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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.08.2012

Die Zukunft des Christentums

Hans Joas: "Glaube als Option", Herder Verlag, Freiburg 2012, 257 Seiten

Europa wird eine multireligiöse Zukunft haben, meint Joas. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Europa wird eine multireligiöse Zukunft haben, meint Joas. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Zwei Thesen prägen die Auseinandersetzung über Sinn und Zukunft von Religion in Europa: Modernisierung führt zur Säkularisierung. Und: Säkularisierung führt zum Moralverfall. Beiden widerspricht Hans Joas zu Beginn seines Buches "Glaube als Option".

Mit Blick auf die erste These stellt der renommierte Soziologe heraus: Wirtschaftlichem Wachstum und wissenschaftlich-technischem Fortschritt folgt nicht selten der Rückgang religiöser Praxis, doch ist ein notwendiger Zusammenhang nicht gegeben. Exemplarisch verweist der 63-Jährige auf die religiöse Landschaft in den USA sowie auf die Parallele von rapider Modernisierung und fortschreitender Christianisierung in Südkorea.

Was die zweite These anbelangt, vermisst der derzeitige erste Gastprofessor der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung an der Universität Regensburg ebenfalls "einen unzweideutigen empirischen Nachweis". Der Moralverfall bleibe in stark säkularisierten Gesellschaften Europas aus. Einem Slogan wie "Werte brauchen Gott" kann Joas daher nicht zustimmen.

Mit Blick auf tatsächliche Säkularisierungsprozesse lautet Joas' Hauptthese: Säkularisierung findet in Wellen statt. Die erste ging mit der Französischen Revolution einher, die zweite erfolgte Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge von Urbanisierung und Industrialisierung. Die dritte Welle setzte in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren ein.

Prägendes Merkmal der Wellen ist Joas zufolge ein Wachstum an Handlungsoptionen. Die Lebenswelt der Menschen heute ist keineswegs Resultat notwendiger, unumkehrbarer Entwicklungen, sondern Produkt konkreter Optionen. Kontingenz statt Notwendigkeit.

"Religion in Zeiten der Kontingenz" hätte der Buchtitel heißen können. Joas entschied sich für "Glaube als Option". Denn angesichts einer Pluralität von Weltanschauungen und Religionen wird christlicher Glaube zu einer von mehreren Optionen - etwa neben der "säkularen Option".

Dem Untertitel "Die Zukunft des Christentums" widmet Joas eines von zehn Kapiteln. Für Deutschland mag man resümieren: Konfessionelle Milieus verschwinden, ein überkonfessionell christliches Milieu entsteht, kirchlich gebundene Religiosität nimmt ab. In globaler Perspektive hingegen besteht kein Grund, "zweiflerisch nach den Überlebenschancen des Christentums zu fragen".

Am Ende des rund 250-seitigen Bandes erinnert Joas die Leser daran: Europa war in den vergangenen 2000 Jahren nie einheitlich christlich. Anders gewendet: Europa ist "reich an Traditionen eines religiösen Pluralismus". Europa ist nicht durchgehend, wenngleich in einzelnen Ländern stark säkularisiert. Doch selbst dort findet man mit wenigen Ausnahmen große Bevölkerungsteile, die Religionsgemeinschaften angehören und "zumindest gelegentlich individuell oder kollektiv an religiösen Praktiken und Ritualen teilhaben".

Die Zukunft Europas "wird eine multireligiöse sein" angesichts von Migration und religiöser Revitalisierung in manch postkommunistischem Land. Sie wird aber "auf absehbare Zeit nicht einem erneuerten Christentum gehören".

"Glaube als Option" vereint zehn teilweise zuvor publizierte, weitgehend aufeinander abgestimmte Artikel. Darin reagiert Joas auf unterschiedliche Fragen, die, so der rote Faden, religiöse Tendenzen der Gegenwart betreffen. Mögen Terminologie und Denkrichtungen der (Religions-)Soziologie nicht jedem geläufig sein, die herausfordernde Lektüre lohnt. Denn der katholische Soziologe bietet anregenden Stoff für eine Zeitdiagnose mit Blick auf die Rolle der Religion(en) sowie viel Nachdenkenswertes hinsichtlich der Weitergabe christlichen Glaubens.

Besprochen von Thomas Kroll

Hans Joas: Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums
Herder Verlag, Freiburg 2012
257 Seiten, 19,99 Euro


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