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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.10.2014

DigitalisierungBedingt kontrollfähig

Michael Seemann: "Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust"

Von Vera Linß

"Und was ist in ihrer Black Box" steht in der interaktiven Installation "Frau Taubenblau und die Spione" des Künstlers Harald Opolka am 07.10.2014 in Potsdam (Brandenburg) im AWO Kulturhaus auf einer Feier zur Eröffnung des 1. Internationalen Filmfestes Potsdam auf dem mit Kabeln versehenen Kopf einer Puppe. Die Ausstellung ist bis zum 12. Oktober zu sehen.  (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)
Was passiert mit unseren Daten? Wir wissen es nicht. Die interaktive Installation "Frau Taubenblau und die Spione" des Künstlers Harald Opolka. (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)

Big Data, Spionage und Totalüberwachung. Auch der Journalist Michael Seemann warnt vor den Gefahren der globalen Datensammelwut. Privatsphäre und Datenschutz drohen auf der Strecke zu bleiben. Aber es gibt Lösungsstrategien, schreibt Seemann in "Das neue Spiel".

Nacktfotos von Promis kursieren im Internet, der BND hilft den Amerikanern bei der Datenspionage, Hacker stehlen Passwörter von Bankkonten. In der allseits vernetzten digitalen Welt scheint nichts mehr sicher zu sein, weder Privatsphäre, noch Datenschutz, Urheberrecht oder Staatsgeheimnisse. Aber gibt es vielleicht doch Strategien gegen diesen Kontrollverlust? Ja, sagt der Blogger Michael Seemann und machte mit diesem hohen Anspruch nicht nur die Internet-Community neugierig: Über 20.000 Euro spendete man ihm als Vorschuss für sein Buch, das wirksame Regeln gegen den Kontrollverlust verspricht. 

"Kontrollverlust" definiert Seemann dabei als enttäuschte Erwartung darüber, was mit den Informationen geschieht, die täglich in Umlauf kommen. Die Informationen haben demnach ein Eigenleben entwickelt. Verantwortlich dafür seien "drei Treiber", so der Autor: Die "Verdatung der Welt", also die Tatsache, dass im Alltag unaufhörlich Daten aufgezeichnet würden. Die Netzwerkstruktur des Internets, innerhalb derer die Daten kopiert und ausgetauscht würden. Schon hier entziehe sich jeder Kontrolle, wer wann auf welche Inhalte zugreifen kann. Und der dritte und entscheidende Treiber sei die Möglichkeit der intelligenten Verknüpfung, durch die sich Erkenntnisse gewinnen ließen, die niemand vorhersehen könne. 

Der "Kontrollverlust" ist eigentlich eine "Kontrollverschiebung"

Die Wirkung dieses neuartigen Datenverhaltens ist ambivalent, denn sie trifft alle. Zwar kann die NSA heute jeden ausspionieren, aber umgekehrt haben auch Geheimdienste keine absolute Datensicherheit mehr, wie die Snowden-Enthüllungen zeigen. Deshalb ist der "Kontrollverlust" eigentlich eine Kontrollverschiebung, weg von alten Institutionen und "Gewissheiten" hin zu neuen Machtverhältnissen, meint Seemann. Diese Verschiebung bezeichnet er als das "neue Spiel", das auf dem Paradigma basiere, dass Daten nicht mehr gesteuert werden können.

Zehn Regeln stellt er auf, mit denen aus seiner Sicht gescheiterte "Kontrolltechniken" durch neue Kulturtechniken ersetzt werden können. Beispiel Privatsphäre. Das Konzept des Datenschutzes sei "bankrott", Überwachung gehöre einfach zum neuen Spiel dazu. Statt dies zu beklagen, solle man die Wirkung von Überwachung schwächen und die "Strafregime" bekämpfen: rassistische Polizei, homophobe Strukturen, ungerechte Gesundheitssysteme. Beispiel Wissensvermittlung. Der sinkende Einfluss klassischer Medien und anderer Bildungsinstanzen lasse sich durch das Prinzip der "Query" ausgleichen, also den Umstand, dass sich jeder heute selbst sein Wissen in digitalen Netzwerken zusammensuchen kann. Angesichts der wachsenden Macht globaler Internetkonzerne fordert Seemann eine Überwindung des nationalstaatlichen Denkens, um gemeinsam gegen die neuen Monopole vorzugehen. 

An der Umsetzung hapert es in der Praxis

Neu sind diese Ideen aber größtenteils leider nicht. Zumal es mit deren Umsetzung in der Praxis schon seit Langem hapert. Und so kann auch Seemann – anderes als versprochen – wenig weiterhelfen. Auch wenn ihn eines von den meisten Kritikern an Big Data unterscheidet: seine fehlende Sorge angesichts des Kontrollverlusts. Das allein ist allerdings noch kein tragfähiges Konzept.

Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust
orange press, Freiburg 2014
256 Seiten, 20 Euro

Mehr zum Thema:

NSA-Affäre - BND übermittelte Daten deutscher Bürger
(Deutschlandfunk, Aktuell, 03.10.2014)

Datenspionage - "Wir können die Probleme der Überwachung nur politisch lösen"
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 23.07.2014)

Überwachung - "Effektiver als die Stasi"
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 16.07.2014)

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