987, ist auch eine Geschichte von Arm und Reich in Marokko: Khaled lebt im Überfluss, seine Begabung wird gefördert, ihm fehlt es an nichts. Omar hingegen hat mit seinen 14 Jahren auch bereits die Verantwortung über seinen Vater übernommen. Denn nachdem die Mutter mit Omars kleinerem Bruder die Familie verlassen hat, ist der Vater ein gebrochener Mann. Etwas Geheimnisvolles rankt sich um die Figur der verschwundenen Mutter. Angeblich war sie Prostituierte, als Omars Vater sie kennenlernte. Auch während der Ehe soll sie weiter Kontakt mit anderen Männern gehabt haben, um schließlich endgültig in ihr ursprüngliches Milieu zurückzukehren, in einen Ort, aus dem die meisten Huren Marokkos stammen sollen.

Trotz aller Standesunterschiede scheinen Omar und Khaled ein herz und eine Seele zu sein. Sie verbringen ihre Freizeit miteinander, halten gemeinsam Mittagsschlaf. Immer wieder klingen homoerotische Momente an, um später ganz offen zutage zu treten. Zum inneren Bruch seiner Beziehung zu Khaled kommt es, als Omar erst gemeinsam mit den anderen Mitschülern erfährt, dass Khaled als reichster und bester Schüler der Schule ausgewählt wurde, dem König die Hand küssen zu dürfen. Für Omar bedeutet es einen unheilbaren Vertrauensbruch, dass ihn der Freund nicht schon früher eingeweiht hat. Ab nun verschwimmen Rachegedanken, Phantasien und Geisterglaube.

Letzteres ist ein in der marokkanischen Literatur häufig verwendetes Handlungselement: Wie in den Geschichten von Mohamed Mrabet spielen auch in "Der Tag des Königs" so genannte Dschinns, Geister, eine große Rolle für den Ablauf des Geschehens. So begleitet Omar schon zu Beginn des Romans seinen Vater zu einem Hexer, der diesen von dem angeblich auf ihm lastenden Bann befreien soll.

Auch zwischen Omar und Khaled scheint die Zauberei eine Rolle zu spielen. Ebenso wie der Grenzfluss Bou Regreg zwischen den Schwesterstädten Salé und Rabat. Er symbolisiert gleichzeitig die unüberwindbare Grenze zwischen Arm und Reich im Land. Jenseits des Flusses schimmern die Mauern, die die Residenz des Königs umgeben: Unerreichbar für die einen, in greifbarer Nähe für die anderen. Omar konnte zumindest für eine kurze Zeit Blicke in die Welt der Reichen werfen, bis er wieder zurückgestoßen wurde, letztlich auch durch die Kälte seines besten Freundes. Omar hat in seiner Welt zu bleiben ohne Chance auf Weiterentwicklung, ohne Chance auf Fortsetzung einer pubertären Freundschaft, die vielleicht eine Liebe hätte werden können.

Abdellah Taia erzählt die Geschichte der Jungen erst realistisch, sachlich und ohne Ausschmückungen, zunehmend aber symbolhaft und verschwimmend mit der Phantasie seiner Protagonisten. Dabei schafft er eine zum Teil hoffnungslose Atmosphäre der Ausweglosigkeit und Vorbestimmtheit in einem Land, dessen Funktionsweise von Ungerechtigkeit und gesellschaftlichen Zwängen dominiert ist.

Besprochen von Stefan May

Abdellah Taia: "Der Tag des Königs"
,Aus dem Französischen von Andreas Riehle
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
180 Seiten, 19,95 Euro


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