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Studio 9 | Beitrag vom 05.01.2016

Dokumentationszentrum NS-ZwangsarbeitZeitzeugenarchiv ist nun online zugänglich

Von Anja Nehls

Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Das Berliner Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit hat sein erweitertes Zeitzeugenarchiv online gestellt. Es enthält audiovisuelle Interviews, Briefe, Dokumente und Fotografien. Das Angebot ist nicht nur für Seminare und Workshops interessant.

Im Mai 1943 wurde der Niederländer Theo de Jooden zum Arbeitseinsatz nach Deutschland verschleppt. Er hatte sich geweigert eine Loyalitätserklärung der Nazis zu unterschreiben. Als Dreher bei Rheinmetall Borsig in Berlin-Tegel musste er dann Zwangsarbeit leisten. Untergracht war er in einer Sammelbaracke im Berliner Südosten:

"Ja, da bin ich gewesen. Gemeinschaftsbaracke Wuhlheide, aber da waren nicht zehn oder 20. Da waren eher 50 oder 60 in einer Baracke. Man wurde aufgestapelt, vier hoch, kann man sich nicht vorstellen, dass Menschen das anderen Menschen antun können."

Im Alter von 88 Jahren erinnert sich Theo de Jooden an diese schlimmste Zeit seines Lebens im Interview. Sein Erinnerungen und die von anderen Zeitzeugen, allesamt Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Berlin und Brandenburg sind jetzt online abrufbar.

Nach zweijähriger Arbeit ist das erweiterte Zeitzeugenarchiv des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin jetzt jederzeit für jedermann zugänglich. Es gibt audiovisuelle Interviews, Briefe, Dokumente und Fotografien. Von 565 vorhandenen Briefen sind bereits 250 erschlossen, das heißt übersetzt und per Schlagwort und Themenkatalog geordnet. Christine Glauning, die Leiterin des Dokumentationszentrums hat der Brief einer jungen Polin besonders berührt:

"Die in ein soggenanntes Arbeitserziehungslager verschleppt wurde. Das waren Straflager, die der Gestapo unterstanden, wo unter verschärften Bedingungen gearbeitet werden musste und sie berichtet sehr eindrücklich davon, und auch davon, dass sie als sie zurückkehrte an ihren Betrieb, nur noch 28 Kilogramm wog und ihre Kolleginnen sie nicht mehr wiedererkannten."

Dauerleihgabe der Berliner Geschichtswerkstatt

Die Briefe, Fotos und Interviews sind eine Dauerleihgabe der Berliner Geschichtswerkstatt für das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit. Seit über 20 Jahren wurden die Dokumente zusammengetragen und bisher waren sie nicht öffentlich zugänglich. Bis zu einer halben Millionen Zwangsarbeiter gab es in Berlin. Allein 420.000 im Herbst 1944, sagt Christine Glauning:

"Einerseits die größte Gruppe der zivilen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterrinnen, die aus fast allen europäischen Ländern verschleppt wurden zur Arbeit ins Reich. Dann die Kriegsgefangenen, KZ-Häftlinge und dann auch im Rahmen des geschlossenen Arbeitseinsatzes Juden und Jüdinnen und Sinti und Roma, die bereits vor Kriegsbeginn zur Arbeit gezwungen wurden."

Gearbeitet wurde hauptsächlich in der Rüstungsindustrie, im Flugzeugbau, bei der Munitionsherstellung, aber auch in Privathaushalten. Theo de Jooden musste in einer Rüstungsfabrik von Borsig arbeiten. Als diese wegen Bombenschäden nicht mehr produzierte, legte er sich schlafen. Daraufhin meldete ihn sein Arbeitgeber der Gestapo, die ihn mit Haft in einem Arbeitserziehungslager bestrafte. Um diesem zu entkommen, verletzte sich Theo de Jooden selbst. Versteckt auf einem Schiff konnte er schließlich fliehen und in Holland untertauchen. Besonders erinnert er sich an den Hunger der Kriegsjahre:

"Man bekam dass noch Marken, aber immer weniger zu bekommen. Dann wir gegangen zu den Bauern, um nach Milch zu fragen oder was zu essen und dann hatten wir was von zu Hause mitgenommen, eine Jacke oder ein Hemd oder sowas zum Tauschen. Details sind nicht so wichtig. Ich habe das überlebt."

Zwangsarbeiter gab es in vielen deutschen Firmen. Bei Siemens, AEG, bei der Lufthansa oder bei BMW. Die BMW-Erbenfamilie Quandt unterstützt jetzt das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit. Deshalb konnte auf dem Gelände eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers in Berlin-Schöneweide im vergangenen Jahr eine Jugendbegegnungsstätte eingerichtet werden. Das digitale Zeitzeugenarchiv soll helfen, die wertvollen Erinnerungen und Interviews, die Bilder und Briefe zu sichern. Für Workshops und Seminare soll das Material genutzt werden und jedem Interessierten kostenfrei zur Verfügung stehen. Erreichbar über die Internetseite des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin.

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