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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.11.2010

"Die USA müssten bei sich zu Hause anfangen"

Otmar Issing weist Kritik an deutschen Exportüberschüssen zurück

Moderation: Christopher Ricke

Der deutsche Exportüberschuss ist nicht schuld an der Misere der amerikanischen Wirtschaft, meint Otmar Issing. (AP)
Der deutsche Exportüberschuss ist nicht schuld an der Misere der amerikanischen Wirtschaft, meint Otmar Issing. (AP)

Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, weist Kritik am deutschen Handelsbilanzüberschuss zurück: Der Ansatz der Amerikaner, die deutschen Exportüberschüsse für weltweite Probleme verantwortlich zu machen, gehe "völlig in die Irre". Die Probleme der US-Wirtschaft seien hausgemacht.

Christopher Ricke: Es ist schon so etwas wie die Stunde der Pessimisten: Es wird wohl nichts werden mit dem Kampf gegen die Ungleichgewichte im Welthandel, jedenfalls keinen schnellen Sieg geben. Morgen und übermorgen treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrieländer, sie treffen sich in Südkorea, und der Gastgeber ist es, der jetzt schon, vorher, Wasser in den Wein gießt: Südkoreas Präsident erklärt, es werde wohl keine Leitlinie gegen globale Handelsungleichgewichte geben, eher werde man eine Arbeitsgruppe einsetzen. Dabei sind diese Ungleichgewichte ein echtes Problem, und der Super-Exporteur Deutschland trägt dazu seines bei.

Ich sprach mit dem Präsidenten des Center for Financial Studies an der Universität Frankfurt, mit Otmar Issing. Er war auch Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, und ich fragte: Herr Issing, teilen Sie den Pessimismus der Südkoreaner?

Otmar Issing: Nein, ich bin sogar froh darüber, dass man offenbar nicht einen Schnellschuss ins Seoul anstrebt, sondern über die Problematik noch einmal tief nachdenkt, bevor man falsche Maßnahmen ergreift, denn einfach Ungleichgewichte als solche als Problem zu identifizieren, ist der falsche Weg. Man muss immer sehen, was dahintersteckt, warum ein Land zum Beispiel ein hohes Defizit oder einen Überschuss in der Leistungsbilanz hat, man muss nach den Ursachen forschen, und dann kann man sich über geeignete Maßnahmen zur Abhilfe unterhalten.

Ricke: Dann ist es ja immer geboten, erst mal bei sich selbst anzufangen: Bei den Volkswirtschaften, die in der Kritik stehen, ist auch Deutschland dabei. Was können wir denn dazu tun, wir, die wir so viel exportieren, dass aus dem Ungleichgewicht ein Gleichgewicht wird?

Issing: Also zunächst einmal muss man ja fragen, ob hier überhaupt ein Ungleichgewicht vorliegt. Im weltweiten Maßstab – und nur dieser steht bei dem Gipfel der G-20 zur Debatte – gilt es ja, die Europäische Währungsunion insgesamt zu betrachten. Wir unterhalten uns ja auch nicht etwa über einen Exportüberschuss von Kalifornien oder ein Defizit von Florida, und in diesem Zusammenhang muss man auch Deutschland innerhalb der Währungsunion sehen, und die Europäische Währungsunion insgesamt hat keinen Exportüberschuss. Also der Ansatz der Amerikaner, uns, die Deutschen, zu kritisieren und für weltweite Probleme verantwortlich zu machen, geht von daher schon völlig in die Irre.

Ricke: Die USA sind es ja auch, die selbst für Probleme sorgen. Sie importieren und importieren, sie überschwemmen die Märkte mit billigem Geld, und das, wo wir doch eigentlich über Jahrzehnte gelernt haben, dass der US-Dollar eine Leitwährung ist. Kann das in den USA so weitergehen?

Issing: Der Dollar ist nach wie vor die führende Währung, eine Leitwährung, wenn Sie diesen Ausdruck bevorzugen. Aber die Politik der USA, wenn sie weiter in diese Richtung geht, gefährdet die besondere Stellung des Dollars, daran kann für mich kein Zweifel bestehen.

Ricke: Was müssten die USA also tun?

Issing: Die USA müssten bei sich zu Hause anfangen. Die Vereinigten Staaten stecken nach wie vor in schwierigen Problemen, mit den Folgen der Krise zurechtzukommen. Diese Krise wurde ja nicht zuletzt durch die Entwicklungen in den USA verursacht, die Haushalte in den Vereinigten Staaten sind bis über beide Ohren verschuldet, mit dem Zusammenbruch eines durch billige Kredite geförderten Baubooms, Häusermarktes, sind die Bilanzen der Haushalte durcheinandergeraten. Die privaten Haushalte in den Vereinigten Staaten haben so gut wie nicht gespart, sie haben auf Pump gelebt, das wird jetzt korrigiert in einem schmerzhaften Prozess, und je besser das den Vereinigten Staaten gelingt, desto mehr wird sich auch ihr Defizit in der Leistungsbilanz abbauen.

Ricke: Zu denen, die regelmäßig aufgefordert werden, ihre Hausaufgaben zu machen, gehören auch die Chinesen. Die halten ihre Währung künstlich billig, das ist ein Turbo für die Exporte und es bremst gleichzeitig die Importe. Wie viel Bereitschaft erkennen Sie denn bei den Chinesen, das mal zu ändern?

Issing: Das ist von außen schwer zu beurteilen, und China ist ein Land, das auf Kritik und Forderungen von außen, ich sage einmal, sehr abweisend reagiert. Man fühlt sich als größtes Land - von der Bevölkerung her - der Erde in einer starken Position, jedenfalls nicht in einer solchen, die einfach unbesehen Forderungen von außen, und seien sie auch von den USA oder gerade von den USA, umzusetzen.

Der Yuan, die chinesische Währung, hat sich ja aufgewertet, aber ganz sicher nicht in dem notwendigen Maße. Das zeigt sich auch daran, dass die chinesische Notenbank ja ein Devisenpolster in Höhe von sage und schreibe 2,5 Billionen US-Dollar aufgebaut hat, und der Prozess geht nach wie vor weiter. Das heißt, die chinesische Notenbank kauft Dollar an, um eine Aufwertung der eigenen Währung zu verhindern oder jedenfalls ganz stark abzubremsen.

Ricke: Die Spannungen im internationalen Währungsgeschäft – manche sprechen ja sogar von einem Währungskrieg –, diese Spannungen könnte man mildern, wenn man Weltbankchef Robert Zoellick folgt, der über ein neues kooperatives Währungssystem nachdenkt, sozusagen ein Korb mit US-Dollar, mit Euro, mit Yen, mit Pfund, mit Yuan, und er will das Ganze auf einem ganz alten Standard basieren lassen, auf dem Goldstandard. Ist so was realistisch?

Issing: Nein, diese Idee führt ins Nichts, sie wird übermorgen, denke ich, schon gar nicht mehr diskutiert werden, morgen vielleicht schon noch. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, warum der Goldstandard im Zuge der Weltwirtschaftskrise nach 1929 endgültig zusammengebrochen ist: Kein Land wollte sich der Disziplin unterwerfen, die von der Bindung an das Gold ausgeht. Als es galt, ein Weltwährungssystem für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu entwickeln, sagte ein bekannter Ökonom: Kein Land wird mehr bereit sein, die Vollbeschäftigung auf dem, wie er sagte, Altar des Goldstandards zu opfern. Heute ist dazu die Bereitschaft mit Sicherheit noch viel geringer, auf keinen Fall größer.

Ricke: Vielen Dank, Professor Issing!

Issing: Bitte schön!

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