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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.11.2010

Dokumente einer intensiven Lebens- und Arbeitsbeziehung

Lew Tolstoj, Sofja Tolstaja: "Eine Ehe in Briefen", Insel Verlag, Frankfurt 2010, 493 Seiten

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi im Jahr 1908. (AP Archiv)
Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi im Jahr 1908. (AP Archiv)

Kaum eine Ehe ist so gut dokumentiert wie die von Sofja und Lew Tolstoj. Die beiden führten nicht nur ausgiebig Tagebuch. Sie schrieben einander auch im Laufe ihrer 48-jährigen Ehe von 1862 bis 1910 Tausende von Briefen.

Diese entstanden nur zu einem kleinen Teil während Reisen und Abwesenheiten Lew Tolstojs. Der überwiegende Teil der Korrespondenz stammt aus der Zeit getrennter Wohnsitze der beiden Eheleute. Sofja Tolstaja lebte zum Zwecke einer angemessenen Ausbildung ihrer gemeinsamen 13 Kinder überwiegend in Moskau. Der Gatte bevorzugte den väterlichen Landsitz Jasnaja Poljana. Selbst bei größtmöglicher räumlicher Nähe gab es lange Phasen, in denen Briefe das Gespräch in dieser Ehe ersetzten.

Aus einem Materialschatz von rund 2000 Seiten haben Ursula Keller und Natalja Sharandak eine umfangreiche Auswahl zusammengestellt, die ergänzt ist durch einen großen Apparat an Anmerkungen und ein ausführliches Personenregister.

Die Entstehungsjahre der Briefe sind in fünf Kapitel unterteilt, von "Die erste Ehezeit" über "Krise und Umschwung" bis hin zum Schlusskapitel "Das letzte Jahrzehnt". Kurze Zusammenfassungen betten die Korrespondenz in äußere Geschehnisse ein - darüber hinaus sprechen die Briefe aber für sich selbst. Sie dokumentieren in dieser Form erstmalig, und aus erster Hand die intensive Lebens-und Arbeitsbeziehung der Tolstojs.

Sofja Tolstaja war Mutter der 13 gemeinsamen Kinder. Sie war aber auch Tolstojs Verlegerin und kämpfte bis zum Schluss um die Rechte an seinem Werk, das der - allem Materiellen entsagende - Schriftsteller in seinem letzten Testament verschenkte. Dieser zentrale Streitpunkt, Ausdruck zweier völlig auseinander laufender Lebensphilosophien fand seinen Höhe-und Schlusspunkt am 28. Oktober 1910, als Lew Tolstoj seine Frau heimlich verließ. Auf der beschwerlichen Reise erkrankte der 82-jährige schwer und starb in einem kleinen Bahnwärterhäuschen in der russischen Provinz.

Wenige Monate vor seinem Tod, im Juli 1910 schrieb Lew Tolstoj einen Brief an seine Frau, der diese Ehe aus seiner Sicht beschreibt:

"Du hast, ungeachtet meiner schmutzigen, lasterhaften Vergangenheit, fast fünfzig Jahre mit mir zusammengelebt, mich geliebt und ein arbeitsames, schwieriges Leben gehabt, (...)indem du Kinder gebarst, sie stilltest, erzogst, für die Kinder und mich sorgtest. Du lebtest so, dass ich Dir nichts vorzuwerfen habe. Dass Du mir auf meinem besonderen geistigen Weg nicht gefolgt bist, kann ich Dir nicht vorwerfen, und werfe ich Dir nicht vor, denn der geistige Weg eines jeden Menschen ist einzigartig vor Gott, und von einem anderen zu fordern, den selben Weg zu gehen, den man selbst geht, ist unmöglich."

Es sind nicht nur die klugen, einfühlsamen Briefe des Schriftstellers Lew Tolstoj, die beeindrucken und berühren. Auch Sofja Tolstaja, Verfasserin diverser Erzählungen und eines Romans war eine begabte, warmherzige, aber auch scharfzüngige Briefeschreiberin, die den Alltag dieser Familie, vor allem jedoch die ungewöhnlich starke Liebe zwischen ihr und Lew Tolstoj auf eindrucksvolle Weise dokumentiert.

Besprochen von Olga Hochweis

Lew Tolstoj, Sofja Tolstaja: Eine Ehe in Briefen
Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Ursula Keller und Natalja Sharandak
Insel Verlag, Frankfurt 2010
493 Seiten, 22,90 Euro

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