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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 17.06.2011

Diskriminierung international

Studie zeigt weit verbreiteten Antisemitismus in Europa

Von Daniela Siebert

Antisemitismus offen gezeigt: Graffito in Ueckermündes Innenstadt. (Thilo Schmidt)
Antisemitismus offen gezeigt: Graffito in Ueckermündes Innenstadt. (Thilo Schmidt)

"Die Abwertung der Anderen" heißt eine jüngst veröffentlichte Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie erforschte im europäischen Vergleich, ob und welche Vorurteile es gibt. Dabei sind die "Anderen" allzuoft die Juden.

Jeweils 1000 Menschen in acht europäischen Ländern wurden für die Studie befragt und das Ergebnis ist erschreckend: Antisemitismus ist demnach ein gesamteuropäisches Phänomen und tief verwurzelt. Auch Professor Andreas Zick war überrascht. Der Konfliktforscher von der Universität Bielefeld ist einer der Autoren der Studie:

"Manches, da bin ich immer noch persönlich selbst erschüttert, weil unsere Prognose ist: Wir investieren sehr viel in die europäische Bekämpfung von Vorurteilen, Rassismus, Antisemitismus und die Zahlen sind ausgesprochen hoch."

Die Fragen, die Zick und seine Kollegen den Menschen stellten, waren ziemlich unverblümt. Etwa sollten die ihre Meinung äußern zur Aussage:

"Juden versuchen heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazizeit die Opfer gewesen sind."

"Juden im Allgemeinen kümmern sich um nichts und niemanden außer um ihre eigene Gruppe."

Über 50 Prozent der befragten Portugiesen stimmten diesen beiden Aussagen zu. Auch bei anderen antisemitischen Vorurteilen ist Portugal stark vertreten. Andreas Zick erklärt das zum einen mit der ökonomischen Krisensituation, die auch in anderen Ländern dem Antisemitismus Vorschub leistet. Zum andern:

"Portugal hat einfach eine rassistische Geschichte, eine Kolonialgeschichte, deshalb reden wir von einer Menschenfeindlichkeit, wo der Rassismus überspielt auf andere Gruppen."

Noch ausgeprägter als in Portugal sind die antisemitischen Vorurteile in Polen und in Ungarn. Ein Beispiel: Der Aussage, Juden hätten zu viel Einfluss im Land, stimmten gerade mal sechs Prozent der befragten Niederländer zu. Von den Deutschen waren es 20 Prozent, bei den Polen dagegen 50 und bei den Ungarn sogar 69 Prozent.

Der ungarische Soziologe Professor Andrasz Kovacs untersucht diese Einstellung bei seinen Landsleuten schon seit Jahren. Seine Erklärung für den ungarischen Antisemitismus ist vielschichtig: die Wirtschaftskrise, die antisemitische Tradition im Land und die neue rechtsextreme Jobbik-Partei:

"Diese Partei hat die früheren Tabus durchbrochen, öffentlich vorurteilhafte Sprache über Roma, Juden usw. aus Forschung bekannt - normale Menschen orientieren sich nach Normen, die von Eliten gesetzt werden."

Außerdem würden alle vier Jahre antisemitische Ressentiments hochkochen, weil die Parteien sie im Wahlkampf instrumentalisierten. Das Problem scheint aber auch schon im Kindesalter zu entstehen. So hat Luca Varadi herausgefunden, dass die Bekämpfung von fremdenfeindlichen Vorurteilen an ungarischen Schulen gar kein Thema im Unterricht ist:

"Was ich gefunden habe – jetzt allgemein, nicht nur über Antisemitismus – ist, dass es gar nichts gibt. Die Jugendlichen, die ich befragt habe – 1000 Jugendliche – was sie geantwortet haben: Die Mehrzahl hat gesagt, dass sie nie in der Schule darüber diskutieren, in keinem von den Fächern darüber sprechen, auch nicht mit den Lehrern, auch nicht zuhause, das heißt, alles, was übrig bleibt, ist die Medien."

Und die Medien würden in Ungarn sehr oft eine rassistische, diskriminierende Sprache benutzen, so die Nachwuchswissenschaftlerin. Zwar gibt es auch in Ungarn Gegenmaßnahmen gegen den Antisemitismus, doch die reichen offenbar nicht, bilanziert Professor Kovacs:

"Wurde ein Holocaust-Gedenktag eingeführt an den Schulen, eine Holocaust-Gedenkstätte in Budapest aufgemacht und es gibt Schulprogramme, die sich mit solchen Sachen beschäftigen und die Mainstream-politischen Parteien sind natürlich nicht antisemitisch, aber es scheint so, dass es nicht genug ist, was bis jetzt in Ungarn lief."

Ziemlich einig sind sich die Europäer laut der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung auch in der Ablehnung der Politik Israels. In Frankreich durften die entsprechenden Fragen aus juristischen Gründen nicht gestellt werden. Aber in allen anderen sieben Ländern stimmte mindestens ein Viertel der Befragten der Aussage zu:

"Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man Juden nicht mag."

Auch in den sonst vergleichsweise wenig vorurteilsbeladenen Niederlanden stimmten 41 Prozent zu. Deutschland liegt übrigens bei all den bisher genannten Punkten im Mittelfeld.

Ziemlich gut schneidet dagegen Großbritannien ab. Dass hier Antisemitismus nicht so ausgeprägt ist, begründet Michael Whine, Sicherheitsberater bei Regierungsstellen und jüdischen Gemeinden im Königreich, mit der multikulturellen Vergangenheit des Landes, die in einer grundsätzlichen Aufgeschlossenheit gegenüber Fremden münde. Außerdem:

"Was Antisemitismus angeht, hat Großbritannien eine ganz andere Vergangenheit als Kontinentaleuropa: Wir hatten keine Nazis, keine Faschisten, wir hatten nie eine rechtsextreme Partei an der Macht, oder auch nur in der Nähe der Macht. Weder auf nationaler noch auf lokaler Ebene. Es gibt bei uns auch keine Geschichte der Gewalt gegen Juden, außer im Mittelalter. Im 11., 12. Jahrhundert wurden die Juden aus dem Land vertrieben und für 400 bis 500 Jahre lebte keiner hier."

Anders als in Ungarn sei Wahlkampf mit antisemitischen Parolen in Großbritannien undenkbar, so Michael Whine. So was habe schon politische Karrieren beendet unterstreicht der Brite und nennt weitere Maßnahmen, die antisemitisches Gedankengut im Königreich eindämmen sollen. Beispielsweise wurde die Beweissicherung durch die Polizei zur Verfolgung antisemitischer Straftaten verbessert und die Strafverfolgung bei Verbreitung antisemitischer Literatur erleichtert.

Und selbst auf der höchsten Politikebene sei die Antisemitismus-Bekämpfung fest verankert, berichtet Whine mit einem gewissen Stolz: Regierungsmitglieder müssten obligatorische Antisemitismus-Seminare besuchen.

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